Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1869)
- Date
- 1869-08-03
- Page
- Seite 630 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226690-3226722--27459-3263039- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
630 die sollst du zu deinem ersten symphonischen Gemälde machen-so lauten sie: Er schuf den Mond für die Zeiten, Die Sonne kennet ihren Niedergang. Du wirkest Finsterniß: Nacht Wirdes — Da regt sich all Gewild des Waldes, Die jungen Leu'n, nach Raube brüllend, Und ihren Fraß von Gott zu fordern. Auf strahlt die Sonne, sie ziehen sich zurück, Und Lagern sich in ihre Höhlen. Es geht der Mensch zu seinem Werke aus, An seine Arbeit bis zum Abend. E Bon Stund an bist du in deiner Beschäftigung völlig frei; ich gebe dir vierzehn Tage, wenn du willst vier Wochen Zeit zur Vollendung der Arbeit. Dann wirst du mir übergeben, was du fertig hast. Muth, Jakob, du hast ein großes Ziel und kannst es erreichen." Jakob antwortete nichts; schweigend verließ er das Zimmer, ging auf seine Kammer und warf sich auf sein Lager. Gerschom erwartete nichts Anderes. Er selbst fühlte sich begeistert von der Aufgabe, die er seinem Jünger gestellt, und hielt sich überzeugt, daß der Funke, den er soeb.-n in die Seele des Jünglings geworfen, gezündet habe, und schnell zur hohen Flamme aufschlagen werde. Er war seelenvergnügt, er war voll Siegesfreude. Wir haben aber unseren Lesern ein Geheimniß zu offenbaren. Ja, unser Jakob hatte auch ein Geheimniß. Gerschom hatte durchaus nicht mit der zeitgenössischen Musik gebrochen. Er verfolgte sie unermüdlich. Nein, nicht die Liebe allein, auch der Haß, der leidenschaftliche Haß fesselt an den Gegenstand, und läßt diesem Schritt auf Schritt folgen. Jüngst hatte nun Jakob unter neu angekommenen Musikalien einige von einem jungen, ihm dem Namen nach noch unbekannten Maestro zur Hand bekommen. Gerschom hatte sie in seiner wilden Weise weggeworfen, da er den Componisten entweder nicht kannte oder verachtete. Er hieß Wolfgang Amadeus Mozart, und die Compositionen bestanden in einer Fantasie, Sonate und Serenade. Jakob hatte sie unbefangen durchblickt, dann genau gelesen, endlich studirt. Er war entzückt, hingerissen, begeistert. Hier trat ihm eine vollendete Kunstform entgegen, wo vom Anfang bis zum Schluß alle Theile in einer harmonischen und natürlichen Weise zusammengefügt, von demselben Gedanken und Geiste erfüllt waren; hier gewahrte er eine Malerei, aber keine gekünstelte, keine verschrobene, eine Malerei tiefer Empfindung, auch in ihrem Wechsel glücklich abschattirter Gefühle, die doch nur nach einem Ziele strebten, nach der Erhebung und Läuterung des menschlichen Gemüthes. Sein Herz klopfte, seine Seele erwärmte, seine Phantasie belebte sich. Nein, das war kein bloßer Sinnenreiz, wie Gerschom behauptete, kein bloßer Kitzel der Gehörnerven, kein Spiel mit leeren Tönen, die durch ihren Zusammenklang ergötzen — es war der Mensch, wie er aus der Fluth des gemeinen Lebens auftaucht, sich vom Niedrigen loslöst, zwar schwankt und wankt, aber sicher sich erhebt, und zum Göttlichen anstrebt. Hier gab es kein Ringen mit dem Unmöglichen, kein Jagen nach dem Unsäglichen, keine Effecthascherei: es war nur das Ringen nach dem natürlichen und tiefinnigen Ausdruck dessen, was in der Seele des Menschen vorgeht an Hoffnung und Täuschung, an Sehnsucht und Befriedigung. Das zündete im Geiste Jakobs, das weckte seinen Trieb zum Schaffen, das erfüllte ihn mit voller Sympathie. Unwillkürlich griff er nach Notenblatt und Feder. Er beschied sich; er ging zuerst an die Serenade. In diesem kleinen Rahmen ein in ihm wogendes Gefühl zu musikakalischem Ausdruck zu bringen, drängte es ihn. Er versuchte ein Mal, zwei Mal: es gelang ihm. Die nächsten Tage brachte er drei oder vier solcher Compositionen zu Stande, und mit der letzten war er zufrieden. Er fühlte, hier war es ihm wenigstens gelungen seine Empfindungen ziemlich auszusprechen. Die Fantasie ließ er liegen, schon der Name erinnerte ihn an sein bisheriges Thun, das er zwar nicht verachtete, dem er sich aber abgewandt fühlte. Er griff nach der Sonate. Aber hier traten ihm viele Schwierigkeiten entgegen. Er begriff die Form nicht ganz, er konnte den Zusammenhang so sehe verschiedener Theile nicht gut verstehen; die Frage, wie tiefe Melancholie, langsam schreitender Trübsinn alsbald mit aufjubelndem Scherz, mit schnellfüßiger Lustigkeit fast unvermittelt sich verbinden könne, wußte er sich nicht zu beantworten. Und dennoch fühlte er sich von innen heraus davon befriedigt und versuchte nun, die gegebene Form streng nachahmend, Aehnliches zu schaffen. Es gelang ihm nicht. Er mußte wieder und wieder ansetzen und in diese Mühsale versunken, traf ihn die Aufgabe Gerschom's. Wir können nicht sagen, daß die ihm auferlegte Arbeit ihm geradezu widerwärtig war. In der Unentschiedenheit des Geistes, in welcher er sich befand und die ihn von einem Gegensätze zum anderen trieb, mußte es in ihm keinen Widerspruch erheben, sicb auf die entgegengesetzte Seite zu werfen und auch da sein Heil zu versuchen. Mehr noch aber drängte ihn das Pflichtgefühl der Dankbarkeit. Gerschom hatte ihn aus dem Abgrund des Elends gezogen, dem nahen Untergänge entrissen: so mußte er alle seine Kräfte aufbieten, um den Wünschen desselben zu genügen. Er ging einige Tage wie träumend umher. Gerschom kümmerte sich nicht darum, sprach kaum mit ihm, war aber gütig und zuvorkommend wie nie vorher. Endlich faßte sich Jakob und wollte an die Arbeit gehen. Er laß die Psalmstelle wieder und wieder; er fand sie schön, erhebend, auch hie und da malerisch in Worten. Aber als er sie nun musikalisch bearbeiten wollte — sann und sann er, träumte und träumte, bis ihm die Schläfen klopften und der Kopf brannte — aber er fand es nicht. „Er schuf den Mond für die Zeiten, Die Sonne kennet ihren Niedergang . . ."