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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-08-03 · Heft 31 (3.8.1869) · p. Seite 632

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 31 (3.8.1869)
Date
1869-08-03
Page
Seite 632 (sequence 20)
Language
German
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632 aber richtete er sich auf, warf seinen Blick auf den anderen Stoß und seine zitternde Linke griff nach den Blättern, die eine gefällige Reinschrift zeigten. Jetzt erbleichte er, und dann stieg die Röthe des Zornes auf seine Stirn. „Was? schrie er mit heiserer Stimme, Serenada prima? seconda? tertia? quarta? . . ." Seine Wuth wurde grenzenlos. Jetzt hielt er gar die Bruchstücke einer Sonate in der Hand, und darunter erblickte er die Hefte, welche den Namen Wolfgang Amadäus Mozart auf dem Titelblatte trugen, einen Namen, den er schmähte und verachtete, vielleicht weil er ihn ins Geheim um so höher achtete und in ihm den glücklichsten Gegner seines Systems und seiner Marotten erkannt hatte. Nun war es mit seiner Geduld und Zurückhaltung zu Ende. Er stieß das Fenster auf und schleuderte die Serenaden, die Sonate, die Mozart'schen Hefte auf den Düngerhaufen, der sich im Hofe unter dem Fenster befand. „Der Bettelkerl, der Lumpenmensch, der undankbare Schuft, schrie er wie toll, den ich gekleidet, und genährt, wagt es, unter meinem Dache meinen Todfeinden zu dienen, den Götzen zu opfern, während er für mich und meine Lehre nichts als das unsinnigste Zeug, den erbärmlichsten Kram hat. ... Ei, so soll ihn . . und sein steifer Arm suchte in gewohnter Weise nach dem Knotenstocke, der aber drunten in der Ecke des Wohnzimmers stand. In diesem Augenblicke hörte er Schritte durch die Hausthüre und den Vorsaal, das kleine hölzerne Gitter knarrte. Er wußte, wer kam, der unselige Gegenstand seines Zornes, seiner Wuth. Wie ein Blitz sprang er die Treppe hinab, in das Wohnzimmer, wo er den Stock ergriff, in den Vorsaal, wo ihm Jakob entgegenkam. „Esel und Fuchs zugleich/' schrie er, und schwang den Knotenstock, soweit ihm dies sein steifer Arm gestattete; seine Zipfelmütze war ihm längst entfallen, die wilden Haarbüschel bis auf die Schultern gerollt, seine Augen flammten, von Blut unterlaufen, es war ein Anblick zum Entsetzen. „Hinaus, hinaus, oder ich zerschmettere dir den leeren Schädel! Draußen glrre deine Serenaden und plärre deine Sonaten, du leerer Fant.'. ." Jakob war entsetzt zurückgewichen. Er konnte sich über die Ursachen dieses Grimmes nicht täuschen, konnte er doch nichts Anderes erwarten. Auf der Straße, vor der Thür stand er still; in der dunkeln Flur sah er seinen wüthenden Wirth, wie er ihm mit geschwungenem Knotenstock nachwollte, aber die kugelrunde Magd hatte ihn um den Leib gefaßt und hielt ihn zurück und schrie und jammerte. Gerschom ließ endlich den Knotenstock fallen, machte sich durch einen Ruck aus Hanna's Armen los, stolperte auf die Thüre zu, rief dem zürückweichenden Jakob nach: „Fluch über dich, du hast mir den Rest meines Lebens vergiftet! Und ich habe doch Recht, und nach Jahrhunderten wird der rechte Mann kommen!" — und schlug die Thüre des Hauses hinter sich zu. . . . Jakob wußte nicht, wie ihm geschehen. In seinem Herzen tobte das Gefühl, gegen seinen einzigen Wohlthäter undankbar gewesen zu sein, oder dock dessen Erwartungen gänzlich getäuscht zu haben. Der Gedanke, daß es gar nicht an ihm gelegen, die Hoffuungen desselben nicht erfüllen zu können, wehrte diese Oual nur schwach ab, denn seine Versuche den Ansichten Gerschom's gegenüber, und zwar mit mehr Glück, sprachen ihn schuldig. Dabei kam ihm die ganze Hülflosigkeit seiner Lage, in die er wieder eingetreten, zum Bewußtsein. Eine unsägliche Verzagtheit bemächtigte sich seiner. Er sah sich als einen Spielbaü zwischen feindlichen Mächten, die ihn sich zuwarfen mit harten Schlägern ohne zu achten, welche Schmerzen ihm die feindlichen Stöße verursachten. Der Abend war herabgesunken, die Straße leer, die Häuser geschlossen. Er setzte sich auf eine Steinbank an dem gegenüberstehenden Hause und blickte stier und gedankenlos auf die Stätte, wo er einige Monate hindurch eine ruhige Zuflucht und doch ein so mannigfaltiges Leben gefunden hatte. Die Nacht war dunkel, ein starker Westwind erhob sich und kündigte baldigen und strömenden Regen an. Er wußte, daß er wieder wandern, weiter, weiter wandern müsse, aber seine wenigen Besitzthümer, selbst seine Geige fehlten ihm. In dem Hause, aus welchem er vertrieben worden, hatte nur kurze Zeit ein schwaches Licht gebrannt, es war längst erloschen, und Alles dunkel und schweigsam. Da, um Mitternacht, klirrte ein Fenster im oberen Geschoß. Eine weibliche Gestalt, den Kopf in weißer Nachtmütze, lehnte sich hinaus, blickte sich um, gewahrte trotz der Dunkelheit den auf der Bank kauernden Jüngling und winkte ihm. Jakob näherte sich, getraute sich aber nicht der Gestalt etwas zuzurufen. Da brachte diese ein großes Bündel aus dem Fenster heraus und ließ es an einem Stricke langsam heruntergleiten. Jakob wußte, wer das Weib sei, und was ihr Thun zu bedeuten habe. Er ergriff das Bündel, löste es vom Stricke, nahm den Hut grüßend von seinem Kopfe, und als das Fenster sich wieder geschlossen, nahm er das Bündel auf und wanderte zur Vorstadt hinaus. lFortsetzung folgt.) Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Or. H. Lotze.

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