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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-08-03 · Heft 31 (3.8.1869) · p. Seite 620

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 31 (3.8.1869)
Date
1869-08-03
Page
Seite 620 (sequence 8)
Language
German
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620 tionär gebliebene Bewußtsein der Vorzeit noch lebt, versuchen die Gespenster längst überwundener Standpunkte sich noch zur Geltung zu bringen, indem sie der Menschheit das beschämende Bild früherer Thorheiten und Verirrungen aus den Zeiten ihrer Unmündigkeit Vorhalten. Auf diesem Standpunkte stehen die Völker in der europäischen Türkei. In Sa Ion ich i z. B. wird noch an das mittelalterliche Mährchen geglaubt, daß die Juden zur Bereitung der ungesäuerten Brode für das Passahfest Christenblut gebrauchen; deshalb würden die ungesäuerten Brode von dort aus nach allen Orten des Orients, wo Juden wohnen, massenhaft verführt, und von diesen letzteren theuer bezahlt. Die Beimischung des christlichen Blutes zu ihren ungesäuerten Broden soll aber auf dem Aberglauben beruhen, daß die Juden durch den Genuß eines, wenn auch noch so winzigen Theilchens desselben, der den Christen verheißenen ewigen Seligkeit theilhaftig werden und nicht mehr außer dem Bereiche der Erlösung stehen. Dieser lächerliche Aberglaube, der doch ganz augenscheinlich keinen jüdischen Ursprung haben kann, besteht im ganzen Orient, und die Griechen sind es vor Allem, die ihn bei jeder Gelegenheit zur Sprache bringen und somit Ursache von Hetzereien gegen die Juden, selbst in den von ihrer Heimath entfernten Gegenden, werden. In den rumänischen Hafenstädten, namentlich in Gallatz, wird durch griechische Matrosen und die dort ziemlich zahlreich domicilirenden anderen Griechen alle Jahre zu Ostern eine Judenhetze in Scene gesetzt, oder doch angefagt. Die rumänische Geistlichkeit, die noch viel tiefer als die griechische in Aberglauben und Unwisienheit versunken ist, ergreift gierig diese Gelegenheiten zu Manifestationen jeglicher Art, und selbst der Bukarester Metropolit hat es nicht unter seiner Würde gefunden, sich dabei zu betheiligen. Literarischer Wochenbericht. Leipzig, im Juli. (Zur talmudischen Lexicographie.*) Wenn man so oft darüber Klage *) Joh. Buxtorfii Lexic, Talmud, et Rabbinic. denuo ed. et annotatis auxit B. Fischer (Lips. 1868.) führen hört, wie sehr die lexicographische Arbeit über den Talmud noch im Argen liege, so vergißt man dabei, sich zu vergegenwärtigen, wie es denn mit der Lexicographie anderer Sprachen und Literaturen bestellt ist. Man würde dann sicher sein Urtheil mildern! Die Lexicographie ist derjenige Theil der Sprachkunde, der mehr als irgend ein andrer Theil derselben innere Schwierigkeit mit äußerer Umfangsgröße verbindet. Die neuere Sprachwissenschaft hat es vor allem mit den Formen der Spracherscheinung, dem Worte als solchem zu thun und bemüht sich zunächst zu zeigen, welche Veränderungen und Gestaltungen das Wort annimmt, um eine jeweilige Aenderung in seinem Begrisfsganzen einzugehen. Indem sie also die möglichen Gestaltungen des Wortkörpers untersucht, muß sie sich über die Entstehung und Entwickelung dieser Umstaltungstheile, über deren Urbedeutung, spätere Modification u. s. w. Rechenschaft geben — kurz sie hat eine organische Formenlehre aufzubauen. Die Lexicographie aber soll von denselben Gesichtspunkten ausgehend ein gleiches Geschäft, nicht mit dem Worte als solchem, sondern mit jedem einzelnen Worte als einem Stücke des Sprachgutes vornehmen — also welche Arbeit! Vor allem das Etymon, dann dessen Urbedeutung, dann die psychologischen inneren und den äußerlich geschichtlichen Hergang in der Entwickelung des Wortbegriffes, dann die Lautänderungen, die es erlitten, jetzt die Familienglieder desselben in Composition und Derivation und für alles dieses die Belege aus der Literatur: kann man verlangen, daß dieß auf einmal, von Einem Alles geschehe!? Und von den neueren Sprachen abgesehen (deutsch: Grimm, italienisch: Bolza, französisch: Academie) haben wir zu den alten Sprachen derartige Arbeiten noch gar nicht, wie sie die neuere Grammatik schon eher aufweist. Im Lateinischen ist noch nichts geschehen, im Griechischen werden die Anfänge gemacht (Curtius, Seiler, Schenkt), im Hebräischen ist nach Gesenius erst Fürst tiefer eingegangen, das arab. Lexicon von Frehtag ist eine Bearbeitung der arab. Nationallexica (Kamus>, desgleichen im Syrischen, Persischen u. s. w. Die alten Lexica sind aus dem engeren Kreise der Erklärung seltener schwerer Wörter und Redensarten (M&ig, ylüoam) in das weitere Feld des die ganze Sprache umfassenden Onomasticon übergegangen, und jedes ältere Lexicon will ein Thesaurus sein, der den gesummten Sprachschatz in sich

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