Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1869)
- Date
- 1869-08-03
- Page
- Seite 619 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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619 und weibliche Stimmen riefen unter Verwünschungen nach ihren im Innern befindlichen Männern. Dieser Tumult wurde immer ärger; der Missionär ließ sich nicht abschrecken, würde aber vermuthlich seine schöne Rede nicht haben endigen können, wenn nicht einige angesehene Juden hinausgetreten wären und das stürmende Volk unter Hinweisung aus die Drangsale ihrer verfolgten Glaubensgenossen in Fokschany und auf die von jenem predigenden Mann zu erwartende Hilfe, besänftigt hätten. Es ist doch merkwürdig, wie wenig Takt und Menschenkenntniß diese Herren Missionäre besitzen. Die englische Mission hatte in letzter Zeit einen berühmten Prediger, einen getauften Hamburger Juden; er war verheirathet uud liebte seine Gattin außerordentlich; da traf ihn das Unglück, daß sie nach kurzer Zeit starb. Sein Schmerz und seine Trostlosigkeit über diesen Verlust müssen sehr groß gewesen sein, denn der Arme griff zu Horne's berüchtigtem Auskunftsmittel, der Geisterklopferei, um die Verstorbene zu citiren, und dabei kam es heraus, daß er selbst ein Medium, ein Jünger des viele englische und amerikanische Köpfe verdrehenden Spiritismus sei. Kaum wurde dies in der Stadt bekannt, als sich auch viele an ihn wandten, welche nach dem Jenseits Bestellungen zu machen hatten, und Wunderdinge kamen zum Vorschein. Der große Mediator mußte nach einiger Zeit, trotz seiner Gewalt über die Bewohner der Geisterwelt, Bukarest verlassen. Einige andere Mitglieder der englischen Mission haben ihrerseits einen besseren, d. h. einen praktischeren Lebenszweck für sich erwählt: sie wandten sich dem Handel und der Diplomatie zu, und so ist denn der Eine von ihnen Konsul in Giurgewo, der Andere Kaufmann in Bukarest geworden. Die meisten behandeln ihren Missionsposten als eine Zwischenstation, als Mittel zum Erwerb des nöthigen Geldes, um damit irgend ein anderweitiges Geschäft zu beginnen, oder ihr früher betriebenes Gewerbe wieder vorzunehmen. Ich habe in den größeren Städten der Levante, in Smyrna, Beyrut rc. Herren dieser Kategorie kennen gelernt, die still ihrem bürgerlichen Berufe nachgingen und aus ihre frühere Missionsthätigkeit nicht besonders gut zu sprechen waren. Die englische Mission besitzt in Syrien eine Kolonie, wohin die bekehrten armen Judenfamilien geschickt werden, dort unentgeltlich Aecker, Geräthschaften und auch Geld erhalten, um Ackerbau zu treiben. Ich besuchte diese Station; sie liegt unmittelbar bei Jaffa, ist aber leider in einem sehr trostlosen Zustande, und man ging, wegen Mangels an Kolonisten, schon mit der Idee um, das Ganze wieder zu verkaufen. Mit der Bekehrung hat es überhaupt eine eigene Bewandtniß. Die Bukarester äußerst kleine Proselyten- Gemeinde lebt in widriger Lieblosigkeit, in Zank, Hader und Zerwüfniß unter einander; man sieht es ihren Mitgliedern an, daß sie nur irgend eines zeitlichen Vortheils wegen diese ihre gegenwärtige Maske tragen, — ja diese Maske ^sieht man ihnen nur zu deutlich an, und oft kommt es denn auch vor, daß die Bekehrten rückfällig werden, oft auch, daß sie sich Dinge zu Schulden kommen lassen, die ihre Entfernung nach sich ziehen. Die Missionäre nämlich, um ihrer Heimat Beweise ihres Eifers und ihrer Geschicklichkeit zu geben und somit Anspruch auf Förderung zu haben — vielleicht und sehr wahrscheinlich aus viel näher liegenden Gründen, — spüren verunglückten Judenfamilien nach, denen sie goldene Aussichten eröffnen, wenn sie in die ihnen geöffnete Kirche einzutreten sich entschließen. Mir sind selbst ein Paar Familien bekannt geworden, die sich durch solche Versprechungen leiten ließen, diesen Männern zu trauen, und die eben dadurch in das größte Elend geriethen, weil sie von ihren eigenen Glaubensgenossen als Abtrünnige aufgegeben, von ihren neuen Freunden aber in allen bei ihnen angefachten Erwartungen hintergangen worden sind, worauf sie in ihrer Verzweiflung auf allerhand Irrwege geriethen. Es sollen aus England auf Requisition dieser Missionäre bedeutende Summen zum Behufe der Unterstützung solcher zu bekehrenden Familien hereinfließen, aber diese erhalten davon höchstens nur sparsame Brocken. Die Bekehrung, heißt es dann, wenn die Leute reklamiren, soll ja nur aus inneren Motiven und nicht des leidigen Mammons willen erfolgen, und diese ganz unerwartete, allen Antecedentien widersprechende Wendung der Dinge läßt dann die bedauernswerthen Opfer, aber freilich zu spät, einsehen, daß sie als bloßes Mittel zur Erreichung anderweitiger Zwecke gedient haben. Die Proselytenmacherei ist in unseren Tagen — gelind gesagt — nicht mehr zeitgemäß. Unsere occidentalischen Juden fühlen wohl auch, gleich den Christen, ein Bedürfniß nach religiösen Reformen, aber nur das von humanen Ideen durchdrungene Weltbürgerthum eines Lessing vermag ihnen diese Reformen zu bieten. Im Orient dagegen, wo das auf verschiedenen Stadien sta-