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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-08-03 · Heft 31 (3.8.1869) · p. Seite 616

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 31 (3.8.1869)
Date
1869-08-03
Page
Seite 616 (sequence 4)
Language
German
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616 ganz detaillirten Lehrplan nach Art eines Gymnasiums, und steht unter der straffen Leitung eines Mannes, des Direktors. Sie ist dadurch von der Richtung, dem Charakter, den Ansichten und den Kräften eines einzigen Mannes abhängig, prägt der Anstalt einen durchaus bestimmten und einseitigen Charakter auf, und übt eine Diseiplin aus, der sich nur wenige Schüler entziehen können, und welche auf das ganze Leben und Wirken der darin erzogenen Geistlichen eine maßgebende Wirkung hat. Wir wollen hier den Werth und die Erfolge einer solchen Anstalt nicht diskutiren. Es ist uns, so sehr wir dazu provozirt sind, um keine Polemik zu thun. Aber man wird uns doch wohl gestatten müssen, nach langem Stillschweigen ein unparteiisches Urtheil sine ira et studio nicht blos aus unserem eigenen Standpunkte, sondern nach der Ansichtsehr vieler einsichtsvoller Männer auszusprechen. Die Stelle eines solchen Seminars ist lediglich die eines Gymnasiums, nämlich die einer tüchtigen Vorbereitungsanstalt für die Universität. Diese letzteres selbst kann sie niemals entbehrlich machen, und es wäre geradezu ein Unglück für das Judenthum, wenn die Ausbildung der Rabbiner, Prediger und höheren Lehrer hierbei stehen bliebe. Die Vereinigung hochgebildeter Lehrer als Professoren, die zwar in ihrer Bereinigung nach einem bestimmten Zusammenhänge die verschiedenen Disciplinen vortragen, aber einander coordinirt sind, und selbst von einem Direktor nicht disciplinirt werden, und die selbstständigere Stellung der Schüler zu diesen Lehrern, ganz nach dem Muster aller anderen Fakultäten einer Universität, giebt ein ganz anderes Mittel und eine ganz andere Bürgschaft für die allseitige und parteilose wissenschaftliche Ausbildung und für die wahre Pflege der jüdischen Wissenschaft, als ein, aus einer einzigen Privatquelle entstandenes Seminar, in welchem Alles octroyirt ist und wird. Einen Beweis hierfür liefern gerade die früheren Einrichtungen innerhalb des Judenthums. Denn das ist ein Triumph der neueren jüdischen Bestrebungen und Ansichten, daß sie, sobald sie nicht nach dem Buchstaben, sondern nach dem Geiste mit den früheren Institutionen und dem früheren Leben des Judenthums verglichen werden, überall Analoga finden. In früherer Zeit hielt jeder angesehene und wissensreiche Rabbiner seine Jeschrba, und lehrte nach seinem Geiste, nach seinem Wissen, nach seinen Neigungen. Kein Schüler war an ihn gebunden, sondern jeder suchte nach seinem Belieben die berühmtesten Lehrer auf, und verharrte daselbst, so lange er etwas zu finden hoffte. Das war eine Universität im größten Maßstabe, die nur der örtlichen Vereinigung entbehrte. Denn die verschiedenen Lehrer zeichneten sich in den, verschiedenen Zweigen aus und hatten hiernach ihren Ruf. An ein, von einem,^einseitigen Standpunkte geordnetes und geleitetes Seminar war nicht zu denken. Die neuere Zeit ist auch hier berufen, den alten erstarrten Geist, das alte, in den letzten Jahrhunderten verknöcherte Prinzip wieder zu beleben und zur Auferstehung zu bringen, aber nach den Bedürfnissen unv der Entwickelung des Geistes mit einer höheren Ordnung zu vereinbaren, nicht aber aus kirchlichen Gebieten Muster herüber zu nehmen, welche selbst von unserer Zeit mit Anstrengung als veraltet bekämpft werden. Dies ist die Ansicht, die sich bei allen unparteiischen und vorurtheilslosen Männern jetzt geltend macht, und wir werden uns ebensowenig durch sophistische Einreden als durch jungenhafte Angriffe beirren lassen. Wir wenden uns daher an alle jüdischen Männer Deutschlands, die Geist und Herz für die Gegenwart und Zukunft unserer Religion in sich tragen. Wir fragen sie: Sind die letzten drei Jahrzehende spurlos an Euch vorübergegangen? Oder hätten sie Geist und Herz für das Judenthum nur in Euch vermindert und geschwächt? So erhebt Euch zu einer That; zu einer That, die Eure Kräfte durchaus nicht übersteigt, die Euch zu große Opfer gar nicht auferlegt, die Euch nicht mehr abfordert, als zu irgend einer Wohlthätigkeitssache verlangt wird; zu einer That, mit der wir endlich einmal aus den bloßen Phrasen herauskamen! Fürwahr, es ist genug gesprochen und proclamirt worden; Ihr habt nach Außen und Innen mit Worten nunmehr genugsam Versicherungen gegeben — umsomehr bedarf es aber der Thatsachen, um jene schönen und erhebenden Worte als Wahrheit zu erhärten! Wir glauben an den Erfolg, und werden schon jetzt jede Zeichnung für die Gründung der jüdisch-theologischen Fakultät dankbar entgegennehmeu. Der Anfang ist schon gemacht.' In diesen Tagen besuchte uns der Direktor des Taubstummen-Jnstituts zu Wien, HerrJ. Deutsch, und lenkte von selbst das Gespräch auf diesen Gegenstand. Er zeichnete aus freien Stücken 100 fl. ö. W. für den Fond. Mögen sich der Nachfolgender! viele finden!

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