Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-08-03 · Heft 31 (3.8.1869) · p. Seite 615

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 31 (3.8.1869)
Date
1869-08-03
Page
Seite 615 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226722--27444-3263024
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

615 Dieselbe besteht nach der Reihenfolge', in welcher die Mitglieder genannt wurden, aus den Herren Dr. Ludwig Philippson in Bonn, Dr. A. Geiger in Frankfurts Großrabbiner Astruc aus Brüssel, Dr. Joel aus Breslau und Prof. Dr. Lazarus aus Berlin. Sie hat sich noch nicht constiluirt, aber wir wollen keine Zeit verlieren, unsrerseits dem hochwichtigen Gegenstände die möglichste Oeffentlichkeit und Anregung zu geben. Zu gleicher Zeit verlautbarte, daß in Berlin zu gleichem Zwecke einige Männer zusammengetreten. Aber es war davon außer einer Zeitungsnachricht nichts in die Oeffentlichkeit gekommen. Auch unterblieb jede bestimmte Mittheilung an die Synode. Demungegchtet hat diese, welche in der That in allen Angelegenheiten unbefangen, vorurtheilslos und nur die Sache im Auge habend vorgegangen, ihrem Votum die Bestimmung hinzugefügt, daß die Commission sich mit ähnlichen Bestrebungen in Verbindung setzen solle. Warten wir nach dieser Seite hin das Weitere ab, und betreiben wir die Angelegenheit in thatkräftiger Weise. Wir haben es hier mit einem Projekte zu thun, das alten Datums ist, und in uns aus einer langen Vergangenheit die innigsten Sympathien erweckt. Es war am 24. Oktober 1837, als wir in Nr. 88 des ersten Jahrgangs dieser Zeitung eine „Aufforderung an alle Israeliten Deutschlands zu Subskriptionen um eine jüdisch-theologische Fakultät für Deutschland zu begründen" veröffentlichten. Diese begeisterte und begeisternde Aufforderung fand einen allgemeinen Anklang, und es begannen sofort die Zeichnungen, welche ungefähr zur Höhe von 17,000 Thlrn. stiegen. Wie gewöhnlich, wo es jüdische und wissenschaftliche Zwecke betrifft, hielten sich die Reichen in Israel fern, die Kunde des Unternehmens drang theils gar nicht zu ihrer Höhe, wo sie nur mit finanziellen und industriellen Operationen beschäftigt sind, theils ignorirten sie eine Angelegenheit, welche lediglich innerhalb der jüdischen Kreise sich bewegte, und hatten keinen Sinn dafür. Wir konnten nur auf Unterstützung aus der großen Mittelklasse rechnen, und in dieser war denn doch das Verständniß und hiermit die Opferwilligkeit noch zu gering. Unserem Unternehmen ein Ende machte eine Jntrigue in einer großen deutschen Gemeinde, welche uns von dem weiteren Verfolgen dieser Angelenheit abschreckte, so daß wir sie fallen ließen. Hätten wir damals die Erfahrung gehabt, wie heute, wir würden wahrscheinlich uns nicht ergeben haben, sondern hätten unsere Bemühungen ununterbrochen fortgesetzt. Es sind seitdem 32 Jahre verflossen, die Sache ist reifer geworden, die Einsichten haben sich weiter und weiter verbreitet, und es muß sich jetzt zeigen, ob die Thatkraft eine größere, die Tendenz eine günstigere geworden. Daß in den Geistern das Streben nach diesem Ziele in diesem langen Zeiträume nicht erloschen, zeigten die Vota der früheren Rabbinerversammlungen, ohne daß freilich durch sie ein thätiges Wirken erfolgte. Wir wollen unsere Aufforderung von damals nicht wieder geben. Aber was sie enthält, hat noch heute vollkommene Richtigkeit. Eine Voraussetzung hat sich geändert. Damals standen wir im Uebergange und mitten im heftigsten Kampfe um die bürgerliche Gleichstellung. Wir sagten deshalb: „Beweiset es Allen durch eine That, durch eine glänzende That, daß es Euch darum zu thun ist, nicht blos die äußeren, materiellen Vortheile der neueren Zeit, die bürgerliche Freistellung zu erhalten und zu genießen; sondern auch die innere, geistige Bewegung des Lebens." Nun, die bürgerliche Freistellung ist seitdem im westlichen- und Mittel- Europa erlangt worden — aber die That ist nicht geschehen, der Beweis noch nicht geführt worden. Wir verlangten damals einen Fond von 100,000 Thlrn. Dies würde auch heute noch genügen. Eine jährliche Einnahme von 5—6000 Thlrn. würde vollständig ausreichen. Diese Summe besitzt z. B. das Baruch-Auerbach'sche Waisenhaus zu Berlin in fast doppeltem Maße, und hat seine Mittel doch nur allein aus Berlin gezogen. Hier stehen wir vor einem unentbehrlichen Institute für ganz Deutschland, ja für das gesummte Judenthum, und es sollten sich dazu die Mittel aus der Gesammtheit der deutschen Judenheit nicht finden? Wenn an einer solchen Fakultät drei ordentliche Professoren mit etwa je 1200 Thlrn. Gehalt und zwei Lectoren mit je 500 Thlrn. angestellt wären, so würden hiermit sämmtliche jüdisch-theologische Disciplinen genügend versorgt sein. Preisaufgaben, Stipendien, Bibliothek würden mit dem Rest der Einnahmen beschafft und durch den zu erhoffenden immer weiteren Anwachs auszudehnen sein. Man sieht, die Sache hat eine bestimmte Gestalt, und streift durchaus nicht in's Unbegrenzte, Unbeschaffbare. Die jüdisch-theologische Fakultät ist durchaus nicht mit einem „jüdisch-theologischen Seminar" zu verwechseln. Die erstere hat einen zweifachen Zweck: die vielseitige Ausbildung der jüdischen Lehrer, der Rabbiner, Prediger und höheren Lehrer, und die wahrhafte Pflege der jüdischen Wissenschaft. Ein Seminar befolgt einen 31*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.