Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1869)
- Date
- 1869-07-27
- Page
- Seite 611 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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611 tragen, daß die eine Gemeinde etwas einführt von dem, was wir hier empfehlen, und eine andere sich dagegen sträubt; wenn es nur hier aus religiösem Sinn geschieht und dort es aus religiösem Sinn nicht geschieht (bravo). Auf das Innere müssen wir sehen und nicht blos auf die äußere Form." Das Judenthum ist von jeher der Träger des einen Gottesgedankens gewesen; ja diesen Gottesgedanken hat es zu allen Zeiten, in allen Formen getragen, bald wie ein Joch, bald wie eine Krone (bravo). Darum sei diese Einheit des Judenthums keine Phrase für uns, sondern der Ausdruck für die lebensvolle Continuität. — Suchen wir die Continuität aller Juden zunächst horizontal in der Gegenwart, die Juden aus allen Ländern, aus allen Welttheilen, sie sollen alle eine Einheit bilden, geschaart um den einen Gottesgedanken. — Aber auch vertical, im Ablauf der Zeiten in der Geschichte wollen wir ebenfalls eine Continuität der jüdischen Geistesentwickelung wahrnehmen, festhalten und pflegen. Dieser Geist der Einheit ist der Geist, der auch in dieser Versammlung sich zu erkennen gegeben hat. Niemand ist Hier unter uns, der sich gesträubt hat, irgend etwas abzuschasfen, gesträubt, nur deshalb, weil es überliefert ist; Niemand, der irgend etwas absolut conserviren wollte, ohne Rücksicht auf alle sittliche Entwickelung in der Zeit, ohne Rücksicht auf alle Strömungen im Geist, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Gegenwart. Der Grundgedanke, der sich unter uns, in verschiedenen Modificationen, ausgesprochen hat, hat doch immer d i e Mitte festgehalten: Wir wollen nicht zu denen gehören, welche den Zeiger an der Uhr anhalten oder zurückstellen und nun meinen, die Uhr ginge nickt weiter; wir wollen aber auch nicht zu denen gehören, welche fortwährend die Uhr aufziehen -bravo). Bekanntlich geht die Uhr während der Zeit des Aufziehens nicht, diejenigen also, die fort und fort die Uhr aufziehen, wissen gar nicht, was an der Zeit ist (bravo)." — Zum Schluffe sprach der Redner noch den besondern Dank an die Gemeinde Leipzig aus, und wünschte, daß die Synodalversammlung so wachse, wie die Leipziger Gemeinde in kurzer Zeit aus einer geringen Zahl zu einem stattlichen Gemeinwesen geworden. Oberrabb. Dr. Löw aus Szegedin antwortete dem Vorsitzenden im Namen der Versammlung, die sich von ihren Sitzen erhob. Das unterirdische Jerusalem. Von Karl Blind. «Fortsetzring.) Der Plan des alten, unterirdischen Jerusalem enthüllt sich auf diese Weise allmälig dem Auge. Ja, bis in die Zeit vor Salomo führen uns die gemachten Ausgrabungen zurück, denn an einer Stelle ist Bauwerk unterhalb der Tempelmauer gefunden worden! Ueberbleibsel aus dieser vor-salomonischen Zeit sind unter den Gegenständen enthalten, welche die Ausstellung in der „Egyptischen Halle" bilden. Tief unten an der Mauer, welche heute die große Moschee stützt, hat man Steine gefunden, auf denen eigenthümliche Zeichen roh eingehauen oder mit rother Farbe rnarkirt sind. Ihre Bedeutung war bisher unbekannt. Es ist das Verdienst des Herrn E. Deutsch — dessen Arbeiten im Talmud-Gebiete ich in einem früheren Aufsatze*) erwähnte — den Sinn dieser Inschriften zuerst erkannt zu haben. Er erklärt sie, nach unlängst erfolgter persönlicher Besichtigung, für Bauzeichen (Zahlen u. s. w. darstellend) der phönirischen Maurer und Steinmetzen, welche den Tempel bauten, wie es beschrieben steht im ersten „Buche der Könige", Kap. 5, wo man den Vertrag lesen kann zwischen Salomo und Hiram, dem Könige zu Tyrus. Und in den Kapiteln 6 und 7, wo die Errichtung des Tempels und der königlichen Häuser geschildert ist — mit ihrer Verzierung von geschnitzten Palmen und geschnitztem Blumenwerk, mit Goldblech belegt, von „Löwen, Ochsen, Cherubim" und einem „gegossenen Meere", das „auf zwölf Rindern stand, welcher drei gegen Mitternacht gewandt waren, drei gegen Abend, drei gegen Mittag und drei gegen Morgen, und das Meer oben darauf; daß alle ihre Hintertheile inwendig waren". Eine sonderbare Ein-Götterei! Doch treten wir zu den hier vor uns liegenden Resten des jüdischen Alterthums! Da sind Töpfereien: Krüge, Oel-, Butter-, Mehlgefäße; manche grob gearbeitet, einige mit zierlicher Biegung. Man hat deren welche in einer Tiefe von 72 Fuß gefunden. Sie sind theils von beträchtlicher Größe, theils winzig klein. Einige phönicische sind dabei; man kennt sie an dem Farbenschmucke. Goldene und silberne sind freilich nicht darunter, obwohl es im Buche der Könige heißt: „Alle Trinkgefäße des Königs Salomo waren golden, und alle Gefäße im Hause vom Walde Libanon waren auch lauter Gold; denn des Silbers achtete man zu den Zeiten Salomon's nicht. Denn das Meerschiff des Königs, das auf dem Meer mit dem Schiff Hiram's fuhr, kam in dreien Jahren einmal und brachte Gold, Silber, Elfenbein, Affen und Pfauen." Thränenkrüglein liegen hier auch. Sie sehen fast aus wie die gläsernen Gefäße, welche die Dandies ins Knopfloch stecken, um die Blume, die sie am Frack tragen, während des Abends frisch zu erhalten. Eine Menge Glasscherben von reichem Farbenschmelz sind in einem der Kästen aufbewahrt. Die Frage über die Zeit, welcher sie angehören, ist wohl schwer zu lösen. Von ihrer Beantwortung wird es abhängen, ob wir unsere Meinung von dem Alter der Erfindung des Glases zu ändern haben. *> lieber Fergusson's „Baum- und Schlangendienst" (Tree and Serpent Worship).