Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1869)
- Date
- 1869-07-27
- Page
- Seite 612 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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612 Sie sind in großer Tiefe gefunden worden; nach den Bruchstücken zu urtheilen, liegen hier mancherlei Stengelgläser vor, die ganz wie unsere heutigen müssen ausgesehen haben. Daß die Juden dem Weinstock zugethan waren, wissen wir aus vielen Stellen des Alten Testaments. Zwei große Glasvasen, fast wie Lampengläser aussehend, mit einem tiefen Einbug sind auch da. Vom Boden derselben reicht ein dünner, abgebrochener Stiel herauf. Die Bestimmung dieser Gefäße ist mir nicht klar. Kleine birnenförmige Lampe» von Töpferarbeit, viele sehr nett und handlich, haben sich erhalten. Sie sehen ganz frisch aus; an der Oesfnung, durch welche der Docht ging, sind sie durch die Flamme geschwärzt. Hier liegt ein Siegel Hagai's, des Sohnes Schebniah. Auch ein Siegel einer jüdischen Gesellschaft. Ein paar Würfel, gerade wie die unsrigen. Ein elfenbeinerner Löffel. Ein Ohrgehänge, am Körper einer Frau gefunden. Einige Häufchen Muscheln. Ein elfenbeinernes Täfelchen, wahrscheinlich zu einem Spiel dienend. Eine Spange; der Buckel eines Kriegsschildes;,der Kopf eines Jupiter Serapis; ein Säulenkapitälchen und dergleichen mehr. Ein kleines Bildniß in Thon von einer Jungfrau. Hier auch zwei sonderbar geformte Dinge, man könnte sie beinahe für Tabakspfeifen halten; ob vielleicht besser duftendes Räucherwerk in denselben verbrannt wurde, als uns Amerika gegeben hat? Ein theilweise verkohltes Stück Schnitzerei aus Cedernholz bringt uns den Tempel wieder in Erinnerung. Da ist Mörtel von einer Wasserleitung. Da stehen eherne Lampen aus einer Höhle bei Ophel. Manche der Gegenstände sind in der Nähe des Oelberges, in der Höhle von Adullam, wohin David vor Saul's Zorn flüchtete, uud an anderen Orten, deren Namen uns so bekannt im Ohre klingen, gefunden worden. Jüdische Münzen sind auch ausgestellt, zusammen mit römischen und sarazenischen. Aus dem Teiche von Bethesda ist ein Stück des gemauerten Bodens vorhanden. „Es ist aber zu Jerusalem bei dem Schafhause ein Teich, der heißt auf Ebräisch Bethesda und hat fünf Hallen, in welchem lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Dürre; die warteten, wenn sich das Wasser bewegte." So heißt es im Evangelium Johannis, wenn ich nicht irre, an der einzigen Stelle des N. Test., wo dieser Heil- und Badeort erwähnt ist. Eine Anzahl Gewichtsteine liegen da. Einer derselben ist mit einer eingegrabenen Marke versehen, ähnlich den oben erwähnten Bauzeichen der phönicischen Maurer. Zwei Kindersärge in Stein, mit eingehauenen Strahlensternen, ganz frisch, wie eben vom Meißel gekommen, gehören wohl nicht der ältesten Zeit des Judenthums an. Nur wenige Sachen aus Eisen sind gefunden worden: die Stachelspitze eines Ochsentreiberstockes, ein Schloß und einige andere Kleinigkeiten. (Schluß folgt.) Kleine Mittheilungen. (Eine Mortarageschichte.) Man schreibt aus Warschau, 6. Juni: „Ein hiesiger Schuster aus der Taubengasse deckte seit Jahr und Tag seinen Bedarf an Mnndvorrath aus dein Kram einer Jüdin. Der Lehrjunge des Meisters, Namens Peter, hatte die vertrauliche Mission, alltäglich den Einkauf der Frühstücksemmeln bei besagter Händlerin zu besorgen, bei welcher Gelegenheit jedoch Peterlein auch sein Ich berücksichtigte und stets eine Semmel für eigenen Bedarf vom Ständer herab annectirte. Die Jüdin wußte darum lange Zeit nicht, und als sie schließlich vom communistischen Talente des Schusterjungen Beweise erhielt, machte sie bei dessen Lehrherrn die wohlmotivirte Klage wegen Beeinträchtigung ihres Besitzes anhängig Der Meister erwog nicht lange die Sache, sondern betraute sich mit dem Vollzüge der Execution nach der bekannten Jnductionsmethode mit dem Knieriemen. Peterlein wurde von da ab kopfhängerisch, denn er brütete Rache. Der Plan war bald ausgeheckt und eines schönen Morgens raubte er der Semmelhändlerin ein Töchterlein im Säuglingsalter. Der geneigte Leser möge sich nur gleich beruhigen, Peter warf seinen Raub nicht in die Weichsel, er schlachtete ihn auch nicht ab, sondern er trug ihn zur Findelanstalt und setzte dort das Kind mit der geschriebenen Bemerkung aus, daß es noch nicht das heilige Sacrament der Taufe erhalten. Diesem half man in der Anstalt bald ab und der Findling war, ehe er sich's versah, in den Schooß der seligmachenden Kirche ausgenommen. Die Jüdin-Mutter, der man früher die Semmeln und bald darauf das Töchterlein gestohlen, kam durch Jdeenassociation auf den Thäter, und Peterlein gestand auch ein, was er mit dem Kinde gethan. Die wehklagende Mutter hatte so ihr Kind wohl gefunden, aber zurück bekam sie es doch nicht, dieweil es unterdessen Christin geworden uud der Uebertritt eines Christen zum Judenthume nach russischen Gesetzen nicht zulässig ist. Die Mortarageschichte ist übrigens noch nicht endgiltig entschieden und soll vorerst des Weitern erwogen werden, da das Kind fälschlich als nicht getauft untergeschoben worden war, wahrend es doch factisch früher nach jüdischem Ritus zur Jüdin erklärt gewesen. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lvtze.