Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1869)
- Date
- 1869-07-27
- Page
- Seite 610 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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610 Und ebenso bei den Römern und anderen Völkern. Nun sagt man vielleicht: das war der einfache Verfall. Aber, meine Herren, es giebt zweierlei Völker; es gab schon im Alterthum zweierlei Völker und giebt namentlich heute welche, die einen, welche kurzlebig sind, welche eine Entwickelung haben, ein Wachsthum und dann einen Verfall. Es giebt andere, welche langlebig sind, bei denen aufsteigende Epochen, absteigende und dann wieder aufsteigende stattfinden. Die Einen sind gewissermaßen wie die Halmgewächse und die Gräser; sie haben nur einen Sommer; die Pflanze gedeiht, die Pflanze vergeht; in die Scheuer aber wird ihre Frucht getragen. Die Frucht des griechischen Geistes ist in den Scheuern der Geschichte der Menschheit als Nährstoff ihrer geistigen Entfaltung aufbewahrt; das griechische Volk aber ist wie ein Halm dahingegangen. Andere Völker sind wie die Bäume; sie wachsen, auch sie haben winterliche Ruhe; aber wenn das Frühjahr kommt, dann sprossen sie neu auf und gedeihen von Neuem, sie blühen und tragen neue Früchte. Ein solcher Baum ist das Judenthum. Sind die Deutschen der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts, der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts, also die Deutschen von diesen hundert Jahren, sind sie in ihrer geistigen Thätigkeit, in ihrer religiösen Tiefe, in ihrer moralischen Höhe, in schöpferischer Kraft, sind sie etwa zu vergleichen mit den Deutschen des folgenden Jahrhunderts? Ja, ich sage noch mehr, sind sie etwa zu vergleichen mit den Deutschen des 16. Jahrhunderts? Mit nichten. Jene'100 Jahre verglichen mit früheren oder späteren, kann man sagen, sie waren unfähig, sie waren leer, unkräftig, unschöpferisch. — Ja, sagt man, das waren die Folgen des 30jährigen Krieges. Wohl! wohl! es waren das wesentlich die Folgen des 30jährigen Krieges. Hat es aber Israel an Ereignissen in seiner Geschichte gefehlt, welche auch seinen Geist einmal gelähmt haben? Hat es nickt mehr als 30jährige Kriege durchzumachen gehabt (bravo), und es allein sollte nie einen Winterschlaf gehabt haben? (bravo). Sorgen wir nun dafür, daß auch der Frühling grün und blühend sei, damit wir auch einen reichen Sommer wiederbekommen." Redner berührte nunmehr die Beschlüsse über den Jugendunterricht, die er warm empfiehlt, und die Verhandlungen über den Gottesdienst. Er fährt hier fort: ,,Draußen stehen ja die, welche fragen werden: Was haben sie wieder abgeschafft (bravo), was wollen sie dafür Herstellen? Meine Herren, abschaffen wollen wir freilich, abschaffen wollen wir vor Allem den Jndifferentismuö; ab sch affen, ab sch affen wollen wir die Ignoranz (bravo). Damit allein ist es nicht gethan; wir bedürfen auch der Reform, Wir ehren das Alte! die wahrhafte Ehre desselben ist aber, daß wir es pflegen, nicht daß wir es verkommen lassen. Ein Winzer weiß, daß, wenn sein Weinstock Früchte bringen soll, gute und viele Früchte, er die geilen Schößlinge des Weinstocks beschneiden muß, daß er nicht ins Holz schieße. Aber er weiß auch, daß, wenn er alle Zweige wegschneidet, der Stamm verdorrt (bravo)." „Fern sei es von mir und ebenso von Ihnen, irgend eine Kritik hier auszuüben über das, was andere Confessionen sagen oder lehren; eine einfache Thatsache aber können wir constatiren, diese nämlich, daß in allen Confessionen unserer Zeit, in allen und von allen Richtungen gemeinschaftlich die Klage geführt wird über Mangel an religiösem Leben, über Mangel an religiöser Begeisterung, über Mangel an religiösem Gefühl. Wir klagen mit für unsere Confession. Nun denn, da erwächst der Synode eine neue Aufgabe, welche sie bis jetzt noch nicht ergriffen hat, nämlich: überhaupt nicht blos confessionelle Untersuchungen zu treiben, immer an die eigenen Mängel und Schäden nur zu denken, sondern sich mit in die Reihen der Kämpfer zu stellen, welche überhaupt für Idealität und Religiosität gegen den Materialismus, gegen das Alltägliche, gegen jede Verflachung kämpfen (bravo). Es handelt sich also überhaupt darum, die Quelle der fehlenden Religiosität innerhalb unserer eigenen Kreise nicht immer blos in unseren Institutionen zu suchen. Vergleichen wir doch unsere Confession in dieser Beziehung mit anderen Consessionen: Sie haben wenige Ceremonien, sie haben wenige Ritualien, sie haben nichts von dem,-wovon man behaupten hört, daß es bei uns den religiösen Sinn hemme, daß es die Leute aus der Synagoge treibe; sie haben Alles dies nicht und klagen dennoch über Mangel an Religiosität (bravo). Viel tiefer also, als in den Ritualien, die wir ändern können und ändern wollen, viel tiefer liegt der Grund dieses Mangels an Religiosität, im Geiste der Zeit selbst. Da gilt es, daß wir alle eintreten, da sollen wir alle, jeglicher an seinem Orte Mitarbeiten; da ist der Synodalversammlung ganz besonders zu empfehlen, daß sie wirke für die Hebung der idealen Gesinnung, für die erneute Pflege religiöser Gefühlsweise (bravo). Wir haben in unsrer ersten Erklärung von der Einheit der Menschheit gesprochen, als Glaubensartikel des Judenthums, als einer niemals bestrittenen, zu allen Zeiten festgehaltenen Meinung, die an der Spitze seiner ältesten Quelle, im 1. Buch Mosis ihren Ausdruck gefunden hat. Im Unterschied von allen übrigen Sagen, welche die Völker über den Ursprung des Menschengeschlechts gebildet haben, in denen immer nur von ihren eigenen Ureltern die Rede ist, ist hier von der Schöpfung des „Menschen" überhaupt die Rede. Wir finden diesen Gedanken an verschiedenen Stellen ausgedrückt (nicht blos hier im 1. Buch Mosis, sondern auch vielfach sonst), daß, wie die Einheit Gottes unser Gedanke ist,- so auch die Einheit der Menschheit. Darum haben wir für die geistige Hoheit und Reinheit derselben vor Allem mit einzustehen! Wir streben danach, daß wir auch die Einheit des Judenthums Herstellen in allen Phasen und Formen seiner Entwickelung; aber keineswegs auch in allen Uebungen und in allen Satzungen. Wir mögen es wohl er-