Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1869)
- Date
- 1869-07-27
- Page
- Seite 609 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung -es Zudenthums. Feuilleton-Leilage zu Ar. 30. Leipzig, den 27. Juli 1869. Aus der Schlußrede des Vorsitzenden der ersten Syno-alversammlung, des Herrn Professor vr. M. Lazarus. Wie wir versprochen haben, geben wir hier einige Hauptstellen aus dieser meisterhaften Rede, womit der Herr Prof. Dr. Lazarus aus Berlin die letzte Sitzung schloß. Sie ist vollständig erschienen bei List und Francke in Leipzig, und wird auch in den stenographischen Berichten, die binnen Kurzem bei Louis Gerschel in Berlin erscheinen werden, abgedruckt sein. Nachdem der Redner einleitende Worte gesprochen, fährt er fort: „Die Arbeit meiner Tage steht im Dienste der Idee; die Idealität zu pflegen durch meine geistige Thätigkeit, ist meine Lebensaufgabe. An der Erkenntniß der Ideen, an der Läuterung derselben, an ihrer Verbreitung mit zu arbeiten ist ja die Sache des Philosophen. Das Bekenntniß aber muß ich hier ablegen: (wenn auch nicht für alle Philosophen, so doch für mich) nach meiner festen Ueberzeugung gipfelt alle Idealität in der Religion (bravo), alle Ideen stehen in ihrem Dienste und fiel verleiht allen die höchste Weihe. Unter Religion aber verstehe ich nicht blos das Bekenntniß, nicht blos das Dogma, nicht blos die Satzung, — sondern die Religiosität selbst, jene allgemein menschliche Erhebung und Vertiefung, jenes Aufsteigen auf die Höhen des Menschenthums, jenes Hinaufsteigen vom Kleinen zum Großen, vom Alltäglichen zum Erhabenen, vom Endlichen zum Unendlichen, vom Zeitlichen zum Ewigen «bravo). An dieser Erhebung haben wir hier für unsere Confession milgearbeitet; dieser Geist der Religiosität hat hier gewaltet; er hat hier gewaltet in den verschiedensten Meinungen, Jeder hat in diesem Sinne seine Meinung vorgebracht (bravo)." Nachdem Redner an die erste Erklärung der Synode (den Philippson'schen Antrag) erinnert, sagt er: „Oft und oft hat man die Frage aufgeworfen: Was hat das Judenthum so lange erhalten? Was hat es erhalten, während andere Religionen des Alterthums, wie ihre Völker zu Grunde gegangen sind? Vielfach, und vielfach treffend, hat man bereits daraus geantwortet: Eins, scheint mir, sollte man noch hinzunehmen. Man sollte sich nämlich umgekehrt die Frage vorlegen: Was hat andere Religionen zu Grunde gerichtet? Was hat andere Religionen gestürzt? In der Kürze gesagt, hochgeehrte Versammlung, in aller Kürze gesagt, nichts anderes als dies: Der tiefere sittliche Gehalt, welchen diese Völker später erkannt haben, als sie ihre Religion besaßen; der tiefere sittliche Gehalt, den sie empfangen hatten, entweder durch freinde Ideen, die bei ihnen eingewandert, wie die Römer, oder durch eigene geistige Entwickelung, wie die Griechen; dieser tiefere sittliche Gehalt zerstörte den Glauben an den minder sittlichen Gehalt ihrer Religionen (bravo). Der eigene Geist des Volkes sprach gegen den Geist seiner eigenen Religion (bravo). Meine Herren, das Lebendige sprengt das Todte. Sie wissen Alle, daß, wenn ein Samenkern zufällig in die Ritze eines Felsens gefallen ist und darin soviel Humus gefunden, daß er zu einer Pflanze sich entwickelt, daß zuweilen ein Baum daraus erwächst, welcher den Felsen sprengt. Ein kleiner Samenkern; aber das Lebendige überwindet das Todte (bravo); das ist die Macht des Lebens! Aber das Judenthuin lebt (bravo). Im Judenthum ist dieser Gedanke, daß seine ursprünglichen Satzungen todt geworden sind, niemals aufgetaucht. Es ist Keiner unter uns, der nicht der Meinung ist: der alte Geist des Judenthums, er erneuert sich von Generation zu Generation, er hat innere Einheit und Continuität. Er ist es zugleich, welcher, wenn wir heute höhere, geläutertere Ideen haben, als in vorigen Jahrhunderten, er ist es, der sie in uns erzeugen hilft. Die ursprünglichen Quellen des Judenthums sind auch die Quellen für unsere heutige Erkenntniß. Alle Entwickelung, aller Fortschritt, sie treten nicht in Gegensatz zu unseren alten Quellen, sie klären, sie vertiefen sie nur, ohne ihr innerstes Wesen zu verändern. — Sind darum die Juden immer auf der gleichen Höhe gewesen? Sie haben ja diese Quellen der Religion immer besessen; sind sie immer auf der gleichen Höhe gewesen? Gewiß nicht. Auch die Griechen des zweiten Jahrhunderts sind nicht wie Griechen des vierten Jahrhunderts vor der gew. Zeitr. Diese letzteren waren schöpferisch, die des zweiten waren kaum im Stande, die früheren Schöpfungen, zu begreifen.