Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-07-27 · Heft 30 (27.7.1869) · p. Seite 596

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 30 (27.7.1869)
Date
1869-07-27
Page
Seite 596 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226721--27424-3263003
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

596 eine Menge weiterer gottesdienstlichen Fragen sind den Commissionen zu gründlicher Bearbeitung übergeben. Ebenso wird es Sache der betreffenden Commission sein, ob sie die noch einmal angeregte Gründung einer jüdisch-theologischen Fakultät der Ausführung näher bringen wird. Jedenfalls ist aber für die Wiederbelebung und den Wiederaufbau des Gottesdienstes ein Grundriß gewonnen, der schon jetzt in den Gemeinden zum Anhalt dienen kann. Bekanntlich hatte der Herausgeber dieser Zeitung der Rabbinerversammlung zu Cassel 30 Fragen vvrgelegt, welche diese einer Commission «Adler, Philippson und Joel) übergab, und diese zog sie zu 18 zusammen, von welchen die Synvdalversammlung 15 beantwortete, und 3 einer weiteren Commission überwies. Neben der Synode hat der Gemeindetag schnell und bestimmt seine Aufgabe gelöst. Er verdankte dies der umsichtigen und straffen Leitung seines Vorsitzenden, des Herrn Moritz Kohner, der es verstand, ohne selbst allzuviel Worte zu machen, die Ordnung streng zu handhaben, weitschweifige Formalitäten zu vermeiden und die Debatte dem bestimmten Ziele zuzuführen. Der Gemeindetag ließ alle Einzelheiten, die in dem vorläufigen Programme verzeichnet gestanden, fallen, und verfolgte nur die beiden praktischen Gedanken, einen engeren Verband der deutschen jüdischen Gemeinden zu gründen, und die Auswanderung der westrussischen Juden zu befördern. Mögen die Beschlüffe auch mit Energie zur Ausführung gebracht werden und den vollen Anklang in den betreffenden Kreisen finden, ohne welchen sie nur Beschlüsse bleiben könnten. Wir halten uns überzeugt, daß die Synode und der Gemeindetag bald einen breiten und sicheren Boden in jener großen Mittelklasse der deutschen Juden finden werden, welche gleichweit vom Jndifferentismus und Radikalismus wie vom Stabilismus und der Neuorthodoxie entfernt sind. Ja, wir hoffen, daß es ihnen gelingen werde, auch Viele dem Jndifferentismus nach und nach zu entreißen und sie einer gesunden religiösen Gesinnung zuzuführen. Wir hoffen, daß die Synode sich so viel Freunde erworben haben wird, daß die zweite Versammlung mit einer noch lebhafteren Beschickung ins Leben treten werde. Wir machen dabei aufmerksam, daß unstreitig neben dem Nutzen, welchen die Synode für das Allgemeine hat, sie auch noch besonders religiös weckend und belebend auf den Ort und deffen Umgebung wirkt, wo die Versammlung gehalten wird, und daß hierdurch bei dem Wechsel der Plätze in einer längeren Reihenfolge der Versammlungen nicht wenig Nutzen geschafft werden würde. Und weil wir dieser Ueberzeugung leben, wollen wir auch vergessen sein laffen, was der Synode vorangegangen. Wir gestehen, daß wir die Absicht hatten, nach der Beendigung der Synode die unsäglichen Angriffe zu beleuchten, welche vor ihrem Zusammentritt gegen sie und diejenigen Männer, welche an ihrer Zusammenberufung arbeiteten, gerichtet worden sind. Die größte Portion derselben bestand aus Schmähungen und Verdächtigungen der niedrigsten Art, der widerwärtigsten Gestalt, die abermals uns in einen so tiefen Abgrund der Unsittlichkeit und Irreligiosität bei unseren, nach ihrem Vorgeben für die Religion eintretenden Gegnern blicken ließen, daß man in der That davor schaudern mußte. Zum kleineren Theile sprach sich ein intriganter Geist aus, der zwar nicht die Maske der Frömmigkeit, wohl aber der sogenannten, innerlich hohlen und principienlosen Wissenschaftlichkeit vorthat, nur zum kleinsten Theile erschienen Einwendungen, die ihren Grund in aufrichtigen und aus gewissen Gesichtspunkten gerechtfertigten Bedenken hatten. Wir sind aber anderer Meinung geworden. Wir wollen den aufgewühlten Schmutz sich selbst überlassen; die aufrichtigen und wahrheitsliebenden Gegner mögen und werden ihr Urtheil sich selbst bilden. Vielleicht überzeugt sich mancher unter ihnen, daß feine Befürchtungen unnöthig waren, daß es vielmehr seine Pflicht sei, zum Fortbau dieser Institutionen seine Hand zu bieten. Die Ansicht aber, daß die Vereinigung der Männer von Amt und Fach mit den Gemeinrevertretern, den sg. Laien, eine mißliche und zu gefährlichen Beschlüssen führen könnende sei, ist vollständig widerlegt worden. Schon von vornherein wäre zu bedenken gewesen, daß ja in der Wirklichkeit die Leitung der jüdischen Angelegenheiten stets in der Hand dieser Laien liegt, von ihnen allein die Realisirung aller praktischen Ideen im Judenthume abhängt, daß also durch sie Nichts mehr gefährdet werden könne, als in der That gefährdet ist, daß es also weit räthlicher ist, sie in einem großen Ganzen zu vereinigen, als sie einzeln sich zu überlassen. Faktisch bestehen die israelitischen Consistorien in Frankreich aus sg. Laien mit einem einzigen Fachmann an der Spitze, dem Grand Rabbin. Und doch haben diese französischen Consistorien in nunmehr 60 Jahren nichts, gar nichts gethan; die Gefährdung der Religion lag hier allein im — Nichtsthun. In der Synode zeigte sich nunmehr, daß gerade dieses Laienthum den besonnen gemäßigten Fortschritt vertrat

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.