Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-07-27 · Heft 30 (27.7.1869) · p. Seite 595

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 30 (27.7.1869)
Date
1869-07-27
Page
Seite 595 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226721--27423-3263002
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

595 Wir wollen hier nur die Schlußworte des „Leipziger Tageblattes" vom 6. Juli Nr. 187 wieder geben. Sie lauten: „Wir können unsere Mittheilungen nicht schließen, ohne eine Bemerkung hinzuzufügen. Wir, aus voller Ueberzeugung Bekenner der evangelisch-lutherischen Kirche, haben aus den Verhandlungen der israelitischen Synode mit großer Genugthuung entnommen, daß die namhaftesten und zahlreichsten Vertreter des jüdischen Priesteramtes mit großer Toleranz und dem wahren Verständniß des fortschreitenden Bildungszustandes unserer Zeit selbst rüstig Hand anlegen, um Religionsgebräuche, welche vor Jahrhunderten gut gewesen sein mögen, den Verhältnissen der jetzigen Generation anzupaffen oder gänzlich abzuschaffen, daß sie also mit einem Worte an dem Werke des freiheitlichen Ausbaues ihrer Kirche selbst Antheil nehmen. In Folge dessen zeigte sich während des Verlaufes der Synode zwischen dem geistlichen und weltlichen Element ein solch harmonisches Zusammenwirken, daß gewiß hieraus die besten Früchte hervorgehen werden. Möchte es in unserer protestantischen Kirche eben so sein, möchte insbesondere deren bevorstehende Landessynode dasselb e erfreuliche Bild humaner Glaubensduldung und friedlicher Harmonie darbieten!" Wichtiger ist für uns die Bedeutung, welche diese erste Synodalversammlung nach Innen, also für das Judenthum selbst hat. Niemand kann ihr hier den Charakter des besonnenen und gemäßigten Fortschrittes absprechen, gerade des Fortschrittes, wie er unseren Gemeinden zum höchsten Bedürfniß geworden. Wenn behauptet wird, daß vor der Eröffnung unter einem Theile der Mitglieder der Versuch unternommen worden, der Versammlung den Charakter des radikalen Vorgehens von Anfang an aufzuprägen, was wir jedoch mehr als persönlich, denn als principiell gelten lassen mögen, so ist die Versammlung auf diese Intention durchaus nicht eingegangen. Aber ebensowenig ließ sie sich andrerseits durch beantragte Erklärungen binden, welche von vornherein ihren Beschlüssen die Schranken der Stabilität setzen konnten. Die Versammlung ist überall auf dem historisch-positiven Boden stehen geblieben, that aber auf demselben bestimmte und sichere Fortschritte. Bewußt ihrer Stellung als einer ersten Synodalversammlung, und daß sie der Entwickelung, deren sie fähig, nicht vorgreifen dürfe, hat sie sich vorzugsweise an das Ausführbare und Realisirbare gehalten, sich aber auch die Wege zum weiteren Fortschreiten eröffnet. Derjenige daher, welcher neue und kühne Maßnahmen, Schritte, die durch Fleisch und Bein gingen, von ihr erwartete, wird sich getäuscht finden. Vielmehr leuchtet es ein, daß die Synode von dem Streben geleitet war, nur solche Gegenstände zu einem gewissen Abschluß zu bringen, über welche die allgemeinen Ansichten sich bereits geklärt, und die auf eine gewisse Autorität warteten, durch welche sie zum Abschluß gelangen könnten. Dieser Art sind die Beschlüffe über den Philippson'schen Antrag, über die Unterrichtsfragen, den Thierschutz und die Schechita; solcher Art auch die Entscheidungen über den Gottesdienst. Es ist der Versammlung zum Lobe anzurechnen, daß sie sich auf dem letzteren Gebiete nicht wieder verleiten ließ, sich mit principiellen Erörterungen zu begnügen, sondern daß sie vielmehr in das Faktische einging, und über dieses Beschluß faßte, soweit das Material als ein bereits klar geordnetes vorlag. Die allgemeinen Principien kamen hierbei doch völlig zum Ausdruck. Das Festhalten der hebräischen Sprache in der Thoravvrlesung und in allen Hauptgebeten, dagegen die größere Einführung der Landessprache in ganz bestimmten Theilen des Gottesdienstes, die Beseitigung der vielen veralteten und den Gottesdienst überladenden Gebete und die Einführung neuer Gebete oder Betrachtungen in der Landessprache, die Beibehaltung der bisherigen Gebetworte und die Veränderung der Texte, welche den Ueberzeugungen der Jetztzeit nicht mehr entsprechen, die Verkürzung des Gottesdienstes und dennoch die Erweiterung desselben in nothwendigen Partien, die Einführung des einstimmigen Gemeindegesangs und der Orgel bezeugen, daß die Versammlung, welche diese Beschlüsse sämmtlich fast einstimmig gefaßt, ebenso positiv wie negativ vorging, ebenso konservativ wie reformatorisch, und daß sich das Gewissen jedes aufrichtigen Israeliten mit ihren Beschlüffen einverstanden erklären und beruhigen kann. Da, wo das Material noch nicht klar vorlag, wie z. B. hinsichtlich der Anordnung der einzelnen Gebete am Vorabend und am Morgen der Sabbathe und der Feste, hielt sie sich weife zurück, lieber ein noch unvollständiges, als übereiltes Werk liefern wollend. Die Versammlung hat das Ihrige gethan; es kommt nun auf die erwählten Commissionen an, ob sie den weiteren Fortgang genügend vorbereiten werden. Die Beschneidungsfrage, die eherechtlichen und Ritusfragen, sowie 30*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.