Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1869)
- Date
- 1869-07-20
- Page
- Seite 591 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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591 Sturm ist los, die gewaltigen Wetterwolken schieben sich dumpf am schwarzen Himmel hin — still — rühre Dich nicht, greif zum 29. Psalm, halte Dich an jedes Wort, hörst Du „die Stimme des Herrn über den Wassern, der Gott der Ehren donnert, der Ewige über den gewaltigen Mastern, diese Stimme zerschmettert Cedern, sprüht Feuerflammen, macht beben die Wüste, hüpfen die Berge wie junge Büffel — und in seinem Heiligthum spricht Alles: Ehre!" Wühlt die Reue an Deiner Seele, fühlst Du Dein Gebein ausgetrocknet von Schuld; und fühlst Du die Gnade Deines Gottes wie Thau herniedertröpfeln aus dem lichtdurchströmten Himmel; fühlst Du die Sehnsucht nach der fernen Heimath, oder den Jubel über den ganzen vollen Sieg — ach, was für ein Thor ich bin, spreche dem unverständigen Menschen da von Dingen, die er nicht versteht . . . doch nur kurze Zeit, Jacob, Du wirst sie verstehen ... und dann sollst Du über diesem Buche geigen und Dein ganzes Leben geigen, und die Menschen werden die Psalmen verstehen lernen, und alle Deine Musik wird Psalm sein..."- Aber das war nur der Anfang, der reine, schöne, unbewölkte Anfang; unserm Jacob fuhr eine Ahnung des Höchsten und Erhabensten durch die junge Seele, und mit einem ungewöhnlichen Eifer warf er sich auf das Studium des ihm übergebenen Buches. Er versenkte sich ganz und gar hinein, und wurde wirklich gewahr, daß ihm hier eine unübersehbare Landschaft voll Höhen und Tiefen, voll weiter Fluren und enger Thäler, voll wilder Schluchten und anmuthiger Gärten geöffnet wäre. Aber dies währte nicht lange. Gerschom war eine praktische Natur, und faßte die Sache noch an einem andern Ende an. Er ging von der Ansicht aus, daß, wenn man in einem Menschenherzen vie Leidenschaften oder eine bestimmte Leidenschaft verhindern wolle, dies am wirksamsten geschehe, wenn man jede Beranlaffung zu ihr vermeide; wolle man aber im Gegentheil sie nähren und entflammen, sie zu gewaltiger Kraft und mächtiger Entfaltung bringen, so müsse man den Kohlen und Funken durch oftmaligen und starken Anhauch die Asche wegblasen und sie zu hochauflodernder Flamme bringen. Das that er nun auch mit unserm armen Helden, und er schonte ihn in keiner Weise. Gerschom betrachtete unseren Jüngling wie ein Stück guten Thons, den er zurecht zu kneten habe, wie einen Marmorblock, aus dem er, der Meister, eine edle und schöne Gestalt zu meißeln habe, unbekümmert, wie tief das Eisen in das Gestein dringen, wie viele Stücke und Splitter es abschlagen müsse. Aber dieser Thon und dieser Block war zufällig ein Menschenherz, das jede Berührung empfindet, und von jedem Schlage in seinem Innersten erdröhnt. Er begann bald ihn launisch und in den abscheulichsten Sprüngen zu behandeln. Bald demüthigte, bald streichelte er ihn; bald übergoß er ihn mit Spott und Hohn, bald riß er ihn in die Höhe hinauf, ohne daß Jacob wußte warum und wie? bald dichtete er ihm alle möglichen Laster an, und machte ihm die bittersten Vorwürfe, bald schmeichelte er ihm und reizte ihn zu Stolz und Hoffahrt. Und dies Alles, damit Jacob täglich seinen Schmerz, seinen Zorn, seinen Unmuth, seinen Widerwillen, sein Rachegefühl in wilden Phantasien, in immer formloseren Stürmen auf seiner Geige reproducire. Das war eine fortgesetzte Mißhandlung, deren unglückliche Folgen nicht ausbleiben konnten. Dabei verfolgte Gerschom noch einen dritten Weg. Er wollte seinen Zögling überzeugen, daß es wirklich mit der bisherigen Musik nichts sei, und er übergab ihm daher nach und nach Werke berühmter Meister zum Selbststudium, indem er ihn von vornherein auf die Schnürbrüste, die Zöpfe und die Reiftöcke mit mehr'oder weniger Recht aufmerksam machte, in denen diese Meister einherschritten, und ihren Genius der Form, der hergebrachten todten Form zum Opfer gaben. Zeigte er ihn doch vor Allem hier auf Johann Sebastian Bach hin, den er den größten Genius nannte, der sich aber am meisten in den Irrgänger! verlebter künstlicher Formen verloren habe. Dies waren gefährliche Experimente, deren zweifelhafte Wirkungen nur ein in sein System so vernarrter Mensch nicht zu berechnen vermochte, wie Gerschom war. Jacob versenkte sich in sein Psalmbuch und fühlte alle Mächtigkeit und Erhabenheit desselben bald heraus. Als er aber begann, es in Musik setzen zu wollen und sich ein Thema nach dem anderen heraussuchte, als er sich bemühte, nach der Anweisung seines Lehrers jedes Wort zum vollen, erschöpfenden musikalischen Ausdruck zu bringen, da kam er niemals über die nächsten Worte oder nur über einen Halbvers hinaus. Bei jedem erschloß sich ihm eine ganze Welt von Empfindungen, die ihn ins Grenzenlose hinausrissen und zu ganz formlosen Schöpfungen begeisterten, und in deren Mitte er stehen blieb, ohne Abschluß, ohne Beftiedigung. Es wurde ihm wirre um Herz und Kopf. Dabei stieß er alle Augenblicke auf die Unmöglichkeit, das ihm gegebene Wort wirklich auszudrücken. Wie sollte er das „Entblättern der Wälver", und das „Kreisen der Hindinnen" musikalisch malen, daß man in der That wisse, was es bedeuten solle? Und so auf jedem Schritt. Jndeß hierbei konnte er noch streben und ringen und hoffen, daß es ihm später besser gelingen werde. In welches Wirrsal aber stürzte ihn die Behandlung Gerschom's! Der Zweck, den dieser in dem beständigen Wechsel seiner Launen, in dem Ungethüm seiner tollen Ausbrüche verfolgte, blieb ihm natürlich verborgen. Gerschom hütete sich wohl, ihn ihm zu verrathen und spielte seine Rolle in jedem Falle sehr meisterlich. Wäre er anders verfahren, so hätte der Zweck von vornherein verfehlt. Jetzt aber fühlte sich Jacob alle Augenblicke verletzt, gekränkt, unwürdig behandelt, und das machte ihn bei seiner Ehrlichkeit unsäglich unglücklich. Er gerieth in Verzweiflung. Bald verwünschte er seinen Zustand, seine Lage, und sehnte sich fast in das Elend seiner früheren Tage zurück. Anfänglich reizte ihn das Benehmen seines Wir-