Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1869)
- Date
- 1869-07-20
- Page
- Seite 592 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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592 theS in der That zu wilder Leidenschaft auf, und Tag für Tag gab sie sich in immer monströseren Ergüffen kund. Dies hielt aber nicht lange Stand, und es kam eine Abspannung über ihn, die allmälig zu einer förmlichen Ohnmacht ward, in welcher jede schöpferische Ader versiegte und nur Müdigkeit und Mattigkeit in jedem Satze, in jedem Tone sich fühlbar machten. Endlich hatte selbst das Studium der früheren Meister gerade den entgegengesetzten Erfolg, als Gerschom erwartet hatte. Die Ruhe und Sicherheit, das Bewußtsein und die Klarheit, mit einem Worte die Harmonie, welche ihm aus jedem wahren Kunstwerke entgegenwehte, die feste Gestaltung, die symmetrisch vor sein geistiges Auge trat, bildeten einen völligen Contrast zu der Formlosigkeit, zu den wilden Pfad- und ziellosen Flügen, zu welchen ihn sein sonderbarer Meister aufstachelte, und ließen ihn selbst die Einförmigkeit, die Künstlichkeit, das Gezwungen« übersehen, die ihm Gerschom hatte sichtbar machen wollen. So waren nur wenige Monate verflossen, und es war mit unsrem Jacob eine völlige und unselige Umwandlung vor sich gegangen. Eine Erschöpfung, wie er sie noch nie empfunden, eine Unproduktivität und seelische Dürre traten bei ihm ein. die ihn völlig unfähig machten, so daß, was er hervorbrachte, erst recht erzwungen und erkünstelt war, nur mit unsäglicher Mühe geboren ward, und ihn am wenigsten befriedigte. Dabei bildeten sich in ihm Ansichten aus, welchen Gerschom hatte Vorbeugen, welche er hatte ausrotten wollen. Sein Herz war seinem Wohlthäter feindselig gesinnt, und sein Verstand widersprach demselben vollends. «Fortsetzung folgt.) Das unterirdische Jerusalem.*) Von Karl Blind. Von welch eigenthümlichen Gefühlen wird man nicht beschlichen beim Anblicke der Töpfereien, der Thränenkrüglein, der Lampen, der Schmucksachen — ja, drollig, wie es klinge, sogar der Hausschlüssel, die, in Glaskästen vor uns ausgebreitet, einen Einblick in das gewöhnliche Leben der Bewohner von Pompeji thun lasten! Da ist ein Becher: es steht noch in ihm ein dicker Bodensatz altrömischen Shrupweines ... Da liegt ein verkohltes Brod ... der Ellenbogen des Bäckers hat noch die bekannte Marke auf ihm zurückgelaffen ... Leben und Tod so nahe bei einander! — und das Alles so unvermittelt vor uns gerückt; ein wunderbarer Ausschnitt aus altersgrauer Zeit! Noch sonderbarer ist das Gefühl, das man beim *) Aus der „N. fr. Presse". Eintritte in die Dudley-Gallerie der hiesigen „Eghptischen Halle" empfindet, wo die in Palästina gemachten Ausgrabungen zur Schau gestellt sind. Es ist eine bescheidene Ausbeute. Aber sie spricht mächtig zur Einbildungskraft! Auf ein paar Tischen sind die Sachen geordnet. Doch wer mit des Geistes Auge sich in ihren Anblick versenkt, vor dem wird sich wie durch Zauberkraft ein hoher Bau thürmen und ein Bild entrollen, in welchem das, was einst nur schattenhafte Worte eines alten Buches zu sein schienen, sich zu sichtbaren Gestalten verdichtet hat. In der Mitte des Saales, der die armen und doch so werthvollen Ueberbleibsel des jüdischen AlterthamS birgt, liegt eine Karte der Stadt und der Umgebung von Jerusalem, in halb erhabener Arbeit ausgeführt. Sie bringt uns den Charakter Jerusalems als einer Bergstadt nahe. „Eine Bergstadt war Jerusalem" — wie Herr Georg Grove in seinem Vierteljahrs-Bericht über die Ausgrabungen richtig bemerkt — „ganz besonders für den Juden. Denn mit Ausnahme von Samaria und Hebron waren die übrigen großen Städte innerhalb seines Wiffenskreises, die von Egyten und Mesopotamien, Damascus, Tyrus, Gaza, Jericho, wesentlich Städte der Ebene. Des Tempels Flur stand ungefähr 2400 Fuß über dem Mittelmeere, das in gerader Linie 25 (englische) Meilen entfernt ist, etwa 3700 Fuß über dem 12 (englische) Meilen entfernten Todten Meere ... Zu allen Zeiten, vor Erfindung des Schießpulvers, finden wir daher Jerusalem als eine starke Festung angesehen. Auf drei Seiten — im Osten, Süden und Westen — bildeten die es umgebenden Hohlwege ein bedeutendes Hinderniß für den Angreifer. Nur gegen die nördliche Stirnseite der Stadt konnte ein Angriff gerichtet werden. Dort war, wie wir in Josephus lesen, der Mangel eines natürlichen Bertheidigungswerkes zur Zeit der berühmten Belagerung durch Titus vermittelst dreier Walllinien ersetzt." Die Nachgrabungen sind namentlich durch Lieutenant Warren auf Betreiben einer hiesigen Gesellschaft („Th« Palestine Expioration Fund Society“) gemacht worden. Sie haben neuerdings einen vorher nicht geahnten Einblick in das alte Jerusalem thun lassen. Wohl wußte man längst, daß die moderne Stadt auf Trümmer- und Schuttmassen stand, aber die Tiefe dieses Schuttes, die Geheimnisse, die er barg, kannte man nicht. Jetzt zeigt es sich, daß hier und da in einer Tiefe von 90 Fuß alte Gebäude stehen, Kammern, Gewölbe, Wafferleitungen und Wasserbehälter, daß unterirdische Gänge durch die Stadt laufen, und daß die alten Mauern der Tempelumgebung noch vorhanden sind — so wohl erhalten, wie zur Zeit ihrer Errichtung, jetzt aber in 80 Fuß hohem Schutte begraben. «Fortsetzung folgt.) Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.