Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1869)
- Date
- 1869-07-20
- Page
- Seite 590 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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590 Disharmonien habe das Genie den rechten Maßstab in sich selbst, und man brauche der mit feinem Gefühle versehenen Natur nur hier und da nachzuhelfen. „Ich habe es Dir schon gesagt," rief er seinem Schüler zu, „alle unsere Musik, mit geringer Ausnahme, ist nichts weiter als Sinnenreiz, ein Spielen mit Gedanken und Gefühlen, ein Haschen nach ihrem Ausdruck, und wir armen Zuhörer ihr Spielball, der hin und her fliegt, an kein Ziel kommt, und erst zur Ruhe gelangt, wenn das Stück zu Ende ist, in den meisten Fällen gilt der größte Theil des Beifalls eben dem Ende. Wir müssen uinkehren — wir müssen es ganz anders machen. Wir müssen einen bestimmten Gedanken, eine ausgesprochene Empfindung vor uns haben, um sie in der Musik zum Ausdruck zu bringen. Wir müsien immer und überall das Wort vor uns haben, und es in Musik fetzen; denn nur durch das Wort wird ein Gedanke und ein Gefühl bestimmt und bewußt dargestellt und angefacht. Die Wirkung des Wortes ist begrenzt, und die Musik soll es ins Unbegrenzte und Unendliche hinübertragen, ohne daß es sich hierin verliere. Denn sieh, jeder menschliche Gedanke und jedes menschliche Gefühl hat etwas Unbegrenztes in sich, in seinem eigenen Inhalt, und die Musik allein vermag dies aus ihm zu entfalten; aber damit es auf diesem Wege von seiner Wurzel nicht gelöst werde, und sich, wie es jetzt geschieht, nicht ins Unbestimmte auflöse, muß es an dem Worte haften, und sich von ihm ausspinnen, wie der Lichtstrahl von der Sonne ausgeht, und darum noch auf der Erde gefaßt und gehalten werden kann ... Ich will Dir auf einmal sagen, was Du zu thun hast. Hier hast Du ein Buch, und dieses Buch in Musik zu setzen, sei die Aufgabe Deines ganzen Lebens. Gelt, so viel Du auch schaffen magst, Du wirst doch nur einen sehr kleinen Theil davon verbrauchen, und die folgenden Geschlechter werden daran fortfahren können, und immer wieder von Neuem anfangen, und es niemals erschöpfen ..." Jacob griff heftig nach dem schmalen kleinen Buche, das Gerschom in der Hand seines steifen Armes hielt. Aber dieser gab es ihm noch nicht, wehrte ihn vielmehr ab, und fuhr fort: „Du fragst, was das für ein Buch ist? Du kennst es, hast es oft in Händen gehabt, hast oft darin gelesen, aber Du hast nichts davon verstanden, denn Du hast ja nichts gelernt. Es ist das Thilliin, es sind die Psalmen, dieses kostbarste Geschenk unseres Volkes an alle Menschen, dieses unerschöpfliche Buch des wirklichen und wahrhaften Menschenlebens, wo Alles, Alles ausgesprochen ist, was den Geist des Menschen, was seine Seele in ihrem tiefsten Innern bewegt, alle Leidenschaft, aller Sturm und aller Frieden. Ha, Ihr Juden, Ihr wißt ja nicht, was Ihr daran besitzet; von Alters her ist Euch der Respekt davor eingeflößt worden, und den habt Ihr bewahrt, aber verstehen, das ist etwas Anderes . . . Nun, mit dem Original wüßtest Du nichts anzufangen. Aber glücklicherweise hat es in unserer Zeit einen kleinen Mann gegeben, mit einem Höcker hinten und einem Höcker vorn, mit einem großen Kopf und einem spitzen Gesicht, auch so eine verkrüppelte Gestalt wie ich bin, nur daß nickt die Menschen, sondern die Natur sie so verkümmern machte. — Ja! ich habe ihn gesehen, ich habe in seine großen leuchtenden Augen geschaut und seinen feinen anmuthigen Mund Worte der Weisheit und der Liebe sprechen hören! — Der hat uns vor Kurzem die ewigen Gesänge unseres Volkes in der herrlichen deutschen Sprache wiedergegeben, vortrefflich, meisterhaft, wenn auch immer nur Uebersetzung. Da hast Du sie, ich mache sie Dir zum Geschenk . . Damit reickte er ihm die kurz vorher (1783) erschienene Psalmenübersetzung Mendelssohns; Jacob griff hastig danach, schlug sie auf, und sah dann mit ziemlich dummer Miene zu Gerschom auf: er hatte Noten erwartet, und sah Lettern vor sich. Sein Lehrer achtete nicht darauf, und hob von Neuem an: „Du sollst dieses Buch lesen und abermals lesen, und wenn Du ganz mit ihm vertraut bist, und Du willst componiren, so suchst Du einen Vers oder ein ganzes Lied Dir aus, und nun bleibst Du bei jedem Worte stehen, und suchst es zu verstehen und seinen Inhalt durch die Töne auszudrücken, zu malen, wiederzugeben und gehst von keinem Worte fort, bist Du glaubst, es in Tönen wiedergegeben zu haben. Schau, hier findest Du Alles. Freilich nicht das Liebessäuseln, das sanfte Girren, das die Christen als den Vorzug ihres Glaubens ausgeben, obschon sie ihn im Leben jeden Augenblick Lügen strafen, aber Alles, was Mark und Wahrheit ist an und in dem Menschen. Du fühlst Dich verlassen, einsam, hilflos, niedergeschmettert von den Schlägen, die Dir Deine Brüder versetzten, schlage den 22. Psalm auf, und dichte die Worte in Musik: „Mein Gott! mein Gott! warum verlassest du mich? Warum sind meine Klagen so fern von Hülfe? Mein Gott! des Tages ruf' ich, nichts erwiedert; Des Nachts — nichts stillet meinen Jammer." Aber Du wardst gerettet, die Haufen der Uebelthäter sind zerstreut, die Stürme schweigen: nimm Deine Geige und spiele den 7. Vers des 116. Psalms: „Seele! kehre nun in deine Ruhe ein! Denn der Ewige that dir wohl. Denn du befreitest vom Tode meine Seele, Mein Auge von Thräneu, meinen Fuß vom Gleiten." Bist Du kein Stock, hast Du wirklich eine Seele, Herr! wie wirst Du die Ruhe, wie wirst Du den Tod und das Weinen und das Gleiten, und die Umkehr und die Befreiung mit göttlichen Tönen malen, all' die Schrecken, die Du ausgestanden und die gewichen sind, all' die Schmerzen, die Dein Herz zerschnitten, und die Wunden sind alle geheilt, all' die Steine, über die Du gestrauchelt, all' die Gründe, in die Du gefallen und an deren Rande Du jetzt aufrecht und sicher wandelst! — Der