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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-07-20 · Heft 29 (20.7.1869) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 29 (20.7.1869)
Date
1869-07-20
Page
[Seite] (sequence 23)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Feiiilleton-Eeiiage ya Ar. 29. Leipzig, den 20. Juli 1869. Ein Musikant.*) Erzählung aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. «Fortsetzung.) Es ging unserm Jacob bei der Rede unseres Wirthes ganz wie dieser es verlangte, daß es dem Hörer bei der Musik ergehe. Es rauschte an ihm vorüber, es wühlte in ihm auf — aber zum Verständniß kam es ihm nicht. Jndeß empfand er einen großen Respekt vor dem Einarmigen, die Zipfelmütze und die Pelzjacke schwanden vor seinen Augen und willig überließ er sich dem Glauben, daß er hier jedenfalls an eine Quelle gekommen, aus der seine dürstende Seele schöpfen und sich laben könne. Unserm Jacob war es äußerlich noch niemals so gut gegangen wie jetzt. Die reichlichste Nahrung, ein reinliches Kämmerchen, anständige Kleidung. Bald hatte ihn auch die kugelrunde Magd, die alte treue Hanna, in ihr Herz geschlossen. Sie hatte herausgefühlt, daß ihr Herr ein besonderes Wohlgefallen an dem Jungen hatte, und das war ihr genug, um auch ihrerseits ihn zu ihrem Liebling zu machen, wobei es dem Gegenstände ihrer Zuneigung zugute kam, daß sie von Launen nichts wußte, vielmehr, ein Wunder bei einer Köchin und Magd! sich an Liebe und Zuvorkommenheit immer gleich blieb. Jacob wußte Anfangs nicht, wie ihm geschehen, durch welche schnelle Luftballonfahrt er plötzlich aus dem Jammerthal der Erde in das Himmelreich versetzt worden. Aber es ist der menschlichen Natur eigen, des Guten, was ihr geschieht, schnell gewohnt zu werden. Die materielle Noth ist ein unerträgliches Joch, so lange sie auf den Schultern Jemandes liegt; die Beseitigung dieses ehernen Joches macht einen Augenblick überfelig; aber einmal abgeschüttelt, wird es schnell vergessen, und die Seele fängt um so unbeengter das Spiel ihrer eigenen Kümmerniffe, *) Die letzte Piece dieser Erzählung in Nr. 26 war durch viele Druckfehler entstellt; wir führen nur die bedeutendsten an: S. 521. Sp. 2. Z. 5 v. o. lies „gerunzelt". S. 522. Sp. 1. Z. 17 v. o. „Musiksaal". S. 523. Sp. 2. Z. 21 v. o. „Werden, Kämpfen und Vergehen". Kämpfe und Unseligkeiten an. Und dahinein sollte Jacob allzuschnell gerathen. Wir wollen nicht dafür bürgen, daß unser Held von den Anreden und Auslassungen seines unbändigen Meisters, wie wir sie im Vorhergehenden, freilich nur ungenügend, wiederzugeben versuchten, viel verstanden habe. Gerschom besaß in der Erregung, und wann befand er sich nicht in solcher? einen wilden Strom derErregsamkeit, der den tiefsten Boden in ihm aufwühlte und an die Oberfläche schleuderte. Dieses sein natürliches Element war in der That durch eine seltene Bildung des Geistes, die er sich auf seinen Reisen erworben, außerordentlich gefördert worden. Freilich war er eine Ausnahme unter seinen damaligen Glaubensgenossen, aber solchen Ausnahmen begegnen wir in der ganzen Geschichte der Juden zu allen Zeiten, und in der Zeit, in welcher unsere Erzählung spielt, gehörten diese Ausnahmen schon nicht mehr zu den Seltenheiten. Eigenthümlich jüdisch blieben diese dennoch, und das Geschick ihres Stammes prägte sich in Richtung und Charakter trotz der erlangten wissenschaftlichen und künstlerischen Bildung genügend aus. Wir glauben nicht, daß sich dies an unserem Gerschom verkennen läßt. Also unser Jacob hatte nicht sehr viel von den feurigen Reden seines Wirthes verstanden, aber die Hauptsache doch. Er hatte ein ihm bis jetzt mangelndes Selbstvertrauen gewonnen; er sah für sich eine neue Laufbahn eröffnet, die ihn zu einem höheren Ziele zu führen verhieß, als er sich jemals geträumt; er war begierig, dieselbe zu betreten, und nahm sich vor, mit den eiligsten Schritten sie zu durchlaufen. Unsere freundlichen Leser mögen nicht befürchten, vaß sie mit einem ausführlichen Berichte über die Methode der musikalischen Erziehung, die der wilde Gerschom seinem Zögling geben wollte, wenn man überhaupt hier von einer Methode sprechen darf, aufgehalten würden. Wir wollen nur andeuten, da es uns ja zumeist nur um die Schicksale des musikalischen Judenjünglings zu thun ist. Gerschom meinte, daß das Genie in der Musik Alles ausmache; nur für mittelmäßige Naturen sei ein Unterricht nothwendig, und diese Mittelmäßigkeiten verwünschte er eben aus dem gesammten Reiche der von ihm angebeteten Muse. Selbst für die richtige Verbindung der Töne, für das Eingehen und Auflösen von

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