Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-07-20 · Heft 29 (20.7.1869) · p. Seite 579

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 29 (20.7.1869)
Date
1869-07-20
Page
Seite 579 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226720--27404-3262982
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

5W denheit mtt Allem und Jedem gab er in einer Weise Ausdruck, welche schon wegen der Form, in der es geschah, jeden von der heutigen Cultur nicht ganz unberührt Gebliebenen verletzen, wegen des Ortes aber, an dem es geschah, empören mußte. Die Sprache der Wildorthodoxen in Oberungarn und Galizien erscheint im Vergleiche zu den urwüchsigen Redensarten unseres Oberjuristcn als eine wahre Hofsprache; seine Kraftausdrücke würden selbst in jenen Gegenden als in einem „Hesped" unzulässig Aufsehen erregen und draußen im Reiche, wollten wir einige in ihrer Natürlichkeit hier reproduciren, gar nicht verstanden werden. Natürlich haben die bei einer solchen Gelegenheit höchst unmanierlichen Auslassungen auch hier allgemein Unwillen und Aergerniß hervorgerufen, und zwar in dem Maße, daß die Repräsentanz nicht umhin konnte, denselben in einer Zuschrift an den Rabbi Ausdruck zu verleihen, ihn zu ermahnen, sich in Zukunft in seinen Reden einer den heutigen Culturverhältnissen angemessenen Sprache zu befleißen, und widrigenfalls mit einer Disciplinaruntersuchung zu drohen. Sagen wir es nur gleich heraus, daß dieselbe viel vernünftiger und weniger Aufsehen erregend gehandelt hätte, wenn sie anstatt an den greisen und 36 Jahre hier angestellten Rabbi eine Drohnote zu richten, dessen schon oft und auch bei dieser Gelegenheit geäußertem Wunsche sich ins Privatleben zurückzuziehen entgegengekommen, und ihm, da er wegen seines hohen Alters der Aufgabe eines Gemeinderabbiners ohnehin nicht mehr gewachsen ist, seine gänzliche Pensionirung angezeigt hätte. Was nun die Klagen über den Verfall der Gemeinde, abgesehen von der Form, in welcher, und von dem Orte, an welchem sie vorgebracht wurden, betrifft, wird wohl jeder Unbefangene zugeben, daß sie ganz begründet sind, nur müssen wir es dem frommen Rabbi sagen, daß er der letzte ist, dem solche Klagen zu führen zusteht. Kommt ja ein großer Theil der Schuld an diesem Verfalle auf seine Rechnung; was hat er während seiner 36-jährigen Amtsthätigkeit gethan um ihn aufzuhalten? Man glaube ja nicht, daß wir dem R. Freund darüber Vorwürfe machen wollen, daß er nicht vor 36 Jahren schon zeitgemäße Reformen eingeführt hat — wodurch dem religiösen Jndifserentismus der beste und stärkste Damm gesetzt worden wäre — das fällt uns beileibe nicht ein. Hat er aber auch nur das, was von seinem orthodoxen Standpunkte aus seine erste und heiligste Pflicht gewesen wäre, gethan? Wohl echauffirte er sich für Schulklopfl u, Schulrufen, für die Mizwothlizitation, für einen nur in Prag einheimischen Singsang und für ähnliche Lappalien, hat er aber jemals etwas zur Verbreitung der Kenntniß der Thora, zur Hebung des jüdischen Bewußtseins gethan? Hat er nicht vielmehr über die Melodie des Sabbath-Begrüßungsliedcs strengere Controle geführt, als über die koschern Fleischbänke und die andern zum Wesen einer jüdischen Gemeinde gehörenden Institutionen? Die Entgegnung, daß Rabbi Freund nur zweiter und der selige Rappoport erster Rabbiner war und daß unsere Vorwürfe demnach letztern in erster Linie treffen, wird nur derjenige machen, der die hiesigen Verhältnisse und insbesondere das Verhältniß, welches zwischen den beiden Rabbinen geherrscht hat, nicht kennt. Mangel an Kenntniß derselben ist es auch, daß sich Viele die Frage nicht beantworten können, wieso es gekommen, daß Rappoport, der im chaßidäischen Galizien an der Spitze der Kämpfer für Licht und Aufklärung gestanden, bald nach seiner Ankunft in Prag zum Rückzuge blies, wenigstens für immer Halt machte; wer jene Verhältnisse kennt, wird sehr leicht den Schlüssel zur Lösung dieser Frage finden, und dadurch auch die Bedeutung der Antwort, welche Rappoport auf die Einladung zur Braunschweiger Rabbinerversammlung ertheilt haben soll und die in letzter Zeit in verschiedentlichen jüdischen Zeitungen colportirt worden ist, um auch dessen Autorität gegen die Synode ins Feld zu führen, zu bemessen wissen. Auf eine Petition von 180 Gemeindemitgliedern ist eine Veränderung der Wahlstatuten in liberalem Sinne vorgenommen worden und sind gegenwärtig 1633 Wahlberechtigte in der Gemeinde. Dem Verlangen, die jetzt bestehenden drei Wahlkörper in einen umzuwandeln, und wo nicht, wenigstens aus allen dreien an einem Tage die Wahl vorznnehmen, wurde von der Repräsentanz nicht gewillfahrt. Zum Vertreter der Gemeinde am Leipziger Gemeindetage wurde Herr Georg Feigel gewählt. Zum Vertreter der jüdischen Confession im Landesschulrathe wurde Herr Dr. Wiener ernannt. Vom Harze. B., im Mai. (Privatmitth.) Der von Eduard Sack in Berlin redigirte „Wegweiser, ein Organ für die Volksbildung in Deutschland," welches wegen seines mannigfaltigen gediegenen Inhalts dring- . 29*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.