Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1869)
- Date
- 1869-07-20
- Page
- Seite 578 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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578 berechtigung aller Confessionen, die Einführung des obligatorischen jüd. Religionsunterrichts an den höheren Unterrichtsanstalten zu genehmigen. Der Antrag wurde angenommen. Es folgte nun die Berathung über die Begründung eines volksthümlichen Wochenblattes, welches die Richtung des Vereins in der Oesfentlichkeit vertrete, ohne jedoch als ausschließliches Organ des jüd.-thcol. Vereins zu gelten. Das Bedürfniß nach einem solchen Blatte wurde von Direktor vr. Frankel, Dr. Bloch u. Dr. Wallerstein anerkannt, es wurde daher beschlossen, für die Gründung eines solchen Organs Sorge zu tragen, vr. Treuenfels aus Stettin erklärte sich bereit, Mittheilungen in dieser Angelegenheit entgegenzunehmen. Nach Erledigung der Kassenangelegenheiten, über die Herr vr. Grätz berichtete, folgte die Berathung über Zeit und Ort der nächsten Versammlung des Vereins. Hier nun machten sich verschiedene Stimmen geltend, die im Interesse der Unabhängigkeit und Selbstständigkeit des Vereins sich dahin aussprachen, daß sie durchaus gegen die bleibende Verlegung der Zusammenkünfte nach Breslau seien; andere wollten eine zweijährige Wiederkehr der Versammlungen, wogegen namentlich der Herr Director vr. Frankel sich entschieden äußerte. Es wurde beschlossen, die Versammlung im Jahre 1870 und zwar wiederum in Breslau abzuhalten, die genaueren Bestimmungen des Termins aber der Vereinbarung des geschäftsleitenden Comitä's mit den einzelnen Mitgliedern zu überlassen. Hierauf wurde zur Neuwahl des Comites geschritten. Die Herren vr. Grätz, Rosin und Perles erklären wegen Ueberhäufung mit anderweitigen Berussgeschäftcn eine etwaige Wiederwahl nicht annehmen zu können. Auch hier traten mehrere Redner auf, die, um den Verein vor Bevormundung seitens des Seminars zu bewahren, den Antrag stellten, anstatt wie bisher 2 Vertreter des Lehrercollegiums am Seminar nur einen zu wählen; der Antrag fiel jedoch durch und es wurden gewählt: vr. Treuenfcls, vr. Zuckermann (Seminarlehrer», vr. Güdemann (Wien), vr. Freudenthal (Seminarlehrer» u. vr. Wallcrstein (Danzig). In der Commission für Cultusangelegenheiten wurden gewählt: Director vr. Frankel, vr. Landsberg (Liegnitz», vr. Buchholz (Pomm.-Slargard), vr. Güdemann und vr. Rosenthal (Bcuthen o/S.» vr. Grätz theilte zum Schlüsse noch mit: daß dem Vereine neu beigetreten sind: die Rabbiner vr. Feilchenfeld (Düsseldorf) und vr. Lüdenstein (Lemberg). Director vr. Frankel fordert die Versammlung auf, dem Comitö und insbesondere dem Obmann vr. Grätz ihren Dank für die pünktliche und eifrige Geschäftsführung auszusprcchen, was geschieht. Nachdem vr. Perles den Mitgliedern des Vereins, »velche, ohne aus dem Seminar hervorgegangen zu sein, sich aus Uebereinstimmung mit seinen Tendenzen dem jüd.-theol. Vereine angeschlossen, gedankt, nahm vr. Treuenfels das Wort, und hob in begeisterter Rede die Verdienste des Seminars und ihres Leiters hervor. Er schilderte aus der Erfahrung seiner langjährigen Thätigkeit den Verfall der jüd. Theologie zur Zeit, als das jüd.-thcol. Seminar ins Leben trat, wie er fast daran verzweifelt sei, daß die jüd. Theologie sich wieder auf wissenschaftlicher Grundlage aufbauen werde. Er habe sich nun überzeugt, daß seine Befürchtung unbegründet gewesen. Nach dieser Rede, die einen tiefen Eindruck hinterlassen haben soll, schloß der Vorsitzende die diesjährige Versammlung des Vereins. - - O österreichisch er Kaiserstaat. Prag, 21. Juni. (Privatmitth.) Der „Oberjurist" der pr. Gemeinde Rabbi Samuel Freund hat wieder einmal bewiesen, daß der Ruf, dessen er sich erfreut und den wir in unserem letzten Berichte angedeutet haben, ein wohlbegründeter, und daß es nur zu bedauern ist, daß er die in seinen Reden beinahe stereotyp gewordene Drohung seine Resignation einzureichen noch nickt verwirklichte. Vor einigen Tagen starb nämlich hier ein sehr biederer und frommer Mann in dem hohen Alter von 89 Jahren; trotzdem nun der Verblichene vor seinem Hinscheiden sich jedwede Trauerrede verbeten hatte, ließ es sich der greise Rabbi dennoch nicht nehmen, eine solche, wenn auch nicht zur Ehre des Todtcn, so doch zum Schimpf der Lebenden, zu halten. Er zeigte hierbei eine wahrhafte Virtuosität im Poltern, Schimpfen, Fluchen und Schelten, daß Schillers Capuciner noch lange zu ihm in die Schule gehen könnte. Seiner Bitterkeit über die jetzige Zcitströmung im Allgemeinen, und deren Einfluß auf die hiesige Gemeinde insbesondere, seinem Mißmuth über das häufige Unrecht, das ihm von Seiten der Gemeinde geschehen soll, seiner Unzufrie-