Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1869)
- Date
- 1869-07-20
- Page
- Seite 575 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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575 son'schen Antrags zu verschmelzen. Dasselbe geschah mit einem Amendement des Dr. Feilchenfeld. Hiernach lautete der Anfang des K. 1: „Das Judenthum hat seit der Zerstörung des Tempels das Priesterthum nur als eine geschichtliche, mit einigen religiösen Vorschriften verbundene Erinnerung u. s. w." In §. 2 blieben die letzten Worte: „Innerhalb des Culturlebens der jüd. Glaubensgenossenschaft und der ganzen Menschheit" als unwesentlich fort, und wurde dafür hinzugefügt: „also in stetem Zusammenhänge mit dem biblischen und traditionellen Schriftthum." Da nunmehr dieser Antrag wiederholentlich veröffentlicht worden, auch gar kein Zweifel vorhanden, daß die Synodalversammlung, wenn sie zu seiner Diskussion Zeit gehabt hätte, ihn angenommen haben würde, scheint es uns nothwendig, ihn mit wenigen Worten zu motiviren, ungefähr wie wir es in der Versammlung selbst gethan hätten. Jene vier Sätze sollen den Charakter des Judenthums in prägnanter Weise zeichnen, um ihn vor Gegnern und Feinden von außen und innen zu schützen. Wie man auch über die hierarchische Bedeutung des Priesterthmns im alten Israel denken möge — abgesehen davon, daß ihm der große Grundbesitz fehlte und es stets völlig abhängig vom Volke und dessen Gaben war — das bereits von Moses instituirte freie Lehramt im, aus dem und für das Volk paralysirte es gänzlich. Wie Moses selbst das Priesterthum von seiner Person trennte, und nur Prophet blieb, so standen die Propheten stets getrennt von den Priestern da — selbst Jeremias, der Priester war, donnerte gegen die Priester — und so gab es in Israel keine faktische Hierarchie, und jeder hierarchische Versuch wurde in Israel stets in bestimmter Weise zurückgewiesen. Dies beweist auch die Geschichte hinlänglich; denn wenn mehre Male die weltliche Macht in den Händen von Priestern sich befand (Richter Eli, die Hasmonäer), so war dies nur zufällig, und geschah nicht, weil die betreffenden Männer Priester waren. Nur der Sturz der Atalja war rein priesterlichen Ursprungs, ohne jedoch eine sichtbare hierarchische Tendenz zu haben. Als das Lehramt später eine besondere Gelehrsamkeit erforderte, wurde ein ungelehrter Hoherpriester dem ärmsten und dem Stande nach geringsten Gelehrten an Bedeutung nackgestellt. — Der zweite Passus constatirt, daß das Wesen des Judenthums die Tradition ist, die ununterbrochene Ueberlieferun g von Geschlecht zu Geschlecht, vom Jahrtausend der Propheten zum Jahrtausend der Thalmudweisen, von diesen an die Rabbinen und Lehrer bis zu dem heutigen Tage, aber eine Ueberlieferung nicht eines geheimnißvollen Priesterbuches, nicht einer mumifizirten abgeschlossenen Weisheit, sondern einer ewigen Gotteslehre, aus welcher für alle Zeiten der Quell des Lebens immer 'frisch hervorquillt, immer erfließend in Entfaltung und Entwickelung, in Erbreiterung und Vertiefung, immer von Neuem schaffend und gestaltend also in einem steten Zusammenhänge mit seiner ganzen Vergangenheit, für uns mit Bibel, Thalmud und rabbinischer Literatur, niemals mit ihr brechend und niemals sie für abgeschlossen erklärend. Ja, auch der Thalmud ist ein abgeschlossenes Buch, und es fällt Niemanden ein, noch eine Maßechta hinzuzuschreiben — aber war sein Inhalt abgeschlossen? Niemand kann dies behaupten. Erst recht fing da die Arbeit an; es mußten Entscheidungen gefunden, es mußte codificirt werden, in immer neuen Versuchen, bis zum Schulchan Aruch hin, der wiederum commentirt werden mußte, dessen Bestimmungen nicht selten mit dem Thalmud in Widerspruch stehen, es liefen die zahllosen m"tt> nebenbei und hinterdrein u. s. w., das Leben, die Wirklichkeit zwang die Tradition schon von Moses ab in's Dasein zu treten und sich immer weiter zu entwickeln, sich immer wieder umzugestalten. Der geschichtliche Inhalt des dritten Passus ist leicht verständlich; wir könnten ihn noch vielfach vermehren, die Streitigkeiten um die Autorität des Maimonides, um das Studium der Philosophie zu Salomon Adereth's Zeiten, um die deutsche Bibelübersetzung Mendelssohns u. s. w. geben noch Belege genug. Nur eine Ausnahme war zu beklagen, denn keine Regel ist ohne Ausnahme, aber eine jede Ausnahme beweist erst recht die Regel — die Karäer — aber welch' ein kleiner Abfall und wie einflußlos! Also das Judenthum kennt keine Schisma's, und wir weisen solche heute eben so energisch zurück, wie je, denn daß in einer Gemeinde, an einem großen Platze mehre Synagogen bestehen, in denen nicht alle Formen des Gottesdienstes gleich sind, das ist kein Schisma, haben doch zu aller Zeit die Riten nicht übereingestimmt, vielmehr ist das gut, um aller: Bedürfnissen zu genügen und den Hader zu vermeiden. Ein Schisma ist völlige Trennung, Verschiedenheit in den Glaubenssätzen, gegenseitige Ausschließung aus dem Glaubensbunde, Trennung bis in das Familienleben hinein. Nun unsere Gegner sind es, welche