Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1869)
- Date
- 1869-07-20
- Page
- Seite 574 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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574 Grunde ununterbrochen sich fortentwickelnden Tradition (Uektlieferung), die keinen Abschluß, sondern eine stete lebendige Weiterentwickelung des Ueberlieferten innerhalb des Culturlebens der jüdischen Glaubensgenofsenschaft und der ganzen Menschheit hat. 3. Das Judenthum kennt deshalb in seiner Geschichte und seiner Gegenwart wohl verschiedene Richtungen, aber keine gesonderten Sekten, und so wie selbst ein Tempel, von Onias in Aegypten erbaut, neben dem Tempel zu Jerusalem, wie die Sadducäer neben den Pharisäern, die Schammaiten neben den Hilleliten, die Kabbalisten später neben dem Talmud und viele andere sich bekämpfende Richtungen nebeneinander bestanden, aber kein Schisma hervorriefen, und Israel nach kürzerer oder längerer Zeit immer wieder darüber hinweg zur völligen Einigung und Einheit kam: so ist auch gegenwärtig trotz der Verschiedenheit von Ansichten und Richtungen eine wirkliche Spaltung, ein Schisma, durchaus nicht motivirt, sondern vielmehr entschieden zurückzuweiseu. 4. Hierzu ist aber vor Allem nothwendig: die dem Judenthum zu allen Zeiten eigenthümliche Autonomie, Unabhängigkeit und Selbstständigkeit in allen religiösen Angelegenheiten, die in der Gemeinde ihre Selbstbestimmung und Selbstverwaltung ohne irgend einen maßgebenden Einfluß von außen findet, zu wahren oder wieder zu erlangen." Es ist durchsichtig, daß diese Sätze in einem engen Zusammenhänge mit einander stehen, und nicht allein gewisse geschichtliche Eigenthümlichkeiten des Judenthums erklären, sondern damit auf die unmittelbare Gegenwart ganz concret einwirken sollten. Sie waren nicht bloß theoretischer Natur, aber es drängte wenigstens nichts, diese Erklärungen an die Spitze der Verhandlungen zu stellen. Darum wandte der Antragsteller nichts ein, als der Vorsitzende diesen seinen Antrag einer späteren Zeit der Session zuertheilte. Gleich zum Beginne der Sitzungen brachte aber Herr Di-. Wollner, prakt. Arzt, Vertreter der Gemeinde Gleiwitz, folgenden Antrag ein: „Die Synode wolle im Anschlüsse an den ersten Antrag des Herrn Dr. Ludwig Philippson und unmittelbae nach dessen Erledigung erklären: Daß sie bei Heilung der Uebelstände, die vorliegen, vor Allem den Zusammenhang mit Bibel und traditionellem Schriftenthume aufrecht zu erhalten bemüht fein will." So wenig dieser Antrag seinem objektiven Sinne nach eigentlich irgend einen Widerspruch hervorzurufen brauchte — denn in der That denkt der radikalste Reformer nicht daran, aus dem Zusammenhangs mit der Bibel und dem Schriftthume der Vergangenheit zu treten und etwas ganz Neues zu schaffen, er wird selbst bei der kühnsten Reform immer Nachweisen, wie es in der Angelegenheit früher gehalten wurde, wie dieselbe entstand und sich entwickelte — so war doch eingestandener Maßen der Zweck des Antragstellers und seiner Genoffen ein anderer und der subjective Sinn ihrer Worte hatte ein anderes Ziel. Wie sich mehrfach ausgesprochen hatte, versuchte eine Fraktion der Versammlung von vornherein dieser einen radikalen Charakter zu geben und diesen durch eine gewiffe Wahl offenbar zu machen. Diesem Versuche gegenüber wollte die Fraktion, an deren Spitze sich Dr. Wollner befand, die obige Erklärung Hervorrufen, welche den innerlichsten und ehrlichsten Zusammenhang mit Bibel und Talmud als die Richtschnur der Synode in allen ihren Maßnahmen und .Beschlüssen proklamiren sollte. Gerade deshalb aber mußte die Diskussion dieser Erklärung zu vielen streitigen Auffassungen führen. Den Zusammenhang an sich verleugnet Niemand, wie weit er aber geht, wie also jeder Einzelne zu Talmud und Rabbinenthum steht, mußte hierbei zum Ausdruck kommen, und konnte nur zu endlosen und doch nur erfolglosen Debatten führen. Einzelne machten daher dem Antragsteller den Vorwurf, er wolle nur einen Zankapfel in die Versammlung hiueinwerfen, ein Vorwurf, den Di-. Wollner entschieden zurückwies und den er durchaus nicht verdiente, wenn auch möglicher Weise in der Besprechung viel theologisches Gezänk entstehen konnte. Im Laufe der Verhandlungen zeigte es sich aber durch die Thatsachen, daß die Versammlung durchaus keinen radikalen Charakter habe; sie desavouirte vielmehr wiederholt jene, die ihr diesen Charakter hatten geben wollen; ihre Verhandlungen wie ihre Beschlüsse zeigten eine besonnene, gemäßigte, mit der Tradition, wie mit den gegebenen Verhältniffen rechnende Tendenz. Di-. Wollner bestimmte sich daher vor dem Schluffe der Sitzungen leicht, seinen Antrag zurückzuziehen, welchen die Versammlung selbst unnöthig gemacht hatte. Wie wir schon gemeldet, hatte er sich auch vorher bereit gezeigt, denselben mit dem zweiten Paffus des Philipp-