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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-07-13 · Heft 28 (13.7.1869) · p. Seite 559

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 28 (13.7.1869)
Date
1869-07-13
Page
Seite 559 (sequence 11)
Language
German
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559 ung für dieses Nationalwerk einflößten; so z. B. in der Medicin, der Hortologie, der Rechtswissenschaft; namentlich in letzterer Beziehung sei sogar der Talmud den neuesten Gesetzgebungen voraus: man kannte keine Todesstrafe, keine Schuldhaft, keine Tortur; die Rectificirung mancher Rechtsbegriffe sei erst durch den Talmud möglich geworden. Hagada und Midraschim seien eine Fundgrube für Ethik, die bis jetzt noch nicht ergründet sei. Es gebe daher für die wissenschaftlich gebildeten Männer der Jetztzeit, die für gründliche Forschungen auf dem Gebiete des Judenthums Interesse haben, ein weites Feld, auf dem sie Wettspiele des ernsten geistigen Schaffens anstellen könnten. Und das sei auch die Aufgabe des Vereins und seiner Mitglieder. Nicht um Opposition zu bilden, sondern durch innere Nothwendigkeft sei der Verein ins Leben gerufen worden." Nachdem sich auf Anfrage des Präsidenten, ob über den Bortrag eine Discussion veranstaltet werden solle, niemand zum Wort gemeldet, schloß der Vorsitzende die I. Sitzung um 12 Uhr, indem er zugleich auf Nachmittags 3 Uhr eine vertrauliche Besprechung ankündigte. — Die Sitzungen werden im Betlokal abgehalten. Den 30. Juni: Bon 9—11 Uhr geheime Sitzung. Auf 11 Uhr ist ein Vortrag des Herrn Director und des Herrn Rabbiner vr. Güdemann angekündigt. Der Vortrag des Herrn Directors bestand in einer scharfsinnigen Darlegung im Pilpulstile einer Stelle in i'wa. Eine Debatte knüpfte sich nicht daran, besonders da unerklärlicher Weise für einen Vortrag und die allenfalls daran sich entspinnende Discussion nur eine halbe Stunde in der Geschäftsordnung vorgesehen ist. Der Vortrag des Herrn vr. Güdemann hatte das Thema: „Ueber die Abfassung und Tendenz der Erzählung des Kebsweibes zu Gibea." (Ui. 19— Ende.) Der Redner sucht durch Beweise darzuthun, „daß es dem Verfasser jener Erzählung um eine Vergleichung der Stämme Juda und Binjamin zu thun gewesen sei. Die Zeit der Abfassung falle in die Periode von 7'/r Jahren, in welcher David allein von Juda als König anerkannt wurde. Der Verfasser sei wahrscheinlich ein Jünger aus der Prophetenschule Samuels. Unser Stück sei ursprünglich eine Flugschrift gewesen, welche einfach das Factum, wie es vorfiel, erzählte und die mit dieser Einleitung an die Adresse Binjamin gerichtet die Binjaminiten ermahnen sollte, von ihren Sonderbestrebungen abzustehen und die Herrschaft zu billigen und anzuerkennen. Als Beweis führt der Redner an, daß bei der Erzählung jenes Factums Juda in das schönste Licht gestellt sei, während von den Binjaminiten gesagt werde, daß sie sich Rohheit, Lieblosigkeit und die Entziehung der Gastrechts haben zu Schulden kommen lassen; Juda hat den Vorttitt im Kampfe. Nach der Niederlage der Binjaminiten werden ihnen aber gute Worte gegeben, um sie für die Dynastie Davids zu gewinnen." Auf den Nachmittag wurden die Mitglieder des Vereins zu einem gemeinschaftlichen Ausflug eingeladen. Den 1. Juli. Nachdem bis 11 Uhr die geheime Sitzung ausgedehnt war, hielt Herr Rabbiner vr. Zuckermandel in Gnesen einen Vortrag über den talmudischen Begriff des Wortes rvp-u und die daran sich knüpfenden Rechtsfragen. Daran schloß sich ein Vortrag des Herrn vr. Freudenthal, Lehrers am Seminar, über die Religionsphilosophie des jüd. Hellenismus. Zu beklagen ist, daß sich an keinen Vortrag eine Debatte geknüpft hat und daß den darauf dringenden Herren das Wort förmlich abgeschnitten wurde. Heute Nachmittag noch einmal geheime Sitzung. — Soviel ist in die Oeffentlichkeit gedrungen, das übrige deckt bis jetzt eiil geheimnißvolles Dunkel, dem ein gewisser mysüscher Schein nicht abzusprechen ist. — Die Mitglieder, die sich nicht so zahlreich eingefunden, als man erwartet hatte, werden heute oder morgen Breslau wieder verlassen. — k. — Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, 10. Juni. Die Lebenskraft und die Anziehungskraft des Judenthums bewährt sich am hiesigen Orte in unfern Tagen auf eine eigenthümliche Weise, nämlich durch die wachsende Zahl der Uebertritte zum Judenthum. Es entstehen daraus mannigfache Fragen, und die „Presse" vom heutigen Datum enthält folgenden Artikel, den wir hier wörtlich wiedergeben wollen. Die veröffentlichten Daten über Convertirungen liefern den Nachweis, daß in Folge der neuen confessionellen Gesetze bei allen Religionsgenossenschaften Uebertritte stattgefunden, und daß hierbei das Judenthum am meisten begünstigt erscheint. Diese letztere Erscheinung ist um so beachtenswerther, als die Juden nach den historischen Zeugnissen von jeher der Proselytenmacherei abhold waren und die jüdischen Seelsor- 28*

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