Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-07-13 · Heft 28 (13.7.1869) · p. Seite 552

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 28 (13.7.1869)
Date
1869-07-13
Page
Seite 552 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226719--27376-3262953
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

552 Dritte Sitzung des Gemeindetages. Freitag, den 2. Juli Vormittags 8 Uhr. Diese Sitzung war allein dem Anträge des Dr. L. Philippson betr. der nothleidenden russischen Juden gewidmet, der da lautete: 1. „Der Gemeindetag stellt sich an die Spitze der Agitation für die allmälige und organisirte Auswanderung der nothleidenden Juden aus den westlichen Provinzen Rußlands, sei es in das Innere des russischen Reiches, sei es in andere Länder. 2. Er ernennt aus seiner Mitte eine Commission, welche die hervorragendsten Männer aller Weltgegenden bewegt, zu einer Hauptcommission zusammen zu treten. Diese Hauptcommission hätte a) an ihren und anderen Oertlichkeiten Subcomitös zur Beschaffung der Mittel zu erwirken und zwar durch regelmäßig geordnete Casien aus einmaligen Spenden und aus monatlichen Beiträgen; b> durch Mitwirkung erfahrener Männer und Comitös in Rußland selbst einen angemeffenen Plan für diese Auswanderung zu entwerfen; c) die Kaisers, russische Regierung anzugehen, diese Auswanderung resp. Einwanderung in das Innere ihres Reiches zu gestatten und ihr möglichst Vorschub zu leisten. 3. Die Mitglieder des Gemeindetages selbst sprechen für sich die Verpflichtungen aus, dieses Unternehmen Persönlich in ihren Gemeinden mit allen Kräften zu fördern." Bevor die Debatte darüber eröffnet wurde, hielt sich der Vorsitzende, Herr Kohner veranlaßt, dem vr. Philippson Worte des Dankes und der Anerkennung für dessen gesammtes Wirken durch sein ganzes Leben hindurch sowie für die besondere Theilnahme auszusprechen, die der Genannte dem Zustandekommen des Gemeindetages seit der ersten Mittheilung, welche ihm der Vorsitzende davon gemacht, gewidmet hat. Er that dies in der herzlichsten Weise und fand daher in der Versammlung den allgemeinsten lebhaftesten Beifall. Die Versammlung erhob sich von ihren Sitzen. Nunmehr hielt vr. PH. einen gedrängten Vortrag über die Lage der Juden in Westrußland, deren Ursachen und mögliche Heilmittel. Wie deren außerordentliche Zusammenhäufung in den Städten der wenigen Provinzen der Hauptquell ihres Unglücks ist, so kann eine Besserung nur eintreten durch die Entfernung eines beträchtlichen Theiles derselben, wodurch zugleich den Zurückbleibenden ein größerer Spielraum für Arbeit und Erwerb geschaffen würde. Redner entwarf nun die Grundzüge seines Planes, wobei alles darauf ankäme, einen ersten Anstoß hervorzubringen, einen ersten Mittelpunkt zu schaffen, und hierzu böte der Gemeindetag das bereiteste Mittel. Mit sichtbarer Erregung war die Versammlung dem Vortrage gefolgt, und als der Vorsitzende an jenen die Aufforderung schloß, mit allen Kräften dem großen Ziele nachzustreben, diesen unglücklichen Zweig unseres Stammes dem nahen Untergange zu entreißen, und mit den Worten schloß: „Ja, wir wollen es!" erhob sich die ganze Versammlung, und rief: „Wir wollen es!" Der Gemeindetag beschloß hierauf, dem obigen Anträge gemäß, aus seiner Mitte eine Commission zu erwählen, deren Obmann der Antragsteller sei. Es wurden gewählt: Prof. vr. Lazarus und Gemeinde-Secretär Wertheim aus Berlin, vr. Aronheim aus Braunschweig, Or. Honigmann aus Breslau, vr. Wollner aus Gleiwitz, I. Levy a. Aachen, Joseph Bondi aus Dresden, Vorsteher Simon aus Hamburg, Daniel Heinemann aus Hannover, Vorsteher Kohner aus Leipzig, vr. Josefsthal aus Nürnberg, Georg Feigel aus Prag, Bauer aus Teplitz, Holländer a. Cassel, Adler aus Cassel. Der Vorsitzende dankte nunmehr den Mitgliedern der Versammlung für ihre ausdauernde Theilnahme an den schwierigen Berathungen, für ihre Begeisterung, die sie den angeregten Gegenständen gewidmet und für den Geist der Eintracht, der sie beseelte. Aus der Mitte der Versammlung dagegen kam die innigste Anerkennung für die Mühewaltung und Fürsorge des Leipziger Vorstandes, sowie besonders für die Ausdauer und Energie, mit welcher Herr Kohner die Berathungen vorbereitet und geleitet hat, zum Ausdruck. Mit einem dreimaligen Hoch auf Herrn Kohner schloß die Sitzung und der diesmalige Gemeindetag. Zum leitenden Ausschuß des Gemeindetages waren vorher gewählt worden die Herren Kohner a. Leipzig, Wertheim aus Berlin, Josefsthal aus Nürnberg, Feigel aus Prag, Lehmann aus Dresden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.