Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-07-06 · Heft 27 (6.7.1869) · p. Seite 547

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 27 (6.7.1869)
Date
1869-07-06
Page
Seite 547 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226718--27370-3262946
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

547 Dieser Vorschlag des Richters, für die Betrachtung der Sachlage von größter Wichtigkeit, wird sich der Aufmerksamkeit des Lesers später wieder varstellen. Einen tragikomischen Eindruck mußte es machen, daß der Advokat der Thomas auch noch auf Kosten plädirte, was aber entschieden abgewiesen ward. So hatte sich denn die Gerechtigkeit ohnmächtig erwiesen, eine Schandthat zu entlarven, zu strafen, die sich wunderbarer Weise den freien Boden Englands zum Schauplatz und das neunzehnte Jahrhundert zum Zeugen gewählt hatte; eine That, die sich nur dadurch von dem Mortara-Fall unterschied, daß bei Letzterem ein rechtsloser und unfreier Zustand die Thäter zwang, die Maske vom Angesicht zu nehmen und, da alle Macht in ihnen gipfelte, sie als privilegirte Entweiher des Familienheiligthums vor Europa blosstellte: während hier ein sophistisch behüteter Rechtsboden den Seelenfängern seine Schleichwege öffnet und es ihnen möglich macht, ihr Gewerbe mit einer Art Sicherheit zu betreiben. Her Barnett Lyons schließt die ergreifende Darstellung dieser Einzelheiten mit einem beweglichen Aufruf an seine Glaubensgenossen, an seine christlichen Mitbürger, an die Presse, die Mitwelt. Von der Tribüne einer unzulänglichen Gesetzgebung appellirt er an die Satzungen der Vernunft, des menschlichen Gefühls, der Billigkeit. Er beruft sich auf das Princip der Gegenseitigkeit: der gemeinsamen Gefahr heute mir, morgen dir. Kein Religionsverband des an Sekten und Bekenntnissen so reichen Großbrittanien sei vor den Nachstellungen der Nachbargemeinde sicher; kein häuslicher Herd könne sich ungestört und unbehelligt fühlen, so lange diese Unthat ungestraft und unvereitelt bliebe. Wenn die Stimme des öffentlichen Antheils diese betrübte Familie zu trösten vermag, so ist ihnen diese laut genug vernehmbar geworden. Die gesammte Presse und vor allem die liberale war eine Zeit lang mit dem unerhörten Falle beschäftigt, und vom Vorgebirge Landsend bis Aberdeen hörte man nur einen vielfach wiederholten Wiederhall der Misbilligung und des Unwillens. Hat dieser Trompetenschall des mächtigsten Tribunals der Neuzeit dem Vater sein verlorenes Kind wieder zugeführt? Wir werden sehen. — Es gehört zu den unheilbarsten Schäden unserer vielbeschäftigten Zeit, daß Bewegungen sich so bald müde ringen, daß den Sturm so rasch ein neuer Sturm verschlingt, daß die Gewalt, mit der eine Bewegung sich ankündigt, nur zu oft ein hippokratisches Symptom ihres nahen Erlöschens ist. Im August erschien ein Brief des Herrn Thomas im „Merthyr Guardian," worin dieser Ehrenmann die Schuld von sich ab- und auf seine Gattin zu wälzen sucht. Der Besuch der Esther Lyons in seinem Hause habe in seiner Abwesenheit stattgefunden. Sie habe um Schutz gegen die elterliche Grausamkeit gefleht, und er selbst habe sie niemals vorher, noch seitdem sie sein Haus verlassen, gesehen. Auch habe er niemals mit ihr Reli- , che geführt, und es sei nie seine Absicht gegwnsgespra "; 1 1 ' ö wesen, der rechtmäßigen Autorität der Eltern entgegenzutreten. Man vergleiche diese Aussage mit dem famosen Vorschläge, L 10 für das Wiedersehen zu zahlen, und mit anderen oben erzählten Thatsachen. Kann ein Mann, der sich auf Kosten seiner Frau vertheidigt, überhaupt Glauben und Gehör beanspruchen? Am 3. Sept. fand indessen die angeregte Zusammenkunft zwischen Vater und Tochter statt. Unser Bericht wäre lückenhaft ohne die peinlichen Einzelheiten dieser in ihrer Art einzigen Begegnung. Am 28.Aug. sandten die Anwälte der Thomas-Familie an die Anwälte des Herrn L. die schriftlichen Bedingungen, unter denen Esther ihren Vater sehen sollte. Demzufolge sollte sie von einem Anwalt, noch einem Herrn und einer Dame begleitet sein und im Bureau des Anwalts Samuel zu London ihren Vater allein sprechen. Darauf solle sie zu ihren Begleitern zurückkehren und vor den Anwälten, aber nicht im Beisein ihres Vaters erklären, ob sie zu den Eltern zurückzukehren gesonnen sei. Der Vater, in seiner Sehnsucht nach dem Wiedersehen, genehmigte alles; ader es dauerte noch beinahe eine Woche, bis die Sache ins Geleise kam. Ein weitschweifiger Briefwechsel ward deshalb geführt, zweimal ward die Zeit und noch einmal der Ort abgeändert, und die andere Partei, die ihre Uebermacht fühlte, schien es darauf anzulegen, den betrübten Vater den Bittern Kelch zur Hefe austrinken zu lassen. Ueber die Zusammenkunft lassen wir Herrn L. selbst sich vernehmen. „Donnerstags um drei Uhr begab ich mich nach dem Bureau: 20 Bedford-Row, begleitet von meinem Sohne, meinem Schwager und meinem Rechtsbeistand. Bei meiner Ankunft wurden meine Begleiter ersucht, in einem Zimmer zu ebener Erde zu warten, und ich ward ins obere Stockwerk, in ein kleines Zimmer des Hintergebäudes gewiesen. Nachdem ich hier fast eine Stunde allein gewartet, trat meine Tochter ein. Und jetzt verstauen Sie mir den Versuch, meine Empfindungen zu schildern. Als sie mein Haus und meinen Schutz verließ, erfreute sie sich einer blühenden Gesundheit, sah sie glücklich und zufrieden aus: zitternd und nervös fand ich sie wieder, und ach so furchtbar abgezehrt und hager, daß mein Herz schmerzvoll pochte um mein armes, verirrtes Kind. Sie war sehr ärmlich gekleidet, durchaus nicht so, wie sie es zu Hause gewohnt war. Es schwindelte mir, ich war einer Ohnmacht nahe, und so aufgeregt fühlte ich mich durch die wechselnden schmerzlichen Empfindungen, daß ich mir kaum bewußt war, wo ich mich befände und wen ich anredete. Ich trat näher und erklärte ihr die tiefe Trauer und den Kummer, welche ihr unüberlegtes Entweichen über unser Haus gebracht; und sie erwiederte, daß dies ganz gegen ihre Absicht liefe. Darauf fragte ich sie, wodurch sie bewogen worden wäre, uns zu verlassen. Sie begann nun eine ziemlich lange Erklärung und sagte, daß sie ein wahres Märtyrthum ausgestanden; plötzlich aber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.