Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1869)
- Date
- 1869-07-06
- Page
- Seite 548 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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548 unterbrach sie sich und am ganzen Leibe zitternd zeigte sie solchen Schrecken, sich denke mir, in Folge des Vertrauens, das sie in mich hatte setzen wollen) daß sie unfähig war, fortzufahren. Darauf bat ich sie, mit mir zu gehen. Sie erwiederte: „Wie kann ich Dies? — Ich habe-ich bin getauft!" Ich sagte: „Das thut nichts; ich will alles vergessen und vergeben." Sie antwortete nichts, sondern weinte und senkte ihren Kopf, als wäre sie völlig geistesabwesend. Ich lag vor ihr auf den Knieen und beschwor sie bei den heiligsten Banden der Natur, mit mir zurückzukehren. Gleich als ob sie mit einer unsichtbaren Macht kämpfte, so rief sie aus: „Ich werde rasend! ich werde rasend!" Da ich sah, wie fremder Einfluß fast wie Zauber sie beherrschte, so bat ich sie, sich eine Woche Bedenkzeit zu gönnen und mich das Resultat wissen zu lassen. Sie sagte: „Das kann ich nicht; ich muß erst meine Freunde fragen." Herr Anwalt Allen beobachtete inzwischen die ganze Scene aus einem Fenster, und dies regte mich so sehr auf, daß ich froh war, als das Gespräch, das etwa eine halbe Stunde gewährt, zum Schluffe kam. Ich ward bedeutet wieder hinabzusteigen, und Allen rief meine Begleiter in ein anderes Zimmer; mir aber verstattete man nicht, zugegen zu sein. Die Ehre, als Richter zu fungiren, welche dem Richter Blackburn nicht zukam, ward von Thomas und seinen Genossen dem Herrn Allen übertragen. Denn als Esthers Bruder und ihr Onkel sie küßten und sie anreden wollten, so befahl ihnen der Advokat, das Zimmer zu verlassen und erklärte die Zusammenkunft für beendigt." Seit dieser merkwürdigen Zusammenkunft ist die Sache in kein neues Stadium getreten, außer, daß sie von Zeit zu Zeit in der Presse stets auf's neue für oder wieder herumgezerrt worden ist. So trat u. A. im September ein gewisser L. Schwartz, Doktor der Theologie, einer von den besoldeten Renegaten im Dienste der Missionsgesellschaft, für den säubern Thomas in die Schranken. Es verlohnt sich wahrlich nicht, die Phrasen und Argumente, welche diese Herren wie Spielmarken handhaben, zu wiederholen. — Andererseits wurde von wohlwollenden und mit Gemein sinn begabten Männern der Vorschlag gemacht, die Angelegenheit des verletzten Vaters zu einer gemeinsamen der jüdischen Gesammtheit Englands zu machen, und ihn nach ven großen Geldopsern, die er bereits gebracht, im weiteren Verfahren gegen seine rücksichtslosen Gegner kräftig zu unterstützen. Daß ein solches Verfahren auf Erfolg hoffen könne, wies der Anwalt Joel Emanuel im Nov. auf's Klarste nach. Es handle sich zunächst darum, das Mädchen zum Mündel des Kanzleigerichtes zu machen, indem man einen Vermögenstheil von wenigstens £ 10 für sie festsetzte. Ferner sollten durch eine Civilklage die Verführer zur Verantwortung gezogen und gegen die Wiederkehr eines solchen Aergernisses eine heilsame Abschreckung erzeugt werden. Zur Bestreitung der Kosten sollte ein Fond durch freiwillige Beiträge gebildet werden. In der That stoffen von mehreren Seiten nicht unbeträchtliche Beiträge; allein im Ganzen machte sich im Schooße der Gemeinde eine solche Lauheit und Gleichgiltigkeit geltend, daß die weitere Betreibung der Angelegenheit unterblieb; und seit ein paar Monaten beginnt über die ungesühnte Ungebühr das Gras der Vergessenheit zu wachsen. Es ist wahr, wenn wir die Sachlage objektiv betrachten, so müssen wir schwache Seiten, Blößen daran einräumen, welche dem Kaltsinn des Publicums zur Entschuldigung dienen können. Hier griff nicht, wie in dem Falle Mortara, eine despotisch finstere Gewalt in ein lauteres Familienheiligthum ein. Der Fanatismus und die zudringliche Seligmacherei fand den Gegner unbewacht und halb bereit ihm die Thore zu öffnen. Dieser Vater, man muß es zugeben, besaß nicht die Kraft, seiner Tochter Liebe und Gehorsam einzuflößen; und was man auch sagen möge, etwas war — nicht gesund in der Familie Lyons. Allein, so erwiedern wir, wenn alles gesund und heil wäre in der Welt und im Menschenleben, dann brauchte man ja überhaupt keine Gesetze, keine Rechtsprincipien. Es ist eben das Unsichere, das schwankende und gefährdete Element, für welches die Gesellschaft einen Rechtsboden geschaffen hat; und die edelsten Geister haben dies von jeher erkannt und haben des Princips halber nicht selten einen halb oder ganz werthlosen Besitz vertheidigt. Es mag wahr sein, daß an der Heldin unserer Geschichte weder das Judenthum noch der häusliche Herd viel verloren haben; allein deshalb hätte man doch jene nicht triumphiren lassen sollen, welche selbst den wohlfeilsten Sieg zur Schändung unserer heiligsten Besitzthümer ausbeuten. Am wenigsten aber konnte man solches müßiges Zusehen von Jenen erwarten, deren entschiedenste Aufgabe es war, einen kräftigen Protest gegen diese Gewaltthat zu erheben. Die Londoner Tafel der Deputirten (Board of deputies), welche die Ungebühr kaum einer ernstlichen Erwägung gewürdigt, diese Deputirten- Tafel hat der Mitu. Nachwelt die Frage in den Mund gelegt, wozu eine solche Behörde denn überhaupt vorhanden sei. Wir sind zu Ende. Unsere schwachen Worte können zu dem tausendjährigen Widerspruch der Wahrheit, der Gesittung gegen den Unverstand und die Lüge nichts Wesentliches hinzufügen; allein auch der kleinste Fußbreit Bodens, in diesem edlen Kampfe erobert, ist ein nickt zu verachtender Sieg, ist vielleicht eine Freistätte für künftige Verfolgte. Verlag von Baumgartners Buchsandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur . H. Lvtze.