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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-07-06 · Heft 27 (6.7.1869) · p. Seite 537

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 27 (6.7.1869)
Date
1869-07-06
Page
Seite 537 (sequence 13)
Language
German
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537 können. — Die Waaren sind schlecht, daher die Kunden wechseln, wodurch der Umsatz ihres kleinen Kapitals stockt, und müssen die Leute nothwendig verarmen. Ebenso ist es mit den Handwerkern, sie liefern meist schlechte Arbeit, weil jeder Meister schielt und kein Geselle bleiben will. In großen Städten wie Wilna geht es mit den Handwerkern noch so ziemlich, aber in kleinen Landstädten ist es ein Jammer und man kann dort kaum etwas arbeiten lassen. — Ein Beweis, wie wenig die dortigen Arbeiter verstehen, ist, daß alle guten Möbel fertig aus Deusschland geschickt werden; man zahlt also lieber den bedeutenden Zoll, als bei den einheimischen Tischlern arbeiten zu lassen. Also Verarmung auch bei den Handwerkern, wenn auch nicht in dem Grade, wie bei den Handel treibenden Juden. — Wir haben in Deutschland ein ähnliches Beispiel an den Weberdistrikten in Schlesien; es sind zu viel Weber dort und doch werden die Kinder immer wieder Weber, verhungern lieber dabei als etwas anderes zu ergreifen. In den westlichen Provinzen ist nun ein großer Mangel an ländlichen Arbeitern im Gegensatz zu der Uebersülle an kleinen Krämern und Handwerkern. Die Juden haben dort aber eine förmliche Abneigung gegen jede Feldarbeit und nur gegen unverhältnißmäßig hohen Lohn sind selbst bettelnde Juden zur Feldarbeit zu bewegen. In der Erndte, welche dort niit der Sichel beschafft wird und welche Arbeit sehr hoch bezahlt werden muß, kommen allenfalls die jüdischen Weiber, die Männer aber fast nie. — Auch diejenigen Juden, welche Gärten und Aecker gepachtet haben, lassen die Arbeit meist von ihren Frauen besorgen. — Die Rettung, welche darin liegt als Tagelöhner auf dem Felde zu arbeiten, verschmähen die Juden, ich fürchte daher, daß eine Vertheilung von Acker an dieselben nicht den günstigen Erfolg haben würde, wie man glauben sollte. Ich glaube, daß eine durchgreifende Besserung dieser traurigen Verhältnisse nur möglich ist, wenn eine massenhafte Auswanderung bewirkt wird und zwar, da man dieses nach Amerika nicht gestatten wird, nach dem südlichen Rußland z. B. nach dem caspischen Meere, nach der Wolga u. f. w., dieses wird sogar von der Regierung begünstigt und einzelne Juden sind bereits dorthin gezogen und ich glaube, man giebt ihnen dort unentgeldlich Acker. — Eine Massenauswanderung würde der zurückbleibenden verminderten jüdischen Bevölkerung mehr Spielraum lassen. Kommt dazu noch, daß unter den zurückbleibenden Gemeinden eine Art Gewerbezwang eingeführt würde, oder durch Capitalisten Genossenschaften ins Leben gerufen würden, und könnte man schließlich die vielen kleinen Handwerker bewegen, unter einzelnen tüchtigen mit genügendem Capital versehenen Meistern zu arbeiten, so scheint mir das Loos der Juden würde sehr gebessert werden. Mein Brief ist bereits allzulang geworden, doch die Sache interessirt mich sehr und konnte ich es nicht unterlassen meine Ansichten auszusprechen. — Es würde mich freuen, wenn ich über Ihre Schritte Nachricht erhielte. Mit Hochachtung A. Baron le Fort. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 22. Juni. In der bei dem Schluffe des Reichstages gehaltenen Thronrede kommt folgender Passus vor: „Der aus Ihrer Initiative hervorgegangene Gesetzentwurf, betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung, begegnete den übereinstimmenden Absichten des Bundesraths und hat dessen Zustimmung gefunden." — Im norddeutschen Bundesrathe ist es bei Gelegenheit des Beschlusses über den vom Reichstage (auf Antrag des Abgeordneten Wiggers) angenommenen Gesetzentwurf wegen Gleichstellung der Konfessionen in Ausübung der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte (dessen Sanktion durch den Bundesrath und das Budgetpräsidium die Thronrede bereits angekündigt hati zu einem förmlichen Proteste gekommen, wie er in solcher Schärfe bisher noch nicht zum Ausdruck gelangt war. Gegen den Gesetzentwurf haben nur die beiden Mecklenburgischen Regierungen ihre Stimmen abgegeben, und zur Motivirung des

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