Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1869)
- Date
- 1869-07-06
- Page
- Seite 536 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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536 Leipzig, sein Domicil aufgeschlagen, um von ihm Nachschläge rc. darüber zu vernehmen. Derselbe, ein langjähriger Freund von mir, antwortete mir, wie Ew. Hochwürden aus der Einlage, die eine wortgetreue Abschrift seines an mich gerichteten desfallfigen Briefes ist, ersehen, ausführlich und theilnehmend. Gerson Heimann. Plagwitz, 11. Juni 1869. Euer Wohlgeboren werthes Schreiben vom 8. Juni habe ich erhalten und will Ihnen mit Vergnügen die gewünschte Auskunft geben. Die große Noch der Juden, oder richtiger eines Theils derselben in Westrußland ist leider nicht zu leugnen, und der Gedanke ihnen Reisegeld zur Auswanderung nach Amerika zu verschaffen, hat viel für sich; doch fürchte ich, daß die russische Regierung einer Maffenauswanderung der Juden unüberwindliche Hindernisse entgegensetzen würde. Ihre Idee nun, in den westlichen Gouvernements Ländereien anzukaufen, um die Juden auf dem parcellirten Grundstück als Bauern einzusetzen, wird ebenfalls auf verschiedene Schwierigkeiten stoßen. 1. Wenn ein Ausländer in Rußland Grundbesitz erwerben will, so bedarf es dazu der besonderen Erlaubniß des General-Gouverneurs. 2. Juven dürfen in den westlichen Provinzen von Rußland gar keinen Grundbesitz erwerben, daher falls Sie wirklich die Erlaubniß zum Ankauf von Ländereien erhielten, die darauf zu setzenden Juden jedenfalls nur als Pächter auftreten dürften. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, daß Sie die Erlaubniß zum Ankauf erhalten. Fünfzig Morgen Acker würden in den Gegenden, welche ich kenne, vollkommen genügen, eine Familie zu ernähren. Größere Güter von 10000 bis 60000 Morgen d.h. Magdeburger sind zu haben; man kann ungefähr die Hälfte als tragbaren Acker, das Uebrige Wald und meist nasse Wiesen rechnen. Für den Morgen wird man 2—6 Rubel zahlen, natürlich kömmt es ganz auf die Lage des Gutes und den Boden an; diese Angaben sind nur ganz allgemein. Ebenso verhält es sich mit dem Absatz, welcher sich natürlich nach der Nähe der Eisenbahn oder eines größeren Fluffes richtet. Ob Sie zu vorbesprochenem Zwecke in den westlichen Provinzen kaufen dürfen und ob das ganze Projekt auch von der Regierung nach Ankauf genehmigt werden wird, darüber erhalten Sie die beste Auskunft, wenn Sie sich direct an den General Potapoff, Gouverneur der westlichen Provinzen in Wilna, wenden. Er ist ein sehr braver Mann. Bevor Sie jedoch irgend etwas unternehmen, selbst nach Zusage des Gouverneurs, müssen Sie nothwendig ganz ausreichende Erlaubniß auch vom Ministerium in Petersburg haben, denn sonst haben Sie später unendliche Weitläufigkeiten mit den Beamten. — Sobald Sie jedoch nur die Erlaubniß vom Gouverneur haben, wird sie Ihnen vom Ministerium nicht verweigert werden. Ich habe Euer Wohlgeboren dieses Alles nach bestem Wissen mitgetheilt und werde stets bereit sein, Ihnen etwaige fernere Mittheilungen zu machen, und wenn ich erst selber wieder in Rußland bin, was im Herbst oder Frühjahr sein wird, bin ich auch gern bereit, durch meine landwirthschafüichen Kenntnisse unterstützt, thätig an dem Unternehmen Theil zu nehmen, falls dasselbe zu Stande kommt, denn ich bedaure die unglücklichen Juden von Herzen. Ich habe während meines Aufenthals in Rußland viel darüber nachgedacht, wie dem Elend der Juden abgeholfen werden könnte, und die Ursachen zu erforschen gesucht, wodurch es entstanden. Ich denke, es wird Ihnen lieb sein, meine Meinung zu hören. In den westlichen Gouvernements Rußlands ist eine verhältnißmäßig große Masse von Juden, welche fast ausschließlich in den Städten wohnen, z. B. Wilna, eine Stadt von ca 80,000 Einwohnern, hat über 40,000 Juden. — Da in dortigem Gouvernement Gewerbefreiheit ist, so widmen sich alle diese Juden dem Handel und den Handwerken; aber nicht wie bei «ns, wo der eine mit Schnittwaaren, der andere mit Stahlwaaren, der dritte mit Getreide handelt, und der vierte einen Ausschank hat; nein, jeder dieser Kaufleute hat Schnitt-, Stahl-, Materialwaaren, handelt mit Getreide, schenkt Bier und Branntwein. Für alle diese Gewerbe müssen sie für jedes besonders dem Staate bedeutende Abgaben zahlen. Da jeder mit Allem handelt, so hat natürlich keiner Etwas. Der Mangel an Betriebs-Capital macht, daß sie die Waaren nicht im Großen, also auch nicht billig einkaufen