Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1869)
- Date
- 1869-07-06
- Page
- Seite 534 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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534 die bestimmte äußere Erscheinung und Verkörperung einer Religion, ist die alleinige Bürgschaft und die lebenskräftigste Bedingung für den Bestand und die höchste Entfaltung des Judenthums; auf diesem Grunde kann und wird es seiner Entwickelung nachgehen, wird es seinem Ziele zustreben, jenem Ziele, welches ihm seine alten Propheten schon vor drittehalb Jahrtausenden gesteckt haben: wo „wie der Ewige einzig ist, Er auch als einzig erkannt und angebetet wird aus der ganzen Erde", wo alle Menschenstämme sich in Recht und Liebe einigen, und „Jeder sitzt unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbäume." Aber fürwahr! die Gewissensfreiheit und Gleichberechtigung können nicht durch das kalte Wort des Gesetzes gesichert und verwirklicht werden, sie sind es allein durch die gegenseitige Achtung der Confessionen, durch den Kampf um die Wahrheit nicht mit Spott und Hohn, nicht mit gegenseitiger Anschuldigung, Verdächtigung, Vorurtheilen und Gehässigkeiten, sondern allein mit den Waffen des Geistes und in streng sittlicher Weise. Und ist dies nicht wiederum das Prinzip des Judenthums? Ruft uns doch der Prophet zu:*) „Siehe, mein Knecht, Israel, den ich erkoren, das Recht soll er den Völkern bringen, nicht schreit er, geknicktes Rohr zerbricht er nicht, glimmenden Docht verlöscht er nicht, durch die Wahrheit soll das Recht er bringen; nicht müde wird er, nicht entkräftet, bis daß auf Erden er das Recht gegründet und seiner Lehre die Länder harren." Und hat Israel je die Waffen geführt, uni Anderen seinen Glauben aufzudrängen? Und haben wir je Belohnung ausgesetzt als Preis für den Abfall von einer andern Religion, oder zu diesem Zwecke allerlei Künste in Bewegung gesetzt? Oder haben die Juden es jemals geliebt, andere Religionen mit Wort und Schrift vorzugreifen und zu schmähen — haben sie sich nicht immer lediglich in der Vertheidigung gehalten? Dies waren, sind und werden sein die wahren Prinzipien des Judenthums; diese hat es, selbst unter den ungünstigsten und feindseligsten Bedingungen, selbst in der Zerstreuung und Unterdrückung, wenn auch verkümmert und in kleinern Massen, stets zu verwirklichen gesucht und bis in seinen Gemeindeinstituten festzuhalten gestrebt, das Prinzip der Einheit und Gleichheit und der Geltung des Individuums nach seinem innersten Werthe — für diese hat es gelitten, und selbst unbewußt hat es der Menschheit für diese Prinzipien zum Probirstein und Gradmesser gedient. M. H.! Sind also dip in dem Anträge ausgesprochenen Grundsätze und Anschauungen die des Judenthums , ebenso die des antiken wie des modernen Judenthums, gehören sie zu seinem eigentlichen, wahren und ewigen Lehr- und Gedankeninhalt — dann fürwahr! ist es auch dieser verehrlichen Versammlung, einer freien Versammlung jüdischer Männer, der Vertreter der Gemeinden, des Lehramts und der Wissenschaft, Recht und Pflicht, sie offen und bestimmt auszusprechen. Das ist ja die Mission des Judenthums: auszusagen, was es enthalte, nachdrücklich und immer zu sagen und zu bezeugen. Und dann: liegen jene Grundsätze und Anschauungen nicht noch im schweren Kamps mit ihren Gegensätzen? stehen ihnen nicht immer noch Mächte entgegen, tief gewurzelte Mächte, die nicht zu unterschätzen sind, Mächte, die keine Mittel scheuen, die alte Herrschaft wieder zu gewinnen, die heute, morgen, nächstens mit aller Kraft, mit allem Pompe wieder auftreten werden? Mächte, deren selbst nur zeitweiser Sieg zu allererst durch wuchtige Schläge auf uns gefeiert werden würde? Dürfen wir da zaudern, auch unsrerseits offen zu zeigen, was unser ist? Und vann: in unsrer Zeit muß alles was existiren will, das Recht seiner Existenz Nachweisen, und dies thut es, indem es sein Wesen, seine Prinzipien, seinen Inhalt und seine Ziele kundthut. Und endlich: wir versammelten uns hier religiöser, ja zum Theil kirchlicher, nämlich synagogaler Zwecke wegen; gegen nichts aber ist die Welt, die allgemeine wie auch speziell die jüdische, jetzt mißtrauischer, als gegen religiöse oder kirchliche Versammlungen, und darum ist es um so nothwendiger, sofort Farbe zu bekennen, sofort zu sagen: von diesen und keinen andern Grundsätzen gehen wir aus, dies habt Ihr Euch von uns zu gewärügen, dies soll der Maßstab sein, nach welchem ihr uns zu beurtheilen habet. M. H.! Ich kann nicht schließen, ohne noch Eines großen Wortes unseres Gesetzgebers zu gedenken. Als er sein Werk vollendet hatte, sprach er: i) „Das Gebot, das ich dir geboten, nicht wunderbar ist es für dich und nicht fern, nicht im Himmel, daß du sprächest: wer steiget für uns zum Himmel und holet es uns, nicht jenseits des Meeres, daß du sprächest: wer fährt für uns über das Meer, und holet es uns, daß wir es hören und es thun? sondern ganz nahe ist es dir, in deinem Herzen und in deinem Munde, es zu thun." In der Thal, dieser Antrag, m. H., er ist nichts, als was stets in Ihren Herzen *) Jesaias 42, 1 ff. *) 5 Mos. 30, n ff.