Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-07-06 · Heft 27 (6.7.1869) · p. Seite 530

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 27 (6.7.1869)
Date
1869-07-06
Page
Seite 530 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226718--27353-3262929
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

530 jene religiösen Formen, durch welche dies alles zum Ausdruck kommt. Aber der falsche Conservatismus denkt nur daran, das zu erhalten, aus welchem das Leben entflohen; er sucht den Leichnam einzubalsamiren, vamit er nicht verwese und nicht zu Grabe getragen werde. (Bravo.) Der wahre Conservatismus ist es, der uns hier zusammenruft, und dennoch haben wir mit Schwierigkeiten zu kämpfen, habe ich gesagt, und verzeihen Sie meine Herren, wenn ich von meinem Gefühl mich hinreißen lasse, über diesen Gegenstand noch einige Worte an Sie zu richten. Das Gesetz im Leben, auf welchem Gebiet es nur immer sein mag, ist für das Leben gegeben, und soll das Leben erhalten. Jedes Gesetz hat nun den Zweck, irgend einen Gegensatz zu vermitteln, weil, wo etwas bestehen soll, eine Vermittlung der Gegensätze vorhanden sein muß, weil wenn dies nicht der Fall ist, das Bestehende im Kampfe und im Streite sich aufreibt, und zuletzt erfolgt Zerstörung und Untergang. Wir sehen das in der Natur, in unserm eignen Herzen, im Staat und in der Religion. Im Staat erkennen wir die fortwährende Entwickelung der Gesetze, wie sie dem Staate notwendig sind und kein Mensch beanstandet, daß die Faktoren der Gesetzgebung fortwährend beschäftigt sind. In der Religion, bei der doch auch Veränderungen der Verhältnisse Vorgehen, da sollten die Gesetze starr und steif für alle Zeiten und unabänderlich bestehen? (Bravo.) Nein, auch in der Religion sind die Gesetze veränderlich, und sie waren es stets, das lehrt die Geschichte des Judenthums. Die Religion hat Gesetze göttlichen Ursprungs und sie hat Gesetze zwar menschlichen Ursprungs, die aber doch für göttlichen Ursprungs gehalten werden. Ist es nicht etwas ganz Natürliches, was Lob und Anerkennung verdient, wenn wir vor dem Göttlichen mit einer heiligen Scheu stehen, wenn wir mit entschiedenem Ernst erwägen, wenn wir prüfen: sollen wir Hand an den Sinn des Gesetzes legen? Anders freilich ist es mit dem Gesetz, das nur menschlichen Ursprungs ist. Nun haben wir Glaubens-Brüder und Schwestern, die mit inniger Liebe in der Meinung, auch diese letzteren Gesetze seien göttlichen Ursprungs, an den menschlichen Satzungen hängen. Sie meinen es gut, sie sind so unschuldig in ihrem Wahn. Alle diese verdienen Schonung und Nachsicht! Niemand wird dem Arzte zürnen, wenn er einen kranken Auswuchs ausschneidet; aber man würde den Arzt aufs Bitterste tadeln, der ohne Zartgefühl oder Theilnahme, mit rauher Hand den Schnitt vollzieht und Schmerzen verursacht. Darum sei es uns eine heilige Pflicht, schonend und rücksichtsvoll gegen diejenigen zu sein, die etwa nicht unserer Meinung, die etwa noch von Vorurtheilen in mancher Hinsicht beherrscht sind- Wenn ich aber hier die Schonung und Rücksicht als eine Forderung aufstelle, so haben wir andrerseits mit andern Schwierigkeiten zu kämpfen, bei welchen die Schonung nicht in Anwendung zu bringen sein wird. Meine Herren, es gibt Leute, die es sich sehr bequem gemacht haben; sie haben alle Gesetze von sich abgeschüttelt und das Leben mit der Lehre sehr leicht in Einklang gebracht, indem sie die Lehre aufgegcben und das Leben genießen. Nun, das mag Jeder mit seinem eigenen Gewissen ausmachen; wenn aber solche Leute in den Gemeinden auftreten, um gleichzeitig auch noch den alten Ruf zu genießen, daß auch sie zu den Frommen gehören, so können wir unsere Bestrebungen gemeinschaftlich nur dahin richten, solches Auftreten, das Zersplitterung und Zersetzung bewirkt, niederzuhalten. (Bravo). Welchen Eindruck muß es auf die unschuldige Jugend machen, wenn sie sieht, wie von denselben Leuten im Hause die Religion vernachlässigt, im Leben bespöttelt und verachtet wird, die sie beschützen müßten, da sie den Juden das Heiligste sein soll. (Bravo.) Sie fühlen sicher, wie sehr wir uns bestreben müssen, auch diesen Hindernissen entgegen zu treten, diese Schwierigkeiten zu überwinden dadurch, daß wir muthig unsere Meinung aussprechen, daß wir hier keine Schonung walten lassen, ja, mit dem richtigen Namen das bezeichnen, was einen solchen Namen verdient. Meine Herren, es gibt ferner noch ein Hinderniß, das uns eine viel größere Schwierigkeit verursacht und auf das wir jedenfalls achten müssen. Wer hätte nicht schon die Wahrnehmung gemacht, wie groß in unserer Zeit leider die Unkunde der göttlichen Quelle unserer heiligen Religion ist? Wir wissen, es gibt viele, die kaum die heilige Schrift in ihrer Ursprache zu lesen vermögen oder selbst in ihrer Landessprache zu lesen den Wunsch hegen. Diese Unkunde der Gesetzgebung bewirkt aber, daß, wer noch religiöses Gefühl in sich hat, irgend eine Person als Autorität anerkennt und sich gleichsam von dieser, wie das Kind am Gängelband leiten läßt. Nun fühlt er sich später erwachsen, das Kind will nicht mehr am Gängelband sich leiten lassen, es will frei sein und wie der Vogel, der den Käfig verlassen hat, nicht hoch genug flattern kann, aus Furcht, wieder in den Käfig zu kommen, so zerreißt er nicht das Gängel-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.