Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1869)
- Date
- 1869-07-06
- Page
- Seite 529 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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529 O, sei Du mit ihrem Herzen und mit ihrem Munde! Lehre Du sie, wie sie reden sollen, erfülle sie mit Einsicht für das, was sie aussprechen! Der Strahl Deines Lichtes leite ihre Schritte, daß sie von den Segnungen Deines Mundes geweiht mit ihrem Munde Segen bereiten! Die Blicke Israels hangen an dieser Versammlung; ihr Blick aber schaut harrend zu dir empor, daß sie nicht straucheln mit ihrer Zunge, nicht anstoßen mit ihrer Rede, daß sie selbst nicht getäuscht werden in ihrem Hoffen, und Die nicht getäuscht werden, die ihnen die heilige Sendung anvertraut, und kein Wort gesprochen werde, das nicht wäre nach Deinem Willen! Gieb o Herr, daß an dem Wort kein Mißverständniß hafte, und daß nicht Böswilligkeit es in Mißverständniß verwandle, sondern daß Begeisterung für das Heiligste die hier Versammelten durchglühe, und ein glühender Strom der Begeisterung aus dieser Versammlung auch nach Außen sich ergieße und Heil und Segen schaffe! Segen komme über das große deutsche Vaterland; Segen komme über unser Land und seinen Fürsten und die Landesbehörden; Segen über unsere Stadt, unsere Mitbürger und Behörden; Segen über unsere Gemeinde und ihre Vertreter; dein Segen Herr über Nah und Fern! Amen. Hierauf ergriff Herr Landrabbiner Dr. L. Adler aus Cassel als Präses der vorjährigen Rabbinerversammlung das Wort und sprach: Meine Herren! Als im vorigen Jahre die Rabbinerversammlung zu Kassel eine Versammlung zu veranstalten beschloß, bei der nicht blos die Rabbiner und Prediger sich betheiligen, sondern zu der auch jeder, der nicht Rabbiner ist, der aber theologische Bildung besitzt, zu der ferner auch Vertreter der Gemeinden Zutritt haben sollten: da wurde das damalige Präsidium, bestehend aus den Herren vr. Philippson, Dr. Aub und mir, beauftragt, eine Aufforderung zu erlassen, und alles vorzubereiten, damit die Versammlung zu Stande komme. Wir haben freudig diesen Auftrag übernommen und das Resultat unserer Thätigkeit ist die heutige Synodal-Versammlung. Meine Herren! Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie froh das Herz mir schlägt, denn ich bin überzeugt, Sie Alle, Alle theilen diese Freude mit mir. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie aus der tiefsten Seele der Dank zum Himmel empor steigt und das Gebet verrichtet: „schehigione la semau haseh“, tote der Israelit ju beten pflegt, wenn er so recht von Herzen sich wohl fühlt, zu einem Ergebniß gelangt zu sein. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, meine Herren, wie wir, die Mitglied?r des Präsidiums, aus voller Seele danken, daß diese Aufforderung soviel Anklang gefunden hat und namentlich in den Gemeinden, die durch Abgeordnete vertreten sind. Aber, meine Herren, so froh mir das Herz ist, so kann und will ich nicht verhehlen, daß eine schwere Sorge mich beunruhigt, die Sorge: wird unsere Versammlung auch ihre Zwecke erreichen, wird sie Bestand haben, wird sie Jahr auf Jahr, was doch nöthig ist, sich wiederholen. Denn, meine Herren, wir wollen es uns nicht verläugnen, wir haben mit vielen großen Schwierigkeiten zu kämpfen und wir dürfen dies auch nicht verhehlen. Wir, die Mitglieder der ersten Synodalversammlung, wir tragen eine große Verantwortlichkeit; denn ich bin überzeugt, und gewiß, Sie alle sind's auch, das einzige Mittel, das der Zerfahrenheit in den Gemeinden entgegen treten, das eine Vereinigung wieder herbei führen kann: das einzige Mittel ist die Synode, und sollte diese Synode, was Gott verhüten möge, ihren Zweck nicht erreichen, wer weiß, wie viel Jahre hingehen, bis wieder einmal eine zu Stande kommt, und müßten wir sagen: Wir haben es verschuldet! — o Gott, wie könnten wir das verantworten! Man hat der Rabbinerversammlung zu Kassel schon damals den Vorwurf gemacht, sie verfolge destructive Tendenzen, Tendenzen der Zerstörung des Judenthums. Es sind diese Vorwürfe damals vorgekommen, ich habe darauf nichts erwiedert, wie ich überhaupt auf persönliche Anklagen niemals etwas erwiedere; aber hier, meine Herren, halte ich es für meine Pflicht, die Versammlung gegen einen solchen Vorwurf in Schutz zu nehmen. Wer zerstören will, die Religiosität in den Gemeinden zerstören will, der kommt nicht zur Versammlung, der bleibt ruhig zu Hause und wirft sich behaglich in die Arme des Jndifferentismus. (Bravo.) O, der hat zerstört und wird noch mehr zerstören, wenn ihm nicht entgegengewirkt wird. Vereinen wir uns dem entgegen zu wirken und ich darf wohl mit Entschiedenheit sagen: Wir sind conservativ, denn wären wir nicht conservativ, kein Einziger von Ihnen würde sich hier eingefunden haben. Aber mir müssen wohl unterscheiden, es gibt einen wahren und es gibt einen falschen Conservatismus. Der wahre Conservatismus ist nemlich der, welcher das lebendige Judenthum, das Leben des Judenthums erhalten will, das Leben, ich meine, die geschichtlichen Erinnerungen der Vorzeit, die erhabenen Lehren, die göttlichen Grundsätze der Gesittung und der Tugend, und wohl auch