Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1869)
- Date
- 1869-07-06
- Page
- Seite 527 (sequence 3)
- Language
- German
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527 steht und seinen innigen Zusammenhang mit derselben weder im guten noch im bösen Sinne verläugnen kann. Bei ächten Kulturvölkern ist aber selbst eine Zeit, wie die eben gezeichnete, keine Zeit völliger Erschlaffung, sondern vielmehr eine Zeit der Einkehr, der Vertiefung und der Sammlung: und also war dies auch in den, von den Zuckungen der Zeit mächtig bewegten, israelitischen Kreisen. — Denn der Geist, berufen, sittliche Ideen zu verwirklichen, kann zeitweilig wohl zurückgedrängt; doch nicht verdrängt, gedrückt; doch nicht unterdrückt, gehemmt; doch nicht vernichtet werden! So mußte denn der sowohl im Jahre 1865, wie der im vorigen Jahre angeregte Gedanke: die seit dem Jahre 1846 unterbrochene Thätigkeit der R.-V. wieder aufzunehmen, als bloße Kundgebung einer wieder lebendig gewordenen Geistesströmung und eines von frischem Lebensmuthe beseelten Verlangens nach Bethätigung höherer, unabweisbarer, idealer Bedürfnisse, an sich schon freudig begrüßt werden. Daß der Gedanke, kaum angeregt, alsbald auch seine Verwirklichung gefunden, liefert den so unwiderleglichen und für unsere Bestrebungen so erfreulichen Beweis, daß die Aufgaben unserer Versammlung, zunächst zwar dem religiösen Boden angehörig, doch mit dem Kulturleben und den Kulturaufgaben der Gegenwart innig Zusammenhängen; daß sie nur von der Strömung der letzteren getragen, sich nach Außen zu bethätigen vermögen; in Zeiten aber, wo das Geistesleben im Allgemeinen niedergehalten und eingeengt wird, unsere Thätigkeit auf religiösem Gebiete von dem beengenden Druck gleichfalls niedergehalten, sich in die Stille zurückziehen muß, der Zeit harrend, wo sie von dem Flügelschlage des entfesselten Geistes berührt, auch ihre Schwingen wieder freudig und muthig entfalten darf. Von solchem Gesichtspunkte betrachtet, kann die Bedeutung der vorjährigen Rabbinerversammlung in Cassel nicht hoch genug angeschlagen werden. — Wie wir in ihr das Signal des nach Jahrzehnten der Reaction sich wieder frei fühlenden und seinen Aufgaben mit Freudigkeit sich wieder zuwendenden Geistes erblicken: also liefert der bereits in Frankfurt a. M., vornehmlich aber in Cassel einmüthig gefaßte Beschluß, die aus bloßen Fachmännern im Amte gebildete Rabbinerversammlung in eine von Männern des verschiedensten Berufes vertretene Synode zu erweitern, den gewiß erfreulichen Beweis, daß der lebendige Pulsschlag der Zeit jene Versammlungen belebte und ein fortgeschrittenes Bewußtsein die Schritte derselben leitete. Selbstvertretung undAbweisung jeder geistlichen oder sonstigen Bevormundung, diese kostbarste Errungenschaft und Parole unserer Zeit, sie war der leitende Gedanke, der die in unserer Mitte zum ersten Male tagende Synode ins Leben gerufen. Selbstvertretung und Abweisung jedes bevormundenden Gebahrens, dieser einzig adäquate Ausdruck ächten und wahrhaften Fortschrittes, in israelitischen Kreisen heißt solcher Fortschritt vielmehr Rückkehr zu sich selbst: in israelitischen Kreisen, wo jene, in eitlem Hochmuthe wurzelnde geistliche Bevormundung es nie wagen durste, Gebote oder Verbote, oder gar Glaubenslehren in eigener Machtvollkommenheit zu dekretiren. Die Gemeinde war es ja, die von jeher Trägerin des religiösen Gedankens in Israel war, und freiwillig trug sie das Joch des Gesetzes und — was noch schwerer war — das Joch der staatlichen Ausnahmegesetze um dieses Gesetzes willen. Die Gemeinde war und ist es, aus deren Händen die Lehrer in Israel ihr Mandat erhalten, und dieses Mandat dauert, so lange das Vertrauen der Gemeinde zu den von ihr selbst gewählten Lehrern dauert. Und weil das den Lehrern in Israel geschenkte Vertrauen nicht von ihrem geistlichen Amte, als solchem, sondern vorzugsweise von der geistigen Befähigung und sittlichen Hingabe derselben bedingt war; darum erfreuten sich die solchen Bedingungen entsprechenden Lehrer in Israel allezeit jener Achtung und Liebe ihrer Gemeinden, welche als freiwilliges Geschenk Geber und Empfänger in gleicher Weise ehrt und in den Gemeinden jene Willfährigkeit erzeugt, welche äußeren Zwang wohl eine Zeit lang zum Scheine erzielen, niemals aber in Wirklichkeit und für die Dauer erreichen kann. Diesem, auf gegenseitiges Vertrauen sich gründenden Verhältnisse zwischen Gemeinde und Lehrern einen Ausdruck zu geben und es wo möglich zu erfrischen und zu beleben: dies allein schon darf als eine der schönsten Aufgaben unserer Synode angesehen werden. Und darum betrachte ich es als ein ebenso schönes als mich wahrhaft beglückendes Loos, Sie, hochgeehrte Männer der ersten israelitischen Synode! im Namen meiner lieben Gemeinde, im Namen des geehrten Vorstandes derselben, wie in meinem eigenen Namen hiermit willkommen heißen und herzinnig begrüßen zu können. Seit Monaten sieht unsere Gemeinde in freudiger