Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1869)
- Date
- 1869-06-29
- Page
- Seite 523 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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523 kirten und scharfumrissenen Gesichte etwas Weiches, Angenehmes, und zugleich Ausdruckvolles-„O, Jakob, du solltest in Italien gewesen sein und jene herrlichen Ueberreste der alten römischen und griechischen Kunst gesehen haben wie ich — diese Gestalten in Marmor, diese Gewänder mit ihrem leichten Faltenwurf, diese Köpfe mit ihrem edlen Haarschmuck — sieh', das ist Natur, das ist Gesetz, wie es aus der göttlichen Natur herausquillt, wie es unentstellt, unverkümmert aus der Hand des göttlichen Schöpfers geflossen, das ewige, wahre Gesetz, das Alles nur so giebt und wiedergiebt, nur so formt und wiederformt, wie es Gott geschaffen und Gott in uns gelegt hat ... Und so ist es auch in der Musik. Was sie da von ihren Gesetzen der Harmonie, von ihren kontrapunktifchen Künsten, von ihren abgezirkelten Formen und Satzfolgen faseln, und ihre Musik darnach im Schweiße ihres Angesichtes zusammenschmieden, es ist Alles Unnatur, Geschmacklosigkeit, Alfansereien, die eine Phantasie, welche Du aus Deinem Genius herausspielst, Lügen straft und über den Haufen wirft . . ." Dies verfing; dieser Appell an den natürlichen Genius des jungen Mannes war ein Funke, der schnell in ihm zündete und eine ganze Explosion von Gedanken und Gefühlen hervorbrachte. Das wäre doch, blitzte es durch seine Seele, wenn du mühselig gesucht und Hunger und Frost gelitten, und beinah zu Grunde gegangen, und du hättest es Alles bei und in dir gehabt, und brauchtest nur die Hand darnach auszustrecken .. . Es ging ihm warm durch's Herz und eine Röche stieg ihm ins blasse Angesicht und seine Hände schlossen sich krampfhaft. Er lauschte auf jedes Wort, das noch kommen sollte. „Wir müssen endlich aus diesen Kinderschuhen heraus, fuhr Gerschom fort. Was ist unsre jetzige Musik? Nichts als ein Klingklang, ein Sinnenreiz, das Ohr wird durch Töne gereizt und durch den Ein- und Zusammenklang befriedigt. Will man etwas dabei fühlen oder sich etwas dabei denken, so geräth man ins Leere, im nächsten Augenblick wird man inne, daß man sich selbst getäuscht, das Gefühl ist gar nicht darin, der Gedanke gar nicht vorhanden, der Strom der Töne rauscht weiter und die folgenden Takte enthalten ganz etwas Anderes als die vorhergehenden. Und dies am meisten, wo noch etwas Leben und Bewegung übrig geblieben. Selbst da, wo Andacht und Erhebung stattfinden sollen, erdrückt die Künstelei jeden Aufschwung der Empfindung, das kriecht wie eine Schlange in regelrechten Ringeln; zuletzt beißt der Rachen in den Schwanz und ruft aus: Sieh' was für ein prächtiger Kreis ich bin! Und da soll man sich noch zu den Himmeln erheben, und Gott schauen und seine Engelschaaren und die Musik seiner Sphären vernehmen. Wahrlich die einzige vernünftige Musik ist noch die Tanzmusik: Die Menschen wollen sich drehen und die Musik macht den Takt dazu . .." Gerschom schöpfte Athem; er seufzte tief auf, aber sein unruhiger Geist ließ ihn nicht lange schweigen, er fuhr auf und seine Worte mit lebhaften Bewegungen begleitend, rief er aus: „Rein! die Musik soll in uns die schlummernden Gefühle unsres Herzens wecken, sie aufwühlen, in die Höhe und in die Weite stürmen, sie bis zur letzten Faser zum Ausdruck und zu ihrer ganzen Gewalt bringen und dadurch befriedigen und ausleben — die Musik soll malen, schildern, zeichnen und darstellen, daß wir all' die Erscheinungen der Natur und des Lebens nach ihrem ganzen Gesühlsinhalt an uns vorübergehen lassen, wir sie durchempsinden und uns aneignen. Wie Liebe und Haß, Rache und Versöhnung, Trauer und Jubel, Neid, Mißgunst, List, Tücke, Eifersucht, Unwille, Zorn, Hohn, Spott, aller Grimm der Seele durch unsre Herzen stürmen, das soll die Musik uns geben; was wir empfinden, wenn dieSonne auf- und niedergeht, wenn der Samum durch die Wüste rast, wenn die Wogen des Meeres über die Ufer schlagen und das Land in die Tiefe senken, wenn der Blitz durch die Lüfte zuckt, und die Hütte und den Pallast entzündet, wenn eine Welt aufgebaut und eine Welt zertrümmert wird, Leben und Tod werden, kämpfen, und vergehen, Mensch, Engel, Gott—alles Dies soll die Musik in uns schaffen, uns vorstellen, uns durchleben lassen. Was ist hierzu der streng gemessene Takt, die einfache Melodie, der abgezirkelte Satz, das Red, wo Wort und Ton sich nicht entsprechen und verschiedene Wege laufen? Ein kleiner Garten mit sorgfältig begrenzten Pfaden und Rabatten und mit verschnittenen Bäumchen da, wo ich die ganze Herrlichkeit und Pracht der wilden Natur, wo ich Urwald, Wasserstürze und Gletscherhöhen verlange ... Ganz andere Mittel sind erforderlich, die Schöpferhand Gottes muß ich haben, das Meer von Licht und Farben, aus denen er geschöpft, die Welt von Gestalten, von denen er entnommen - sonst ist es Kinderei und der Mühe nicht werth . . < Fortsetzung folgt.) Der dramatisirte Mendelssohn. Reserirt von L. W eyl in Frankfurt a. d. Oder. Wenn Lessing und Rousseau, Goethe und Shakespeare, Friedrich der Große und Napoleon, Beethoven und Mozart, — wie noch viele andere Herren der Größe und des Ruhmes, sich's müssen gefallen lassen, auf „den Brettern, welche die Welt bedeuten," dem Volke zu dessen Unterhaltung vorgeführt zu werden, — warum und mit welchem besoudern Vorrechte sollte gerade Moses Mendelssohn diesem Schicksale entgehen? — So werden zwar Viele sich äußern oder wenigstens bei sich denken, — während viele Andere dagegen vielleicht die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen und Zeter schreien werden darob, daß man es gewagt, die ehrfnrchtgebietende Gestalt des frommen Philosophen von Dessau auf die Bühne zu zerren und sie alldaselbst zum Schaubild vor der, nichts als Zeitvertreib und Zerstreuung suchenden, Menge auszustellen. — Noch Andere aber dürften sicherlich sagen: Wenn wir es auch schon hinnehmen, daß unser Moses zu einer drama-