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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-06-29 · Heft 26 (29.6.1869) · p. Seite 522

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 26 (29.6.1869)
Date
1869-06-29
Page
Seite 522 (sequence 18)
Language
German
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522 Mensch! Das ist es, so muß es gehen! Ich habe mich nicht geirrt, aus Dir kann etwas werden!" Unsrem Jakob sanken Geige und Bogen nieder. Hatte er diese Worte nicht schon einmal gehört? Und wo waren sie von ihm gesprochen worden? und zu wem? Er wußte es wohl. In jener Ballnacht von Herrn Lilienthal zu Lina Fürth. Und was war aus ihm geworden? Es kam ihm vor, als ob diese Worte diesmal keine bessere Bedeutung für ihn haben würden. In der That strahlten die Augen des verkrüppelten Mannes von einem unheimlichen aber mächtigen Feuer; er war aufgesprungen, seine Gestalt hatte sich hoch aufgerichtet, und mit einer gewissen Grandezza legte er seinen steifen Arm auf die Schulter Jakobs, indem er obige Worte sprach: „Jetzt leg' die Geige nieder, ich will mit Dir reden." Abermals führte er ihn in seinen Musikzahl, rückte ihm feinem Lehnstuhl gegenüber einen Sessel hin, sie ließen sich nieder und er begann: „Siehst Du, Jakob, Du bist ein Naturmensch; Du hast nichts gelernt, denn es war Keiner da, der Dir lehren konnte. Und Du hast schon viel; einen feinen klang- und ausdrucksvollen Strich, eine große Gewandheit, Du bist heimisch auf der Geige. Die Geige ist deine Muttersprache. Dabei verräthst du eine feurige und fruchtbare Phantasie. Aber du weißt noch nichts, und das ist mir lieb, denn, siehst du, was du selbst weißt, wirst du vergessen müssen. . Jakob machte große Augen. Daß er nichts wisse, war ihm wohl bewußt, und das hatte ihn ja aus der Heimath getrieben; daß er aber auch das Wenige vergessen müsse, was er von Anderen gehört und sich selbst aus der Praxis abstrahirt hatte, das war ihm neu. Er war aber zu sehr gewöhnt, sich selbst gering und Andere hoch zu achten, als daß ihm ein Zweifel eingekommen. Gespannt harrte er deshalb des Weiteren. „Du hältst ziemlich auf Takt, das hat dir dein Tanzspielen eingepflanzt, für den Schüler gut, für den Meister darf er gar nicht existiren. Du legst Deinen Stücken immer eine Melodie unter, fängst mit dieser an, hältst sie fest, kommst immer wieder auf sie zurück und siehst dich triumphirend um, wenn du wieder mit ihr schließst. Nichts da, Kinderspiel und Narrenspossen, aber keine Musik. Ja auch die Musik hat ihre Gesetze, ihre hohen erhabenen Gesetze, und wer diese erlauscht und erfaßt, das ist der Meister, wie er auf Erden noch nicht gewandelt. Was aber die Leute so gewöhnlich die Gesetze der Musik nennen, o, ich habe mich mit ihnen weidlich herumgequält und mir zwanzig Jahre meines Lebens damit verdorben — das ist nichts als Gängelband für Kinder, die noch nicht gehen können; an diesem Gängelbande gingen sie alle, die großen Italiener und unser Johann Sebastian Bach nicht minder . . . Jakob, du bist eine große Natur, du bist vielleicht der Auserkorene, der die Binde Herunterreißen, die Fessel sprengen soll, der die ins Äoch gespannte Göttin der Musik erlösen soll, daß die Befreite vor den Augen der erstaunten Menschheit ihren Flug zum Himmel nehme.. Ha, wie es flammte auf dem Gesichte des Sprechers, wie sein steifer Arm seine Worte durch Heben und Senken, durch Strecken und Biegen unterstützte und wie der Nachdruck, mit welchem er jedes Wort hervorstieß, bis in dem Zipfel seiner aufrecht stehenden Mütze zitterte! In unsrem Jakob sah es anders aus. Es schauerte ihn bei den Worten seines Wirthes; es rieselte ihm kalt über den Rücken, als dieser von ihm als von einem Auserkorenen des Herrn sprach: die Begeisterung wollte nicht fangen, dazu war er zu demüthig gewöhnt, es kam ihm fast vor, als ob von einem Dritten die Rede wäre. Er stammelte nur mühsam: „Ich, ich, Herr? ..." Gerschom achtete nicht darauf, sondern, wieder ruhiger geworden, begann er mit sanfterem Tone: „Nun, mein Sohn, ich will es dir näher erklären. Sieh einmal auf die Straße, oder blick' in die Zimmer eines wohlhabenden Bürgers hinein: was gewahrst du? Von den Frauenzimmern will ich gar nicht reden; du siehst den Mann mit dem gepuderten Haare und den frisirten Seitenlocken, hinten mit einem mächtigen Zopfe, der mit seidenen Bändern und Schleifen endet, over mit einer großen Perrücke bedeckt, aus der die Stirn schmal, die Augen wie Punkte und das Gesicht sehr dumm herausgucken , und da behängt sich der Mensch mit einem langschößigen Bratenrock mit einer Weste, die über den Bauch geht, aus jeder der beiden Taschen baumelt ihm eine schwere goldene Kette heraus, und dann das Höschen, das über den Knien zusammengenestelt ist, die seidenen Strümpfe welche die dünne Wade und das knochige Schienbein so recht sehen lassen und die plumpen Füße in Schuhe gesteckt, auf denen silberne Schnallen blitzen; nun setz' ihm ein dreieckiges Hütchen auf die Perrücke und gieb ihm ein dickes spanisches Rohr mit goldenem Knopf in der Hand — nein, nein! Du bist noch nicht fertig, aus den breiten Aermeln müssen die zartgestickten weißen Manschetten um die Hand sich kräuseln, aus der Weste ein Berg gefältelter Leinwand bauschen, an den Fingern Goldringe mit blitzenden Steinen funkeln, dann steckt er dieselbe Hand in einen ledernen Beutel — nun, fertig ist er auch da noch nicht, aber was geht es uns an . .. siehst du, das nennen sie Gesetz, Sitte, Anstand, Geschmack — und ist doch weiter nichts als Puppenspiel, geschmackloser Unsinn, Kindermummerei! Und wer in einem Stücke dawider handelt, der wird ausgelacht, und wenn er dabei bleibt, ausgestoßen und gebrandmarkt. Und doch ist Alles Unnatur, wider die Gesetze des natürlichen Geschmacks und Anstandes, und es wird eine Zeit kommen, wo man dies Alles mehr als Afsenthum, denn als eines vernünftigen Menschen Sache betrachtet. Schau, wie anders das aussieht . . ." Und Gerschom nahm schnell seine Zipfelmütze vom Haupte und sein aufgebauschtes graublondes Haar fiel in Wellen an den beiden Schläfen fast auf die Schulter herab, und gab wirklich seinem mar-

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