Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1869)
- Date
- 1869-06-29
- Page
- Seite 524 (sequence 20)
- Language
- German
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524 tischen Figur umgeschaffen würde, so mag's uns doch nicht goutiren, den großen Genius zu nichts Höheren dienen zu sehen, als „um einen streng orthodoxen Juden mit seiner, ihrem Glauben abtrünnig gewordenen Tochter auszusöhnen und wieder zu vereinigen." — Das Verdienst der Schöpfung dieses Werkes gebührt dem dramatischen Dichter Hugo Mülller, von welchem das in Rede stehende Stück, — ein Characterbild in einem einzigen Acte — mit dem etwas eigenthümlichen Titel „Onkel Moses" benamset worden. — Was will der Dichter? Einerseits die Zeit Mendelssohns characterisiren, wie andererseits den hervorragenden Weltweisen selber glorisiciren. Der Zweck ist schön und verdient gewiß Anerkennung. Nun sehen wir uns aber einmal das Mittel an, das hierzu verwendet worden. — Samuel Goldheim, ein orthodoxer Jude im strengsten Sinne des Wortes, wird von dem Unglück betroffen, daß seine Tochter Esther die Liebe eines „Christen" erwidert und mit demselben nach Amerika auswandert, nachdem sie mit seiner Hand auch seinen Glauben angenommen. Der Vater der Abtrünnigen möchte vor Kummer und Gram schier verzweifeln und sucht, nicht lange darauf auch noch Wittwer geworden, sich einzig und allein dadurch zu zerstreuen, daß er mit seinen Fonds in Börsen-Speculationen operirt. Dies thut er aber so leidenschaftlich und mit so gewagten Sprüngen, daß er nach und nach sein ganzes Vermögen verliert, und ihm zuletzt weiter Nichts bleibt als die Aussicht in den Schuldthurm zu wandern. In seiner Noth wendet er sich an den ,,Onkel Moses," welcher indessen weder Geld schaffen kann, noch auch auf irgend eine andere Weise die immer stärker drohende Wolke der Schuldhaft vom Haupte des Bedrängten zu verscheuchen vermag. Denn die Gläubiger sind hart, und am härtesten ist El kan, der Wucherer, welcher — obschon in religiöser Beziehung höchst orthodox—sich doch gar kein Gewissen daraus macht, sein Opfer auf das unbarmherzigste zu verfolgen und es dann auch wirklich einsperren zu lassen. — Während aber dies Alles in Europa vorgeht, hat drüben in der neuen Welt der christliche Schwiegersohn Goldheim's glücklicher speculirt, — ja, so glücklich, daß er binnen Kurzem ein reicher Mann geworden. Als solcher ist er nunmehr mit seinem Weibe wieder in die Heimath zurückgekehrt, und das Ehepaar hat neben seinem großen Vermögen auch noch ein fünfjähriges Söhnlein aus dem fernen Erdtheile mitgebracht. — Auch Die junge Frau nimmt ihre Zuflucht zu dem „Onkel Moses", von ihm erbittend, das Herz des strengen und noch immer zürnenden Vaters zu erweichen und es ihr, wie den Ihrigen zuzuwenden. Doch dies zu bewirken, mag dem „guten Onkel" ebensowenig gelingen, als alles Das, was er bereits versucht har und noch versucht, um den alten Goldheim aus der furchtbar drückenden Lage, in welcher derselbe sich befindet, zu befreien. Da kommt denn der christliche Eidam und bietet dem jüdischen Schwäher 40,000 Thaler an, um mit denselben wenigstens den drängendsten Gläubiger zu befriedigen. Aber auch dies Mittel will nicht verfangen. Der alte Goldheim weist das Geld zurück; er mag um solchen Preis das nicht opfern, wessen sein unversöhnlich Gemüth voll ist gegen seine Tochter, die ihre Eltern und ihren Glauben verrathen. Erwünschter ist's ihm, der Freiheit und der Ehre beraubt zu sein, als der Abtrünnigen die Hand zum Frieden zu reichen. — In diese verzweifelte Situation läßt nun der Dichter, wie einen Oeus ex machina, den „Onkel Moses" eintreten. Er kommt, Goldheim's reuige Tochter an der einen und sein zartes Enkelchen an der andern Hand führend. Er kommt und redet zu dem unglücklichen Manne mit herrlichen Worten, die demselben in Herz und Seele dringen, die ihn rühren und überzeugen, die das Eis um seine Brust schmelzen machen, so wie sie dem verblendeten Auge seines Geistes gründlich den Staar stechen. Moses redet, und sein Wort wirkt. — Die Tochter weint, das Knäblein lächelt, und das eine, wie das andere, erhöht die Wirkung, — ja, trägt wesentlich dazu bei, das Resultat vollständig zu machen. Dieses aber ist natürlich kein anderes, als daß Goldheim seiner Tochter verzeiht, das angebotene Geld annimmt und sich dafür die Freiheit verschafft. — So weit die Fabel. Sie ist ebenso schön erfunden als geschickt verarbeitet, würde aber in ihrer dramatischen Ausführung sicherlich von weit größerm Effecte gewesen sein, wenn der Dichter das, was er unserm Mendelssohn idem „Onkel Moses" nämlich) zugedacht, diesem wenigstens ungeschmälert und unverkürzt gelassen hätte. Statt dessen jedoch sehen wir ein kleines Kind und einen gefüllten Geldsack mit dem größten Juden des vorigen Jahrhunderts in das Verdienst sich theilen, „einen gerecht zürnenden Vater mit seiner schuldbelasteten und nun reuig gewordenen Tochter auszusöhnen." Selbst dieser geringe Ruhm ist Dir, großer Genius, nicht einmal allein gegönnt worden! — Doch muß zum Schluffe noch bemerkt werden, daß die iBerliner) Bühnenkritik — die strengste sogar — es an dem Dichter lobt, die mendelssohn'sche Epoche, so wie die Kriterien des Streits der damaligen Parteien im Judenthume, gut aufgefaßt, die von Mendelssohn vertretenen und verfochtenen Principien der Aufklärung und des Fortschritts nach Gebühr gewürdigt und eben dadurch in dem „Onkel Moses" ein sehr entsprechendes Bild des großen Philosophen geschaffen zu haben. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur H. Lytze.