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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-06-29 · Heft 26 (29.6.1869) · p. Seite 521

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 26 (29.6.1869)
Date
1869-06-29
Page
Seite 521 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zkituug des Zndknthums. FemlletM-EeilLge jn Ar. 26. Leipzig, den 29. Juni 1869. Ein Musikant. Erzählung aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. (Fortsetzung.) Als sie im Wohnzimmer angelangt waren, wies Gerschom unseren Jacob auf die kleine Violine hin, und sagte: „Nu, spiele!" Unsrem Helden war es sonderbar zu Muthe. Sehr bang war ihm, denn er wußte, daß seine nächste Zukunft von seinem Spiel abhängen würde, und doch hatte er eigentlich keine Ahnung von dem, was der Einarmige wolle und wünsche. Um so mehr kam ihm das Gefühl seiner Hülflosigkeit, der ganze Jammer seiner Lage zum Bewußtsein. Um Schonung und Mitleid flehend, hob sich sein Blick zu dem Anderen auf, aber er sah hier nur in graue stechenoe Augen und in ein kaltes Gesicht, das ihm zuzurufen schien: Jetzt gilt's, thu wie ich verlange oder geh deines Weges, Lumpenkerl! In vieser Unruhe, in dieser Bangigkeit und Betrübniß ergriff er den Bogen, strich über die Saiten, und begann eine getragene, tanzähnliche Melodie, die mit einem melancholischen Affekt sich langsam fortbewegte, und an welche er eine freie Ausführung schloß, die aber einen gewissen schleppenden Gang nicht los ward. Ach, bald kam es ihm wie das Weh seiner Kindheit, da seine Mutter am Bettchen seiner kranken Schwester kniete, und verzweiflungsvoll auf ihren heißen Athem und ihre jagenden Pulse lauschte, und der Arzt des Städtchen hatte verweigert zu kommen, da der Nordsturm draußen brauste, und die Armen ihm doch keinen Ersatz für seine Mühe zu geben vermochten und für die Gefahr, die er lief, sein Zipperlein von Neuem erwachen zu sehen. Und dann verhöhnte ihn der Schulmeister, daß er, der große Range, hinter all' den Kleinen zurückblieb, und noch keinen Vers im Chummosch (Pentateuch) zu vertauschen verstehe, und es rannen dem armen Jungen die Thränen die Wangen herab, denn er konnte ja die Schule nicht besuchen, weil er Vetter Salme zum Spielen helfen mußte, oder die Hausarbeiten zu besorgen hatte... und mitten im Spiele folgte ein solches Bild dem anderen und so wurde das Ganze eine Lamentation ohne Schwung und Adel, ihn, den Spielenden, aber ergriff es um so mehr, daß er beinah wieder geweint hätte. Endlich blickte er auf, und da sah er zu seinem Schrecken, daß die Zipfelmütze seines Zuhörers von rechts nach links schaukelte und seine Stirn sich gerumpelt hatte, und die Muskeln um seinen Mund voll Spott und Verachtung spielten. Aengstlich hielt er mitten in einer Dissonanz still und der Arm mit dem Bogen sank ihm an der Seite nieder. „Daß ist ein Gewäsch und ein Gewimmer! rief der Andere aus und schüttelte sich wie vor Ueberdruß. Bist Du ein Weib oder ein Kind? Kannst Du nichts Anderes, so jammerst Du mich und ich habe mich betrogen. Heraus mit dem Manne, da muß Bewegung und Leidenschaft sein, das muß wild und immer wilder hergehen! Spiele was Anderes, oder ich mag nichts mehr von dir hören . . Er schob sich mit seinem linken Arme die Mütze zurecht, faßte dann mit ihm das Ende des leeren Aermels und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Jacob fühlte sich gekränkt; er ärgerte sich über sich selbst, daß er sich diesem Manne gegenüber eine solche Blöße gegeben, er wurde aufgeregt und in diesem Aufruhr seiner Gefühle begann er von Neuem rasch und energisch. Vor Kurzem hatte er einem wandernden Slowaken eine ungarische Volksmelodie abgelernt, aus dem Munde der Reiter, die in stürmischer Nacht über die weiten Pußten galloppiren, um einen Einfall in das benachbarte Gebiet zu machen. Die Hufen schlugen, die Funken sprühten, die Rosse wieherten, der Nachtwind schnob, die Säbel klapperten, die Räuber sangen, und das Alles im wilden Tempo des Gallopps. Diese ungeheuerliche Melodie des Feuers und wilder Lust spielte er, und dann ergoß sich ungezügelt seine stürmische Phantasie in immer gewaltigeren Sätzen, in immer weiteren Kreisen. Die Violine ächzte, die Saiten schwirrten, unbarmherzig strich und drückte der Bogen sie nieder, die Finger flogen, der Arm vibrirte, Alles lebte und rang an dem jungen Mann, seine Augen stierten, der Schweiß rann von seiner Stirn, seine Lippen erbleichten und zitterten. Er wußte nicht mehr wo er war, und wie ihm geschah — aber mitten in diesen Taumel scholl ein Jubelruf des wilden Gerschom hinein: „Bravo, Bravo!

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