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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-06-29 · Heft 26 (29.6.1869) · p. Seite 514

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 26 (29.6.1869)
Date
1869-06-29
Page
Seite 514 (sequence 10)
Language
German
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514 keine Meinung ausgesprochen und keinen formulirten Vorschlag bis nun eingebracht habe. Die Discussion, ob eine neue Gesetzvorlage über die Rechte der Israeliten dem Hause zur Berathung eingebracht werden oder ob die berüchtigte Vorlage der Einunddreißig zur Basis der Berathungen dienen soll, wird für eine andere Sitzung vertagt. Aus den kurzen Reden der Minister, die nur die Nothwendigkeit betonen, daß ein Gesetz votirt werden müsse, welches in Zukunft maßgebend sei, ist der Standpunkt, den die Regierung in dieser Frage einnehmen wird, durchaus nicht zu erkennen. Die Taktik des Herrn Cogalnitscheano, der einerseits dem Auslande gegenüber sich den Anschein gibt, humane Bestrebungen zu verfolgen, andererseits bei der ungebildeten Masse seine Popularität nicht aufs Spiel setzen will und daher nur mit der vorsichtigsten Reserve spricht, besteht eben darin, zuvor die Discussion in Flut kommen zu lassen, die Ansichten und Urtheile der Majorität anzuhören und danach seine eigene, für die Oeffentlichkeit bestimmte Meinung zu formuliren. (Es versteht sich, daß weder ein rumänisches Ministerium, noch eine rumänische Kammer Vertrauen einflößt. Jndeß ist das schlechteste Gesetz besser als — kein Gesetz, jund die Oeffentlichkeit von Kammerverhandlungen macht doch auch etwas aus. Red. d. A. Z. d. I.) Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, 31. Mai. lPrivatmitth.) Wenn es jetzt, worüber in d. Bl. wiederholt berichtet worden, in den liberalen Blättern Norddeutschlands Sitte geworden, die Leistungen von Juden auf allen Gebieten des geistigen Lebens herunterzusetzen, oder doch nur für geringfügig zu erklären — die Berliner Nationalzeitung an der Spitze — so hat sich glücklicher Weise die Wiener Zeitungspresse noch nicht zu dieser Höhe hinaufgeschwungen, um auf dem Nordpol der Civilisaüon dem „christlich-germanischen" Prinzipe die „national-liberale" Hand zu reichen. Es herrscht eben in Berlin jetzt die Zeit der Compromisse, d. h. des Auf- und Hingebens jedes Princips, der Politik des Augenblickchens, der Ueberzeugung des kleinsten Zeitmomentes; und da ist es natürlich, daß man die liebe, alte Antipathie auch wieder herauskommen läßt, um auch hierin den Reaktionären und Feudalen die Hand zu drücken und ihnen zu zeigen, wie gern man ihnen in Allem entgegenkommt. Nebenbei hat man ja Gelegenheit, irgend einem lästigen Concurrenten aus ver Judensippe einen Stoß zu versetzen, ohne daß er sich beklagen dürfte, es habe ihm gegolten. Jedenfalls muß man bei dieser Erscheinung nachgerade alle Classification aufgeben. Es sind nicht mehr die Feudalen und die Rothen, welche den Juden feindlich gesinnt sich beweisen, sondern auch.die Liberalen aller Schattirung, die Nationalliberalen und die Fortschrittlichen. Wie gesagt, in Wien sind wir noch nicht so weit angelangt, und hoffen in der Consequenz bereits so viel Schule gemacht zu haben, daß wir die Klippe des Berliner, sowie des größten Theils des Norddeutschen Liberalismus weit hinter uns haben. Einen Beweis brachte uns auch die heutige Nummer der „Neuen freien Presse," welche eine würdigende Besprechung der Schrift des vr. Jellinek „der jüdische Stamm" enthält. Wir heben folgende Stelle hervor: „Das Judenthum, der providentielle Vermittler zwischen dem Orient und dem Occident, hat die großen Ideen, auf denen es basirt, durch ein eigenthümliches Verhängniß seiner Geschichte eigentlich noch nie zu realisiren vermocht. Durch Jahrtausende gegen das Heidenthum ankämpfend, mußte es später um seine Selbstständigkeit ringen, und als diese vernichtet war, einen zweiten noch viel härteren Kampf gegen das rasch entwickelte Christenthum bestehen. Nicht weniger gefährlich und traurig als die äußere Seite dieses Streites, die Verfolgungen und Mißhandlungen der Juden, war die daraus entspringende, theilweise rückläufige religiöse Bewegung. Unter dem entsetzlichen äußeren Drucke mußte das Judenthum um so größeres Gewicht aus den ceremoniellen Theil seiner Religion legen, der zu der talmudisch-rabbinischen Epoche führte und den Universalismus, der einst die Propheten erfüllte, vernichtete. Endlich trat noch, begünstigt durch Zeitverhältniffe, jener mystische Supernaturalismus hinzu, der in der Kabbala, diesem bewunderungswürdigsten Denkmale der speculativen Kühnheit des jüdischen Geistes, einen bleibenden Ausdruck gefunden. Erst die Neuzeit hat mit der Emancipation den großen Prozeß religiöser Reformation gezeitigt, der geräuschlos und unaufhaltsam, befruchtend und belebend immer

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