Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1869)
- Date
- 1869-06-29
- Page
- Seite 510 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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516 christlichen Religion zu, deren er fünf aufzählt, von denen freilich die beiden ersten „Schöpfung" und „Vorsehung" rein jüdisch sind, die andern drei „Erbsünde," die „Menschwerdung" und „Erlösung" (rsäomption) wirklich christlich. Guizot hat nun in der Revue desdeux mondes vom 15. Mai in Paul Janet einen ebenso scharfsichtigen wie civilen Kritiker gefunden. Dieser zeigt, wie leicht es sich Herr Guizot nach allen Seiten hin gemacht hat, wie er einerseits die Philosophie — von der deutschen mit Ausnahme von Leibnitz haben beide keine Kenntniß — sich zurecht macht, um sie des Mangels an einem Ziele zeihen zu können, wie andrerseits die Grundanschauungen Guizot's gar keine andern als die der französischen Schule der Positivisten seien, so daß er am Ende nur andere Worte für dieselbe Erklärung giebt, von der er eben bewiesen, daß sie nichts erkläre, und wie endlich G. ganz willkührlich eine Auswahl aus den christlichen Dogmen trifft, und z. B. schon die Trinität ganz bei Seite läßt. Hiermit fällt freilich das ganze System des Herrn Guizot, wie ein Kartenhaus zusammen. Zuletzt versucht Janet die christlichen Dogmen ihres eigentlichen Sinnes und ihrer ganzen historischen Gestaltung zu entkleiden, und vielmehr symbolisch und allegorisch auszudeuten, wobei nichts als banale Begriffe übrig bleiben. Zuletzt nimmt er seine Zuflucht dahin, daß das Christenthum ursprünglich gar nicht dogmatischer, sondern nur praktischer Natur gewesen und nichts gelehrt habe als: „Liebe Gott über Alles, und Deinen Nächsten wie Dich selbst." Dann bleibt das Christenthum freilich nichts anderes als ein Stück Judenthum.—Der zweite Theil der „Weltbewegenden Fragen,"*) findet eine eben so günstige Aufnahme bei der Kritik, wie der erste. Die „Neue freie Presse vom 18. Juni schreibt: „Den ersten Theil dieses Werkes, die Stellung des Judenthums zu den politischen Fragen der Gegenwart enthaltend, haben wir im Vorjahre besprochen und dabei auf die geistvolle und anregende Behandlung des Stoffes durch den Verfasser hingewiesen. Der vorliegende zweite Band, in dem der gelehrte Autor religiöse Themata bespricht, bietet demselben Gelegenheit, sein reiches Wissen und eine wirklich umfassende theologische Gelehrsamkeit zu entfalten. Das Buch zerfällt in allgemeine Betrachtungen über das religiöse Bedürfuiß der Gegenwart und solche über ver¬ *) Leipzig, Baumgartner, 1869. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. (der erste Theil 1 Thlr. 20 Ngr.) gleichende Religionswiffenschaft. Leider gebricht es uns au Raum, einzelne dieser vortrefflich geschriebenen und von außerordentlicher Verstandesschärfe zeugenden Essais einer eingehenderen Besprechung zu unterwerfen. Wir urüssen uns begnügen, die vorzüglichsten derselben zu nennen, um die Leser, welche das Werk in die Hand bekommen sollten, auf dieselben aufmerksam zu machen. So die Abschnitte: „Die Zukunft in der Religion," „Stoff und Geist in der Natur," „Der Buddhismus und sein Verhältniß zum Judenthume und Christenthume," „Modernes Herdeuthum" und besonders die „Vergleichenden Skizzen über Judenthum und Christenthum." Philippson's Werk, das jeder Gebildete mit vielem Interesse lesen wird, sei besonders unseren jüdischen Lesern empfohlen." — Die „Europa" schreibt: „Wir haben bereits mit einiger Ausführlichkeit auf den ersten Theil dieser in Leipzig (in Baumgärtner's Buchhandlung) verlegten Essays des Dr. Ludwig Philippson verwiesen und melden heute das Erscheinen des zweiten Bandes. Das Werk behandelt die Welt- und Zeitfragen allerdings von einem jüdischen Standpunkte aus. Schon mehrfach aber ist von uns betont worden, daß eine Lücke in unserer Kenntniß der verschiedenen Lebenserscheinungen bleibt und daß wir in Betreff der Zeitbewegung mangelhaft orientirt sind, so lange wir einen der lebenden und sich bewegenden Factoren nicht in den Kreis unserer aufmerksamen Betrachtung ziehen. Ein Ding hört noch nicht auf zu sein und sich zu regen, wenn wir es vornehm ignoriren. Je freier unser Blick geworden und je weniger er durch cvnfessionelle, nationale oder sociale Borurtheile getrübt ist, um so unbefangener wird er auf jedem Vorgänge des allgemeinen Culturprocesses zu ruhen vermögen. Von der Beachtung des denkenden Menschen sollte prineipiell nichts ausgeschlossen sein, was menschlich-sittlichen Inhalt hat; mit der Kraft, die wir als die Kraft des historischen Schauens bezeichnen möchten, muß er es objectiv zu verstehen und zu würdigen suchen. Daß auch das Judenthum seit fünfzig Jahren ein Glied in der großen Kette der Zeit geworden, ist eine Thalsache, die nicht abgeleugnet werden kann. Eine mit der Vergangenheit und Gegenwart des jüdischen Elements sich beschäftigende Forschung hat sich durch eine Reihe achtungswerther Leistungen und durch den sittlichen und wissenschaftlichen Ernst, von dem sie getragen ist, ein Bürgerrecht im weiten Umkreise der deutschen Literatur erworben. Zur Orientirung auf diesem Gebiete ist uns u. A. das Philippson'sche Werk bisher ein erwünschtes