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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-06-29 · Heft 26 (29.6.1869) · p. Seite 509

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 26 (29.6.1869)
Date
1869-06-29
Page
Seite 509 (sequence 5)
Language
German
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Wahrheit und Aufrichtigkeit. Denn was ist das für „ein Wesen von unendlicher Langmuth und Liebe" welches durchaus den Opfertod eines Wesens und zwar „seines eingebvrnen Sohnes" haben muß, um die Sündhaftigkeit der Menschen zu vergeben, und zwar eine solche, die er ihnen durch das erste Menschenpaar aufbürden ließ? Ist das nicht ein viel grausamerer Gott, als der, welcher sprach zu Abraham: „Strecke Deine Hand nicht nach Deinem Sohne aus, und thue ihm nicht das geringste" (1 Mos. 22, 12.)? Aber abgesehen hiervon, woher hat denn das Christenthum, daß Gott „ein Wesen von unendlicher Langmuth und Liebe" ist? Weiß das der Herr Prof, nicht? Weiß er nicht, daß das alte Testament als die höchste Offenbarung neben der Einheit und der Unkörperlichkeit Gottes hinstellt: „Der Ewige, der Ewige, Gott, barmherzig und gnädig, langmüthig, und von unendlicher Huld und Wahrheit, bewahrend Huld den Tausenden, vergebend Sünde und Missethat und Schuld" — (und zwar ohne den Opfertod eines Menschen —). Und wenn er es nicht weiß, lese er es 2 Mos. 34, 6. 7. Und daß diese Lehre als eine der höchsten Offenbarungen anerkannt wird, kann er daraus sehen, daß sich diese Worte wie ein rother Faden durch das ganze alte Testament ziehen (5 Mos. 4,31. Joel 2, 13. Jona 4, 2. Psalm 86,15. 103, 8. 111,4.112,4. 116,5. 145,8. Nehemia 9,17. 31. 2 Chrvn. 30, 9.) und daß die Synagoge von ihrem Beginne an sie als ein Bekenntnißwort hingestellt hat, so daß diese Anschauung bequem in das Christenthum übergehen konnte. Uebrigens können wir dem Herrn Prof, zahllose Stellen des alten Testaments citiren, wo Gott als die Allgüte und Allliebe gefeiert wird, z. B. Psalm 145, 9. 106, 1. 69, 17. 34, 9. Klagelieder 3, 22. 23. Maleachi 1, 2. Jerem. 31, 3. Jes. 63, 9. u. a. St. Das alte Testament bietet uns aber nicht blos die Erkenntniß und die Wahrheit nach einer Seite; es ist nicht einseitig sentimal und romantisch. Auf seinem Boden wird nach dem Berständniß des Ganzen, aller Erscheinungen, auch des wirklichen Lebens und der Völkergeschichte gerungen, auch die Nachtseiten der Natur und des Lebens zu begreifen und in und aus Gott zu verstehen. Da wird uns allerdings Gott als die allweise und allliebende Vorsehung, aber eben darum auch als die Vergeltung, als die richtende Vergeltung offenbar. Tod und Uebergang werden als Faktoren der Entwicklung, der Vervollkommnung zu den höchsten Zielen des menschlichen, menschengeschlechtlichen Lebens unter der Führung und Fügung Gottes erklärt, um dereinst zum Reiche des allgemeinen Friedens unter der allgemeinen Herrschaft der Erkenntniß, der Liebe und des Rechts zu gelangen. — Herr Prof. Möllinger sieht also an seinem eigenen Beispiele, daß die Schriften des alten Testamentes nicht blos, wie er klagt, in den Händen der Jugend, sondern auch in denen von Professoren sich an ganz ungeeignetem Platze befinden nnd daß es bei ihnen, wie bei allen Gegenständen, allerdings auf die rechten Lehrer ankommt. — Nirgends ist gegenwärtig die religiöse Frage mehr an der Tagesordnung, als in Frankreich. Freilich sind die Fragen, die dort diskutirt werden, in Deutschland schon seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts immer wiederholt behandelt worden, und gründlicher als bei unfern Nachbarn, und man ist in Deutschland nur dadurch auf diesem Gebiete schweigsamer geworden, weil sich die Parteien schroffer ausgebildet haben und gewissermaßen mit einander fertig geworden. Die pietistische Partei weiß, daß sie die Männer des Denkens und der Wissenschaft nicht zu überwinden vermag, die letzteren wissen, daß sie jene von ihrem Standpunkt nicht entfernen werden. Statt der metaphysischen Diskussionen über die positiven Religionen, die philosophischen und naturwiffenschaftlichen Sekten beschränkt man sich in Deutschland vorzugsweise auf die Kritik. Dahingegen kann man den Franzosen in diesen Verhandlungen die Klarheit, die Objektivität und eine höhere Innigkeit als einen großen Vorzug nicht absprechen, und dadurch werden sie zu andern, sagen wir humaneren Resultaten gelangen als die Deutschen. Es ist merkwürdig, wir Deutschen können mit vollem Rechte eine größere Gedankentiefe und Gefühlstiefe uns zuschreiben; aber beide liegen, vielleicht weil sie eben tiefer hinabsteigen, aus einander, und stehen soweit von einander ab, daß sie sich nicht zu erreichen und zu vereinigen vermögen. Bei den Franzosen hingegen ist die Erregung der Denkkraft und des Gefühls in einem gewissen Bcrhältniß immer gleichzeitig und wirkt gemeinsam, woraus die Behandlung jeves Stoffes eine eigenthümliche Richtung und Färbung erhält. Doch verfolgen wir diesen Gedanken hier nicht weiter. Der greise Guizo t hat vor Kurzem feine wöckitations olirötiennes, über deren ersten Theil wir bereits in einem früheren Jahrgange sprachen, mit dem vierten Bande abgeschlossen. Er sucht darin zu beweisen, daß die Philosophie die großen Probleme zu lösen nicht vermöge, sondern schreibt dieses Resultat allein den Dogmen der

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