Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1869)
- Date
- 1869-06-29
- Page
- Seite 508 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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508 lassen, die aus diesen schwerlich wieder verschwinden. In dieselbe Linie rückt gegenwärtig von den unzähligen Vorlesungen, welche in den meisten Städten der civilisirten Welt über Gegenstände aller Art gehalten werden, ein großer Theil. Man hat dabei selbstverständlich das größere Publikum, dessen Bedürfniß und Gesichtskreis im Auge, und gehört eine bedeutende Meisterschaft in seinem Fache dazu, das Angemessene, Verständliche und Sichere zu diesem Zwecke auszuwählen und in lichtvoller Form darzustellen, so besitzen die Wenigsten die Eigenschaften, welche erforderlich sind. Die Popularisirung der Wissenschaften ist eine gefährliche Klippe, das Publikum will weit mehr interessirt und unterhalten, als belehrt werden. Man sucht daher vor allem piquant zu sein, und grelle Farben und Lichter aufzusetzen. Aus Natur und Geschichte wird das Wunderbare und Wunderliche ausgelesen, um den Geschmack der Zuhörer zu reizen. Die Oberflächlichkeit im Wissen und die Leichtfertigkeit im Urtheilen führen das große Wort. Wurde auf diese Weise in irgend einem Kreise irgend ein Erfolg erzielt, so läßt man die Vorlesungen drucken, um die gesprochene Weisheit auch dem größeren Publikum durch die Druckerschwärze zuzuführen. Wenn man einen Haufen solcher Hefte Vorlesungen jetzt durchgeht, so erschrickt man über die Masse Zerrbilder, welche über sonst gründlich und besonnen behandelte wissenschaftliche Gegenstände verbreitet werden, über die Ungründlichkeit und den Leichtsinn, mit welchem über die wichtigsten und schwierigsten Aufgaben gesprochen und geurtheilt wird. Daß religiöse Themata hierbei nicht zu den Seltenheiten gehören, kann man voraussetzen. Hierbei kommt in der Regel das Judenthum sehr schlechtweg. Man stellt die Geschichte der Religionen meist als Einleitung, als Vorhalle zu dem großen Weisheitstempel, in welchen man die zulauschenden Jünger führen will, dar, man geht von den alten Heiden zu den Juden, von den Juden zu den Christen und Muhammedanern, um endlich zu der nagelneuen Religion des großen Redners zu gelangen. Da die letztere die Hauptsache ist, und man von den andern nicht viel weiß, so wird dieser Gang durch die Weltgeschichte zu einem Galopp und Durchlauf, wobei man die Hufen recht derb auf die Steine schlagen kann, über welche man hinrast. Wir haben dies jüngst bei den Vorlesungen des Dr. Jaeger über die Darwin'sche Theorie gesehen; heute liegt uns schon wieder ein solches Heft vor: „Die Gottidee der neuen Zeit und der notwendige Ausbau des Christentums, in sechs Vorlesungen entwickelt aus den Gesetzen der natürlichen Offenbarungen der Gottheit. Von O. Möllinger (Zürich. Verlagsmagazin.)" Gleichgültig kann uns dies durchaus nicht sein. Es ist damit abermals ein Kanal in die allgemeinen Kreise für Jrrthum, Vorurtheil und Lüge gegraben, und wir wissen nicht, wohin die schlammigen Wasser gelangen. Man konnte sich früher trösten, daß die falschen Beschuldigungen in dicken Bänden vergraben liegen, aus denen nur Eingeweihte schöpfen. Hier aber dringen sie in allgemeine Kreise, wo noch dazu das Urtheil wenig zu Hause ist. Wir wollen uns nun hier mit Herrn Professor Möllinger's „Gottidee der neuen Zeit," seinem „Ausbau" und seinen „natürlichen Offenbarungen" nicht weiter beschäftigen, man kennt solche Dinge bis zum Ueberdruß. Wir wollen nur darauf hindeuten, was er vom „jüdischen Gott" sagt. Er beginnt seine anderthalb Seiten darüber mit den Worten: „Höchst merkwürdig ist der Abstand zwischen dem heiteren Götterglauben der Griechen und der finsteren Jehova-Jdee der Juden," und resultirt: „Eine aufmerksame Lektüre nicht nur der Bücher Moses, sondern fast des ganzen alten Testaments, enthüllt uns solche Eigenschaften des jüdischen Gottes, daß wir ihn nicht als ein höheres, wahrhaft göttliches Wesen, sondern vielmehr als einen ungerechten, launenhaften, leidenschaftlichen, rachsüchtigen und auf andere Götter eifersüchtigen Dämon erkennen müssen, „welcher sehr tief unter dem christlichen Gottbilde steht." Daß diese Worte nur aus dem blindesten Vorurtheil, aus dem mangelhaftesten Verständniß und aus der niedrigsten Weise der Auffassung hervorgehen konnten, braucht dem Sachkundigen nicht erwiesen zu werden. Doch sehen wir zuvor, wie der Herr Prof, sein Compliment der „christlichen Gottidee" macht. Er sagt: „Auf der Gottidee der Juden und möglicher Weise auch auf der indischen Götterlehre, welche ohne Zweifel durch den Handelsverkehr über Kleinasien'verbreitet wurde, baute endlich der erhabene Stifter des Christenthums die Idee des christlichen Gottes auf. Es ist nicht mehr der ewig zürnende, leidenschaftliche und sich rächende Jehovah, sondern ein Wesen von unendlicher Langmuth und Liebe. Er gab seinen eingebornen Sohn hin, um die Sünden der Menschheit auf sich zu nehmen, und für sie zu leiden, und ihnen die durch den Sündenfall verlorene Seligkeit eines jenseitigen Lebens wieder zu gewinnen." Auch diese Worte bezeugen nur den Mangel an allem tieferen Verständniß oder an dem wirklichen Streben nach