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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-06-15 · Heft 24 (15.6.1869) · p. Seite 483

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 24 (15.6.1869)
Date
1869-06-15
Page
Seite 483 (sequence 19)
Language
German
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483 „Nun, Jakob, du siehst, ich hatte das Glück, des großen Meisters Schüler zu sein, wonach du so sehr verlangst. Ich war es im ganzen Umfange, und der ernste, begeisterte Mann enthielt mir nichts von seinem Wissen und seinen Grundsätzen vor. Aber der Genius in mir ließ mich dabei keine Ruhe finden; er verlangte Prüfung, Vergleichung, trieb mich auf einen anderen Weg hin, der meiner Natur mehr zusagte, und den ich bald als den allein richtigen erkannte. Ich machte daraus kein Hehl. Ich verließ Leipzig, trieb mich — auch meine Mutter hatte unterdeß das Zeitliche gesegnet, und ich war unbeschränkter Herr eines großen Vermögens geworden — trieb mich Jahre lang an allen großen Plätzen bis Neapel hinunter herum, nur meiner einzigen Leidenschaft, alle Arten Musik und Musiker kennen zu lernen, lebend, aber nur durch Alles, was ich erfuhr, in meinen Ansichten bestärkt, und kehrte nach Leipzig zurück. Hier gab es endlich eine Katastrophe. Friedemann führte sie herbei, der finstere, menschengehässige und überstolze Geselle. Ich wehrte mich tapfer meiner Haut, aber die Trennung war eine vollständige. Friedemann hetzte, und Meister Sebastian verstand keinen Spaß, wenn es das Wirken und die Schöpfungen seines ganzen Lebens, wenn es das Mark seiner Prinzipien galt. . . Kurze Zeit darauf kamen die Kroaten nach Leipzig. Sie plünderten und raubten. Ich war in meiner Wohnung und musizirte, als sie mich überfielen. Ich weiß, ich habe es nachher erfahren, wer es war, der die Kroaten nach meiner in einer entlegenen Straße befindlichen Wohnung als der eines reichen Juden gewiesen, wo sie große Beute machen könnten. Sie stürzten herein, und es ging mir wie dem Archimedes mit den römischen Soldaten, wovon du freilich nichts wissen kannst. Kurz, den Zustand, in dem du mich siehst, verdanke ich jenen Kannibalen, denen ich doch so gerne das bischen Gold gegeben hätte, was sie bei mir vorräthig fanden. Es dauerte lange, bevor mein Leben außer Gefahr war, und nur der Pflege der alten Dienstmagd bin ich es schuldig, die du noch heute bei mir siehst. Meine Feinde triumphirten. Ich mußte der Kunst entsagen. Selbst zu spielen vermochte ich nicht mehr und das Gedudel der Anderen mag ich nicht hören. Ich suchte einen stillen Ort auf, wo ich mir selbst und ineinen Erinnerungen leben konnte, um die Tage zu verplempern, die mir noch beschieden sind. Ich fand ihn hier seit vielen Jahren. Es kostete mir Mühe, mir die dummen Leute vom Halse zu halten, denn Neugier, Habgier und Klatschsucht sind ja die Leidenschaften und die Geißel der Menschen. Doch genug..." Die Stimme des Erzählers hatte gegen Ende einen wehmüthigen Ton angenommen, der jedoch zuletzt wieder in wilden Sturm überzugehen drohte, wie er vorher hier und da durchgebrochen war. Aber er überwand ihn schnell und brach ab. Jakob fühlte sich tief ergriffen, und ein Wirrsal von Gedanken und Gefühlen ging ihm durch die Seele. Er verstand vieles nicht, was der wilde Gerschen zu ihm gesprochen, aber er empfand, daß etwas Großes und Entschiedenes darin enthalten liege und fühlte sich dazu hingezogen. Eines sah er klar, daß es also nicht die Armuth allein ist, welche dem innerlich schaffenden Geiste entgegentritt, sondern, daß dieser in seinem Streben mit noch tiefer liegenden Hindernissen zu kämpfen habe, die auch dem mit reichen äußeren Mitteln Versehenen nicht erspart bleiben, und an denen Jeder scheitern könnte. Seine schnell gesunkenen Hoffnungen knüpften hier wieder an, und er segnete bereits die Vorsehung, die ihn gerade hierher gebracht. Unterdeß hatte Gerschen sich gesammelt. Er sprang von seinem Stuhle auf und sagte zu Jakob: „Jetzt weißt du schon etwas, nun komm, ich will dich wohin führen, wohin ich noch Niemanden habe kommen lassen." Hiermit führte er ihn aus dem Zimmer durch einen Corridor, an dessen Ende sich eine verschlossene Thüre befand. Die Hand des steifen Armes stieß einen Schlüssel hinein, drehte.ihn im Schlosse und klinkte dann die Thüre auf. Alles langsam, mit einer gewissen Feierlichkeit. Den Blicken Jakob's zeigte sich ein hohes, geräumiges Gemach, das durch beide Stockwerke des Hauses ging. Es war durch die über einander befindlichen Fenster hell, während jedes grelle Licht durch die grünen Ranken und Blätter von Rosenstämmen, die sich um die Fenster zogen, behindert war. Die Fenster gingen nach oem Garten hinaus, der hoch ummauert und fast verschlossen war, so daß ein fremdes Auge niemals in das Innere des Gemachs dringen konnte. Zwei Seilen desselben waren von Regalen eingenommen, welche von unten bis oben Unmassen von Musikalien ausfüllten, theils in reichen Einbänden, theils ungebunden auf einander geschichtet. Auf der den Fenstern gegenüberliegenden großen Wand aber, welche eine köstliche Sammttapete als Grund zeigte, hingen unzählige Instrumente jeder Art, wie sie damals nur vorhanden waren, in Gruppen zierlich vereinigt, sämmtlich von der feinsten und kostspieligsten Art, Saiten- und Blasinstrumente von dem großen Contrebaß und der türkischen Trommel bis zu den spanischen Castagnetten und der savoyischen Maultrommel. In der Mitte am Fuße der Wand befand sich ein großer Flügel, den aber ein schwarzes Bahrtuch bedeckte. Die Mitte des Gemachs nahm ein großer alterthümlicher Lehnstuhl ein, mit dem Rücken gegen die Fenster, und davor ein bequemes Lesepult angebracht. Nachdem Gerschen seinem jungen Gaste Zeit genug gewährt hatte, sich mnzuschauen und von seinem Erstaunen darüber zu erholen, sagte er zu ihm mit sanfterem Tone, als man von ihm gewöhnlich hörte: „Sieh' darin ein Zeichen meines Vertrauens, daß ich dich hierhergeführt, und mögest du es niemals täuschen. Sage mir stets, was du denkst, und wann es nicht zu mir paßt und sich nicht ändern läßt, so werden wir in Freundschaft scheiden, ich werde mich immer für dich interessiren

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