Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1869)
- Date
- 1869-06-15
- Page
- Seite 482 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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482 Jakob war zu Ende und sein Wirth schlug mit Einem Male ein Helles Gelächter auf. „Haha! da hat man wieder einmal die klugen Menschen! Sie laufen und laufen, und sind sich des Zieles, nach dem sie laufen, genau bewußt, und doch laufen sie nur in der Irre umher, und wenn sie an's Ziel gelangen sollten, fänden sie, daß es gar nicht vorhanden! Bei meiner Zipfelmütze, die weiß besser, wohin sie wackelt, als die vernunftbegabten Thiere, die sich Menschen nennen. Dein Herr Lilienthal, mein Junge, hat läuten hören und weiß nicht woher, — aber natürlich thut er, als wüßte er es. Hat er doch wahrscheinlich den großen Johann Sebastian Bach, den Bach aller Bäche, soeben erst auf der Orgel in der Thomaskirche spielen hören, oder der ernste, aber leutselige Meister, sagte zu ihm: Lieber Lilienthal von Jtzig u. Comp., schafft mir einen neuen Scolar, aus irgend einem Dorfe, etwa so einen Klesmor von Euren Leuten, denn es fehlt mir daran! Ha, ha! Nun, Jakob, gieb dich zufrieden, Johann Sebastian Bach ist bereits über zehn Jahre todt, und der einzige Bach, der gegenwärtig in Leipzig existirt — hu — der Friedemann —" bei Nennung dieses Namens schien ein Zittern über den Körper des unglücklichen Verstümmelten zu laufen, und seine Zähne knirschten zusammen — „der nimmt keine Schüler an und kann keine ausstellen — ein furchtbarer Mensch!" Jakob war von diesen Worten wie von einem Blitzschläge getroffen; seine Arme fielen schlaff an ihm herunter, seine Augen senkten sich wie im Erlöschen. Sollte so das letzte Licht in der Finsterniß seines Lebens erloschen sein? Sollte diese schreckliche Bettelfahrt, die nicht lange mehr währen durfte, ohne ihn geistig und körperlich völlig zu zerrütten, sollte sie ziel- und nutzlos sein? Was nun anfangen, wohin jetzt sich wenden?... Während diese niederschmetternden Gedanken und Gefühle blitzschnell durch die Seele Jakob's fuhren, hatte sich der sonderbare Mann ihm gegenüber wieder gefaßt, und da er den Schrecken seines Gastes gewahrte, ihn auch wohl vorausgesetzt hatte, ging ein Leuchten über sein Antlitz und sein zusammengekniffener Mund dehnte sich zu einem freundlichen Lächeln aus: „Nun, schrick nicht so zusammen, Junge, rief er ihm zu, in dieser Welt wird das Wasser, das abfließt, sofort wieder durch neues ersetzt, das heran fließt; jedes Loch in der Welt wird ausgefüllt, und ich sage dir, der liebe Gott hat es gut mit dir vor, sonst hätte er dich nicht hierher pilgern lassen. Du sollst schon finden, was du suchst, und ehe du noch weiter suchst. Jetzt aber höre auch du Etwas von meiner Geschichte. Ich glaube, Alles, was du gesagt hast, ist wahr; ich finde kein Häkchen an deiner Wand, woran die Lüge sich hätte hängen können. Ich sage dir auch nur Wahres. Aber darum sage ich, Etwas von meiner Geschichte sollst du hören, Alles ist dir nicht nöthig zu wissen." Es war kein volles Vertrauen, das sich in die Seele Jakob's bei den Worten seines Wirthes geschlichen. Die Verheißung, die er ihm ertheilte, befriedigte ihn nicht ganz. Er hatte nun schon der bittren Täuschungen so viele erlebt, daß sein Gemüth zweifelvoll geworden und der Glaubensmuth ihm fehlte. Doch hörte er aufmerksam zu, und Jener erzählte. „Ich bin der einzige Sohn reicher Eltern, die jetzt längst im Grabe ruhn. Mein Vater war für seine Zeit ein seltener Mann, und wenn er auch selbst ohne Wissen und Bildung war, so schätzte er sie um so höher. Du kannst denken, daß er in der Gemeinde der Mittelstadt, in der er wohnte, einzig in seiner Art war. Meine Eltern waren aber die begütertsten in derselben, zeigten sich auch jederzeit sehr freigebig, und so wagte Niemand, Etwas gegen sie einzuwenden, noch dazu, da sie sonst streng nach dem Gesetze lebten. Mein Vater ließ mich daher schon frühzeitig von besonderen Lehrern unterrichten und zwar neben dem jüdischen auch von christlichen in Allem, was diese für nöthig hielten, um Etwas aus mir zu machen. Bei einem dieser traf ich — ich war erst sechs Jahre alt — einige Schüler, welche von ihm die Violine spielen lernten, und das ergriff mich so sehr, daß ich meine Eltern anging, mich auch darin unterrichten zu lassen. Sie wollten es anfangs^ nicht zugeben, das wäre Sache eines Klesmor, und ein Klesmor ist ein armer, verachteter Mensch, etwas besser als ein Schnorrer. Das schlug bei nur nicht durch; es war eine solche Liebe zur Musik in mir erwacht, daß ich an nichts Anderes dachte, nichts Anderes wollte. Ich erklärte meinem Vater, daß ich nichts Anderes lernen wollte, wenn ich nicht auch Unterricht auf der Violine erhielte, und in der That blieb ich in der nächsten Zeit bei jedem Unterricht stumm und hielt alle Strafe und Züchtigung aus, bis der Eigensinn des Kindes den Eigensinn des Vaters überwunden hatte. Ich kam aber auch meinem Versprechen nach und war in allen Lectionen um so fleißiger, als -mein heißer Wunsch erfüllt wurde. Aber meine Mußestunden gehörten von da ab alle der Musik an, und ich hatte bald meinen Lehrer ausgelernt. Andere kamen an die Reihe, aber ich hatte noch nicht mein zwölftes Jahr erreicht, als ich auch diese sammt dem Stadtpfeifer mit seinem Gelichter hinter mir hatte. Damals starb mein Vater, und meine sanfte, liebevolle Mutter, die in wir ihren Abgott fand, gab allen meinen Bitten nach, sobald diese heftig wurden und die Zeichen unüberwindlicher Entschiedenheit annahmen. Nachdem das Trauerjahr vorüber, zog sie mit mir nach Leipzig, von wo der Ruhm Sebastian Bach's sich auszubreiten begann. Es galt keine kleine Anstrengung, für ein paar Judenseelen die Erlaubniß zu erwirken, sich in der großen Handelsstadt aufhalten zu dürfen, wohin doch zwei Male des Jahres zahllose Kinder Israels ungehindert strömten. Aber der Meister, der in dem jungen Menschen eine große Künstlernatur zu sehen glaubte, nahm sich unserer an, und sein Ansehen wirkte uns eine Aufenthaltskarte aus."