Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1869)
- Date
- 1869-06-15
- Page
- Seite 484 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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484 und Lhun was ich kann. Verheimlichst du aber Etwas und täuschest mich — dann wird es schlimm zwischen uns!" Seine Augen sprühten Feuer, aber schnell besänftigte er sich wieder und fuhr fort: „Sieh' das ist meine eigentliche Welt, hier verbringe ich die Stunden meines Lebens, Stunden voll Trauer, aber auch Stunden der Erhebung, ja des Glückes... Ich kann meine geliebte Violine nicht mehr spielen! alle die schönen Instrumente, denen ich Harmonien zu entlocken verstand, einigen in meisterhafter Weise sie sind auf immer für mich verstmnmt, todtes Metall oder Holz. .. Aber es ist doch nur der Geist, der sie lebendig macht, und dieser Geist ist nicht tobt; er lebt vielmehr und wirbelt auf und nieder, und lüftet die Schwingen zur Sonne hinan oder zur grünen Flur oder zur grauen Wüste herab. Da sitze ich denn in meinem Lehnstuhl und suche mir eines der Instrumente an der Wand aus — ich kenne sie ja alle ganz genau, ihre Vorzüge und Fehler, und wie sie behandelt sein wollen, um sich unsrem Willen zu unterziehen, und wiederzugeben, was der Geist verlangt — ich suche mir eines derselben aus und blicke darauf hin, und vertiefe mich in diesen Anblick, und dann wird es lebendig in mir und in dem Instrumente und mein Geist bewegt sich wild und immer wilder und meine Phantasie regt die Flügel bis zu den fernsten Säumen der Welt und das Instrument mit mir und klingt und tönt Alles wieder, was ich empfinde und ersinne in den reinsten und vollendetsten Tönen .. Wie edel sah in diesem Augenblicke der unglückliche, verstümmelte Mann aus! Seine Gestalt hatte sich aufgerichtet und sein gekrümmter steifer Arm wies ausdrucksvoll auf die Wand der stummen Instrumente hin, die für ihn so viele, und so erhabene Sprachen enthielten; sein Auge leuchtete, seine Stirn strahlte, die Falten seines Gesichtes hatten sich geglättet. Selbst die Zipfelmütze that ihren Theil und hielt sich majestätisch ruhig nach hinten zu. „Und wenn ich zu solchem Werke des Schaffens nicht aufgelegt bin, so lege ich einen dieser vielen Bände auf das Lesepult und schlage ihn auf und durch das Auge werden mir alle die Symphonien, Concerte und Sonaten, Messen und Oratorien, Requiems und Opern, Seria und Buffa in einer Vollendung vorgeführt, wie die Menschen, die sich Musikanten oder Virtuosen nennen, es nicht vermögen... Du siehst, ich befinde mich hier in guter Gesellschaft, ich habe die freie Auswahl, und kann sie verabschieden wann ich will — oder in der besten, das ist der weinigen . .. Nun, du wirst hieran einigen Antheil nehmen können -— jetzt aber sollst du spielen." Gerschen winkte Jakob zum Saale hinaus, verschloß diesen wieder sorgfältig und kehrte mit ihm in das Wohnzimmer zurück. < Fortsetzung folgt.) Kleine Mittheilnngen. Man unterschätzt gewöhnlich, wie weit bereits in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Kultur unter den Juden sich ausgebreitet hatte. Wenn sie auch in der großen Masse erst in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts Platz griff, so hatten sich doch namentlich in den größeren Städten aus der wohlhabenden Klasse zahlreiche Individuen eine angemessene Bildung, Geschmack und Wissen angeeignet und hingen diesen geistigen Errungnissen mit Enthusiasmus an. — Ein kleines Beispiel siel uns in diesen Tagen in die Hände. Im Jahre 1783 wohnte Mozart bei einem Herrn Wezlar, einem reichen Juden, der ein großer Musikliebhaber war. Er bezeugte sich Mozarts stets als ein großmüthiger Gönner. Ein gewisser Da Ponte befand sich seit 1785 in Wien, wo er mehrere italienische Libretten zu Opern dichtete. Mozart sehnte sich längst wieder eine Oper zu componiren, studierte Hunderte von italienischen Libretten durch, konnte aber keines finden, das ihn ansprach. Da war es Wezlar, der die Bekanntschaft Mozarts mit Da Ponte vermittelte. Aber in seiner Ehrlichkeit sprach Mozart die Furcht aus, daß bei dem Einflüsse seiner Feinde und Neider seine Oper doch nicht zur Aufführung zugelassen werden würde. Da erbot sich Wezlar jedenfalls dem Dichter für den Text ein angemessenes Honorar zu zahlen und die Aufführung der Oper, wenn die Schwierigkeiten in Wien unübersteiglich sein sollten, in London oder Paris zu erwirken. Auf dieses Versprechen hin gingen beide, der Dichter und der Componist, an die Arbeit, es ging daraus hervor: „Figaro's Hochzeit". Der Mithülfe Wezlar's bedurfte es später allerdings nicht. Man brauchte in Wien eine neue Oper und griff nach der Arbeit Mozart's, die einen außerordentlichen Erfolg errang, dennoch aber durch die Jntriguen seiner Gegner in Wien bald wieder aus dem dortigen Theater verschwand — natürlich, um später desto glänzender wieder ausgenommen zu werden. Jenes nimmt aber dem Verdienste des jüdischen Banquiers nichts von seinem Werthe. (W. A. Mozart von Otto Jahn. Band III. S. 273 bis Band IV. S. 184.) Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur ttL H. Lotze.