Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1869)
- Date
- 1869-06-15
- Page
- Seite 481 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226690-3226715--27301-3262874- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Allgemeine Zeitimg -cs Zudcnthums. Feiiilleton-Äeilage M Ar. 84. Leipzig, den 15. Juni 1869. Ein Musikant. Erzählung ans der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. (Fortsetzung.) Als Jakob berunterkam, fand er den Einarmigen mitten im Zimmer stehend und seiner wartend. Der Blick, der aus ihn fiel, war nicht sehr ermunternd, denn es sprach sich Ungeduld und Mißmuth darin aus. Jakob begann einige Worte von Dankbarkeit, unverdienter Güte, Rettung u. s. w. zu stammeln, aber der Mann schüttelte unwillig den Kopf, und die Furchen seines knochigen Angesichtes führten ein eigenthümliches Spiel eines unruhigen Durcheinander auf. „Schweigt still, ich will das nicht hören!" schrie er und runzelte die Stirn. „Ich kenne das Geplapper und weiß, daß es gerade das Gegentheil bedeutet. Es heißt eigentlich nichts Anderes, als: scheer' dich weg und laß mich an deine Stelle! Doch genug. Jetzt setz' dich und frühstücke und dann wollen wir reden." In der Mitte des schmucken Stübchens stand ein Tisch, auf welchem sich bereits das Frühstück für Jakob befand. Er setzte sich nieder und begann alsbald wacker zuzulangen, während sein Wirth ihm gegenüber sich an einen Nebentisch lehnte, der mit einer feinen weißen Serviette bedeckt war, auf welchem Jakob's Geige lag. Man hatte ihr sichtbarer Weise einen Ehrenplatz geben wollen. Der Mann aß nicht mit, sondern sah nur Jakob bei diesem Geschäfte zu. Wahrscheinlich waren seine Gedanken weit weg, und er schaute nur hin, weil er ungeduldig das Ende abwartete. Bor einigen Monden noch wäre Jakob bei solchem Gebahren der Bissen im Munde stecken geblieben; jetzt hatte er gelernt, sich nicht zu geniren, wenn es für ihn nur etwas zu verzehren gab. Seine Mahlzeit dauerte lang, denn der Hunger so vieler Tage war durch den gestrigen Abendimbiß noch lange nicht zufrieden gestellt. „Na, bist du endlich fertig," fuhr ihn sein Wirth an, als er das Messer niederlegte und die Kaumuskeln sich in Ruhe setzten. „Jetzt will ich deine Geschichte hören. Aber höre, Bursch, zuvor das Eine: ich will Wahrheit, die reine Wahrheit; es darf in deiner Erzählung kein Wort der Lüge sein! Attrappir' ich dich bei einer falschen Rede, sei es heute, sei es morgen, oder über's Jahr, wenn du noch hier bist, so jage ich dich auf der Stelle fort und zwar nicht ohne eine Tracht Prügel mit jenem da —" und zur Unterstützung seiner Beredtsamkeit wies er mit dem steifen Arme nach dein uns schon bekannten Knotenstock. „Denn siehst du," fuhr er fort, „ich bin mein Lebetag genug belogen und betrogen worden, und dulde das von Keinem mehr, der nur eine Viertelstunde bei mir bleibt. Man nennt mich darum den wilden Gerschen, weil ich weder einen Müßiggänger noch einen Lügner ausstehen kann, und mit Wort und That einen solchen fortjage, der sich vor mir Hinpflanzen will. Also erzähle mir, aber ohne Vorrede, ohne Flauseln, ohne Zuthat, nur einfach deine ganze Geschichte. Ich werde dich nicht unterbrechen, aber dein Schicksal hängt davon ab." Mit einem Fuß stieß er sich einen Stuhl Jakob gegenüber hin und setzte sich darauf. Jakob erzählte einfach und treu die Geschichte seines Lebens. Sein Zuhörer bewährte eine merkwürdige Ruhe, wie sie an dem Manne kaum möglich zu sein schien; nicht ein Zug seines Gesichtes änderte sich, und seine Blicke blieben streng und stechend, ohne eine Zustimmung oder Mißbilligung auszudrücken. Er fürchtete offenbar, durch eine solche Jakob zu veranlassen, selbst nur unwillkürlich den Charakter seines Berichtes zu verändern. Es war daher Jakob unmöglich, dem Sonderling etwas zu verschweigen; er fühlte sich unbewußt unter dessen Herrschaft, es kam ihm klarer über die Lippen, als es bis jetzt ihm selbst gewesen; die Fäden, die sich in seinem Schicksal zu einem Gewebe vereinigt hatten, in welchem er sich nun wie in einem Netze gefangen sah, liefen so folgerichtig in-, aus- und durcheinander, daß er jedem einzelnen derselben sein volles Recht zukommen lassen mußte; selbst seine Liebe zu Lina, und wie sie bestimmend auf ihn eingewirkt, kam zum Vorscheine, und deutlicher, bewußter, als er sie bis dahin gefühlt und gewürdigt hatte. Nur einmal lief eine Art von Grinsen über das Gesicht des wilden Gerschen, als Herr Lilienthal vom Hause Jtzig u. Comp. über den großen Meister Bach in Leipzig seine Phrasen anbrachte und unser Jakob diese zum Leitstern seines Lebens, vorläufig seiner Wanderung machte.