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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-06-15 · Heft 24 (15.6.1869) · p. Seite 476

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 24 (15.6.1869)
Date
1869-06-15
Page
Seite 476 (sequence 12)
Language
German
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476 Anderen zurückschrecken, doch nur auf eine kurze Zeit. Andere wollen diese Freisinnigkeit als jeinen vorübergehenden Rausch bezeichnen, aus welchem die Spanier bald wieder erwachen würden. Gegen das letztere scheint uns zu sprechen, daß ja diese Cultusfreiheit kein Erzeugniß des heutigen Tages in Spanien ist, sondern sehr allmälig heranwuchs. Die spanischen Verfassungen von 1812 an sind Schritt vor Schritt erst bis zu der heutigen Stufe gelangt. Die Cortes von 1812 hielten noch fest an dem Satze, daß die katholische Religion die einzige Religion der Spanier sei und auf ewig bleiben werde. Ihre Nachfolger im Jahre 1834 begnügten sich schon mit einer Bestimmung für die Gegenwart und ließen die Zukunft für sich selber sorgen. Die Schöpfer des Grundgesetzes von 1841 konnten sich noch nicht enschließen, einem fremden Bekenntnisse die Oeffentlichkeit zu gestatten, hoben aber die strafrechtliche Verfolgung auf. Die Cortes von 1854 gingen nun den Schritt weiter, daß kein Spanier, wenn er auch vor dem Gesetze nur als Katholik gelten sollte, praktisch zur katholischen Religion angehalten werden durfte. Es fehlten nicht viele Stimmen, so wäre schon damals errungen worden, was sich jetzt die Cortes von 1869 zur Ehre annehmen können: nämlich die vollständige Beseitigung aller Schranken, welche der Gewissensfreiheit und der offenen Ausübung jedes Bekenntnisses noch im Wege standen. — Allerdings kommt es nun daraus an, ob die gegenwärtige Umwälzung einen dauernden Bestand erlangen werde. Denn selbst die früheren beschränkten Bestimmungen verhinderten Jsabella nicht, die rohesten Willkühracte auf religiösem Gebiete auszuüben und eine abermalige Contrerevolution würde sicher eine grausame Priesterherrschaft wieder im Gefolge haben. Rußland. Aus Westrußland, im Mai. Die Noth stände im westlichen Rußland — berichtet die „P. Z." — unter deren Druck vorzugsweise die zahlreiche jüdische Bevölkerung leidet, nehmen bei höchst unzureichender Abhilfe von Tage zu Tage größere Dimensionen an, und die in den öffentlichen Blättern enthaltenen Schilderungen des Elends bleiben weit hinter den thatsächlichen Verhältnissen zurück. So berichtet ein Augenzeuge, ein höherer preußischer Beamte: „In Szadar, einer kleinen Stadt im Gouvernement Kowno, wohnen ungefähr 2500 Juden und nur etwa 40 Familien sind in der Lage, sich ihren Unterhalt zu beschaffen, ohne die Wohlthätigkeit in Anspruch zu nehmen. In welcher Weise diese geübt wird, geht daraus hervor, daß die Juden, welche noch Almosen geben können, Blechmarken haben anfertigen lassen, die st«, Kopeken repräsentiren. Sobald durch Betteln sechs solcher Marken eingesammelt sind, werden sie gegen einen Kopeken (gleich vier preußischen Pfennigen« oder Brod und Mehl, das hierfür verabfolgt wird, eingewechselt. Familien von sieben Personen leben daselbst von fünf Kopeken täglich. Da das Pfund Brod jedoch 3 V-2 Kopeken kostet, so läßt sich hieraus entnehmen, in welcher Weise sie ihr Leben fristen und die Gestalten des Elends und der Roth, welche man auf allen Straßen und Wegen sieht, dokumentiren dieses/' Aehnliche und noch gräßlichere Zustände finde« man in Hunderten von Ortschaften. — Das Unterstützungs -Comits zu Kowno mach« seinen ersten Rechenschaftsbericht bekannt, nämlich seine Bilanz bis zum 24. April d.J. Hiernach hat es erhalten 26,701 Rubel S., worunter als Gaben des Kaisers und des Großfürsten Thronfolgers 2000 R., die Sammlung aus Petersburg mit ca. 11,000 R., und aus Berlin 2000 R. hervorzuheben sind. Von diesem Gelde war am 24 April noch 1485 R. Kassabestand. Die Verwendung wird in ihren Spezialitäten aufgeführt. Correspondeirz. Monatsberichte aus Ungarn. Neue Folge. II. Neu-Verbaß, im Mai 1 8 69. Die Eröffnung des gegenwärtigen Reichstages — von dem wir Israeliten die Gleichstellung mit den übrigen Religionsbekenntnissen in confessioneller Beziehung erhoffen — fand am 24. v. M in der Ofner Königsburg statt. Wenn auch in der Thronrede unter den einzuführenden Reformen die religiöse Frage nicht ausdrücklich erwähnt ist, so werden doch die folgenden zwei Stellen derselben in diesem Sinne ausgelegt. Se. Majestät rief näinlich den Magnaten und Abgeordneten

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