Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1869)
- Date
- 1869-06-15
- Page
- Seite 475 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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475 Wohnungen behandelten und mit Arzneien unentgeltlich versehenen Kranken betrug in diesem Jahre: 18,257, und zwar: 11,617 Israeliten, 5629 Muhammedaner, und 1011 Kranke christlicher Confession. Interessant sind die Bemerkungen über die Ursachen des epidemischen Fiebers, welches das Hauptcontingent für den Krankenbestand lieferte. Der Vers, der Schrift, Dr. London, Direktor und Chef-Arzt der Anstalt, sagt hierüber Folgendes: „Ich stelle mir nun zur Aufgabe die wichtigsten hier vorhandenen ätiologischen Momente des Fiebers zu erforschen, und wo möglich mir einen klaren Aufschluß darüber zu verschaffen. Obwohl die öffentliche Gesundheitspflege hier, — wie überhaupt in der ganzen Türkei, — noch im primitivsten Zustande schlummert, wiewohl hier fast in allen Ecken, ja inmitten der Hauptstraßen die bereits halb verwesten Cadaver verschiedener Thiere das Auge und die Nase des Menschen beleidigen; obzwar hier die ungesundesten Nahrungsmittel ganz ungeahndet feilgeboten werden, so kann ich all die genannten Uebelstände doch nicht als alleinige Ursache der hier in so großer Anzahl herrschenden Fieber annehmen. Ja es ist sogar auffallend, daß gerade die Stadt Jerusalem, die doch an Pflanzen und Vegetationen überhaupt arm ist, demnach nicht als Malariagegend betrachtet werden kann, dennoch von Fieber in so großer Quantität heimgesucht wird. Wo nun die nächste Ursache des Fiebers früher suchen? Ich warf nun zunächst mein Augenmerk auf das in den Cisternen aufbewahrte Wasser. Ich untersuchte voriges Jahr sowohl als Heuer — gegen Ende Sommer und Anfangs Herbst — das Trinkwasser von 60 Cisternen unter dem 400 mal vergrößernden Plößl'- schen Microscope, und fand in jedem Wassertropfen fast aller Cisternen, theils-runde einzelne, theils rosenkranzförmig aneinandergereihte, theils fadenförmige Pilze, theils verschiedenförmige Infusorien wimmelnd. Im Winter, wenn in Folge des Regens alle Cisternen voll sind, ist auch die Fieberskala fast Null. — Ist aber das Wasser in den Cisternen, wie im Sommer und Herbst fast versiegt, und die arme Classe, die sich kein Quellwasser kaufen kann, gezwungen den an zersetzten organischen Substanzen, an Pilzen und Infusorien reichen Wasserrest zu trinken, steigen die Fieber an Quantität und Intensität so rapid und so hoch, daß fast % der Bevölkerung daran leidet. Ich glaube somit: das mit den organischen Substanzen so reich geschwängerte Wasser, unter anderen als das wichtigste ätiologischeMoment der hier endemisch herrschenden Fieber annehmen zu können." Sehr häufig kommt auch der Aussatz in seinen verschiedenen Formen vor, jedoch nur unter den Muhammedanern, namentlich den Bauern, während die Juden und Christen davon frei sind. Spanien. Madrid, im Mai. Die Zeichen, daß die Cultussreiheit, so schwachmüthig auch noch deren Ausdruck in den Ktz 20 Und 21 der Verfassung ausgefallen ist, bleibend ihre Siege erficht, mehren sich. Der Abgeordnete Chao hat einen Gesetzantrag eingebracht, daß auf dem Quemadero der Inquisition, der Schauderstatte', wo dem Moloch priesterlicher Verfolgungssucht menschliche' Brandopfer zu Tausenden dargebracht worden sind, eine Denksäule zu Ehren der Cultusfreiheit errichtet werde. Aus der Stadt Reus ist ein Schriftstück an die Cortes gelangt, in welchem 380 Bürger dieser Stadt erklären, „daß sie die Jrrthümer des Katholicismun abgeschworen haben." In Barcelona, Sevilla und Madrid steigen protestantische Kirchen empor. Der Gemeinderath von Madrid verhandelt noch über die Genehmigung zum Baue einer Synagoge. Selbst die Minister nahmen an einem großartigen Festmahle Theil, durch welches Echegaray für seine glänzende Rede gegen die Unduldsamkeit und für seine Schilderungen aus den gräuelvollen Zeiten der Inquisition gegenüber den klerikalen Rednern, welche diese wegläugnen oder sophistich dadurch rechtfertigen wollten, daß sie sagten, die Verfolgungen seien gegen die Ketzereien, nicht gegen die Menschen gerichtet gewesen, gefeiert ward, und Castellar erhält aus allen Theilen des Landes Glückwünsche als Vorkämpfer für die Gewissensfreiheit. Natürlich fehlt cs auch nicht an Gegendemonstrationen, und die Klerikalen schreien in die Welt, daß die spanische Nation entrüstet gegen diesen Brauch der katholischen Einheit sei, und es wäre doch nur eine geringe Zahl, welche die Cultusfreiheit wollen und durch ihren Lärm die 24*