Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1869)
- Date
- 1869-06-15
- Page
- Seite 477 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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477 zu: „Ihr Beruf ist es: mit jenen Traditionen der Vergangenheit, welche dem zeitgemäßen Fortschritte im Wege stehen, zu brechen" .... „Anfzugeben von den Traditionen der Vergangenheit ist alles, was unhaltbar geworden." Hierunter, meint „Hon" (das ansehnlichste Journal der Opposition), sind gewiß jene unhaltbaren Traditionen verstanden, welche in unserem Vaterlande die Religions- und Gewissensfreiheit beschränken. Seit drei Tagen wogt mm im Unterhause die Redeilitt in Angelegenheit der auf die Thronrede abzusendenden Antwortsadresse. Der Entwurf der Majorität folgt dem Geleise der Thronrede, die Frage der Religionsfreiheit ebenfalls nicht berührend. Sollte etwa der Abgeordnete BÄa Perczel (Bruder des bekannten Honv^dgenerals) die diesbezüglichen Intentionen der Reichstagsmajorität zum Ausdruck gebracht haben, als er in der Sitzung vorn 22. d. M. indirect für die Verschiebung der Lösung dieser, alle Classen der Bevölkerung so empfindlich berührenden Angelegenheit plaidirte, indem er daraus, daß die öffentliche Meinung angeblich in den jüngstverflossenen Monaten eher mit allem andern, als mit dieser Frage sich beschäftigte, den gewagten Schluß zieht, das Land sehe ein, es gebe gegenwärtig Wichtigeres zu thun? Anders geht in dieser Beziehung das linke Centrum vor. Der von Tißa, dem Führer dieser Partei, eingereichte Adreßentwurf fordert die Verwirklichung der vollkommenen Religionsfreiheit und in seiner zur Motivirung dieses Entwurfes in der Sitzung vom 21. d. gehaltenen Rede tadelt er es scharf, daß in der Thronrede bei Erwähnung so vieler Fragen der Religionsfreiheit mit keinem einzigen Buchstaben gedacht ist. Und der Deputirte T 6th Knlmün (ungarischer Dichter und Redacteur) brachte folgende bittere Worte über die Lippen: „Wir lieben Reformen, das Malheur ist nur, daß es bei uns nicht genügt, daß die Früchte reifen, damit wir dieselben pflücken, sondern sie müssen erst faulen, damit sie, wie es bei der Eman cipation geschehen, von selbst zur Erde fallen." In anerkennungswerthester Weise spricht sich aber der Entwurf der äußersten Linken über die in Rede stehende Frage ans. Der betreffende Passus lautet also: „3m Zusammenhang mit der individuellen Freiheit der Bürger können wir nicht unterlassen vor Ew. Majestät zu erklären, daß wir die gesetzliche Anerkennung der Religionsfreiheit sammt allen ihren Consequenzen und der vollkommenen Rechtsgleichheit der Confessionen zu den dringenden Forderungen einer vorgeschrittenen Zeit wählen. Die Religion ist Gewissenssache. Daher erachten wir nebst der Auslassung des Ausdruckes: „gesetzlich recipirte Religionen" aus unfern Gesetzen, auch die Erklärung für nothwendig, daß Jedermann seine Religion sich frei wählen und sie ändern dürfe; daß ferner diese Freiheit unter die von der Verfassung garantirten persönlichen Rechte einregistirt werde, und daß ihre Unverletzlichkeit, wie die aller andern persönlichen Rechte, unter den Schutz der allgemeinen Gesetze gestellt werde." Wir wollen nun sehen, ob das Drängen der Opposition die Majorität bestimmen werde, in die Adresse ein offenes Wort über die religiöse Frage aufzunehmen. — Die Thronrede stellt auch eine den gegenwärtigen Verhältnissen des Landes entsprechende Umgestaltung des Oberhauses in Aussicht. General Türr äußerte in den öffentlichen Blättern seine diesbezüglichen Ansichten und findet diese Umgestaltung „schon infolge der zur That gewordenen politischen Gleichberechtigung unaufschiebbar, indem bisher blos der' hohe Adel, die Kirchenfürsten und die Oberbeamten daselbst Sitz und Stimme haben." Auch in dieser Beziehung hat Cisleithanien einen Borsprung genommen; denn im Wiener Herrenhause sitzen bereits Männer aller Religionsbekenntnisse — von unfern Glaubensgenossen: Rothschild und Winterstein. S. Blum. Anzei gen. Samsons schule in Wolfenbüttel. Auf Michaelis d. I. suchen wir einen gründlich gebildeten Pädagogen, der des Französischen und Englischen mächtig ist, wo möglich auch in Naturwissenschaften unterrichten kann und sich bei der Beaufsichtigung der Zöglinge zu betheiligen hat. Ihm wird neben ganz fre ier Station (Wohnung, Kost, Wäsche, Heizung, Licht u ärztl. Behandlung) ein mit 300 Thlrn. beginnender Gehalt, außerdem aber die Aussicht geboten, bei mehrjähriger Wirksamkeit seine Stellung dauernd zu begründen. Meldungen mit Lebensschilderung und Zeugnisse» sind dem Unterzeichneten portofrei einzusenden. Director Dr. PH. Ehrenberg.