Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1869)
- Date
- 1869-06-15
- Page
- Seite 470 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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470 So sehr wir die Bestrebungen des bez. Comits'S zu Kowno und deS Herrn Pr. vr. Rülf anerkennen und sobald sie bestimmte Garantien erlangt haben, unsererseits sie zu unterstützen entschlossen sind, so vermögen wir doch nicht, uns mit dem ganzen Inhalt des obigen Schreibens einverstanden zu erklären. Es ist ein großer Unterschied zwischen sofortiger Abhülfe augenblicklicher Noch und der Erreichung eines bestimmten großen Zweckes wie die Auswanderung unserer unglücklichen Glaubensgenossen aus Westrußland. Hierzu bedarf es: Erstens. Der ausdrücklichen Erlaubniß und zwar in der vollständigen Form eines Gesetzes der k. russischen Regierung sowohl für die Einwanderung in das Innere Rußland als auch für die Auswanderung aus Rußland. Bedingungen wie z. B. den Aufenthalt für Handwerker auf einjährige Pässe, können wir nicht acceptiren, denn man weiß, welche Vexationen und Erpressungen daraus fließen. Das Nieder- und Ansiedelungsrecht muß vollständig gesichert sein; sonst werden die Auswanderer nur noch um so größerem Elend und um so gewisserem Untergang überliefert. Zweitens muß eine regelmäßige Organisation, ein systematischer Plan vorgelegt werden, daß die Mittel, die erforderlich sind, die Ziele, die erreicht werden sollen, die Art und Weise, wie Auswanderer gefördert und ausgestattet werden, klar erkennbar sind und die Gewißheit vorhanden ist, daß die Ausführung auch wirklich so vor sich gehe. Ist dies nicht der Fall, so können wir uns ersprießliche Erfolge nicht denken, und eine irgend durchgreifende Hilfe wird von vornherein unmöglich sein. Wenn daher im obigen Schreiben aufgefordert wird, schon jetzt Gaben für die Zwecke der Auswanderung nach Königsberg zu senden, so scheint uns dies verfrüht. Mit den Spenden zur Vertheilung an die Leidenden und Darbenden möge fortgefahren werden — aber die Auswanderung muß erst in das Stadium der Organisation und Garantie gebracht und dann mit der höchsten Energie angegriffen werden. Wir unsererseits verweisen auf unfern Antrag bei dem in wenigen Wochen zusammentretenden Gemeindetag, und hoffen, daß die Beschlüsse desselben uns dem großartigen Unternehmen bedeutend näher bringen werden. Die Redaction. Literarischer Wochenbericht. Bonn den 3. Juni. Herr Rabbiner Dr. M. Kayserling hat es unternommen, eine wesentliche Lücke in unserer Literatur, eine Lücke, die sich theoretisch wie practisch fühlbar macht, auszusüllen, indem er eine „Bibliothek jüdischer Kanzelredner" herausgeben wird. In seinem Prospect macht er mit Recht darauf aufmerksam, daß die jüdische Homiletik trotz ihrer bereits großen Ausdehnung der wissenschaftlichen Behandlung entbehrt; es besteht für sie weder ein Lehrstuhl noch ein Lehrbuch und ihre Literatur und Geschichte sind bis jetzt unbearbeitet. Die „Bibliothek" wird an einem chronologischen Faden die Biographie eines jeden Predigers, die Cha racteristik und je nach seiner Bedeutung eine größere oder kleinere Auswahl der besten seiner theils gedruckten, theils ungedruckten Predigten liefern. Bei der sorgfältigen Auswahl wird das Augenmerk zumeist auf die zerstreuten, einzeln erschienenen oder selten gewordenen und im Allgemeinen mehr auf Sabbath- und Gelegenheitsals auf Festpredigten gerichtet werden, und sollen der Vollständigkeit wegen auch diejenigen Autoren nicht unberücksichtigt bleiben, von denen überhaupt nur wenige Producte in die Oeffentlichkeit gelangt sind. — Dieses Werk soll in Heften von 5 Bogen erscheinen, von denen sechs einen Band bilden werden. Jedem Hefte wird eine „homiletische Beilage" beigegeben, in welcher der frühesten Geschichte der jüdischenHomiletik, der Midrasch- und Deraschot-Literatur, der biblischen Exegese vom homiletischen Standpunkte, der Kritik und Bibliographie neu erscheinender homiletischer, exegetischerund historischer Schriften besonders Rechnung getragen werden soll.— Bei der bewährten Tüchtigkeit des Herausgebers können wir schon jetzt dieses Unternehmen nicht blos den Fachgenoffen und Lehrern, sondern auch den Gemeinden und Familien, für welche es ein wahres Erbauungsbuch werden wird, dringend empfehlen. Der Gedanke ist ein glücklicher und der Fleiß und die Umsicht des Herrn Or. K. werden die Ausführung entsprechen machen. — Ueber die Falascha's ist jetzt ein neuer Bericht und zwar von Martin Flad lBasel bei Spittler), also von christlicher Seite erschienen, der zur Ergänzung der Mittheilungen des Herrn Levy beitragen wird. Wir werden nächstens ausführlich darüber berichten.