Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1869)
- Date
- 1869-06-15
- Page
- Seite 469 (sequence 5)
- Language
- German
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469 Wiederverhe irathung Bei kinderlosem Tode des Mannes gestattet sein soll. Die Motivirung ist den Verhandlungen Vorbehalten. Wie ist den nothleidenden Juden in Westrußland;« helfen? IV. Wir erhalten ferner folgende Zuschrift: Memel, den 2. Äuni 1860. Gestern bin ich von Kowno glücklich hier wieder angelaugt. Was ich daselbst, sowie auf meiner Reise durch einen Theil der nothleidenden Gegenden gesehen, übertrifft bei weitem Alles, was ich bisher darüber mir vorgestellt, gedacht und geschrieben habe. Genaue Schilderungen später. Auf Sonnabend, den 30. Mai, Abends 9 Uhr, wurden wir zu einer Comitv - Sitzung — bereits am Mittwoch zuvor hatte ich dem ebenso edlen und humanen als verständigen und einsichtsvollen Gouverneur Fürst Obolenski meinen ersten Besuch abgestattet — in die Canzlei des Gouverneurs eingeladen. Hinzugezogen waren noch der Gymnasialdirector und Oberschulinspector v. Novikof, ein Mann, der unser Vorhaben eifrig fördern und für uns in den russischen Zeitschriften thätig fein will, sowie der gerade in Kowno anwesende Chef des Hauses I. S. Feinberg's Nachfolger in Kowno und Königsberg, Mitglied des Königsberger Unterstützungs-Comitös und Ehrenmitglied des Kownoer. Es wurde beschlossen: Vorbehaltlich der Regierungsbestätigung eine über einen großen Theil von Rußland sich verzweigende Gesellschaft zu begründen, welche zu allernächst die Auswanderung der Israeliten nach dem Innern Rußlands bezwecken; dann die Erwerbung von Grund und Boden für die Ackerbautreibenden anstreben; endlich die Heranbildung der Jugend durch Gründung von Schulen aller Art — wozu übrigens, wenn wir hierzu, was wir nicht bezweifeln, die Regierungsbestätigung erlangen, Fonds genug vorhanden wären — mit allem Ernste betreiben soll. Viele angesehene Männer, auch in der Hauptstadt St. Petersburg, haben ihre Mitwirkung zugesagt. Von Wilna, wo man zuvor schon die freundlichste Zustimmung zu unserm Vorhaben zu erkennen gegeben, waren auf unsere telegraphische Einladung drei Männer von den Notabilitäten der Stadt am Sonntag zu einer nochmaligen Besprechung des Gegenstandes erschienen. Ihr Glaubensbrüder auf dem gesammten Erdenrunde! Unsere Thätigkeit kann mit Zustimmung des Gouverneurs theilweise sofort beginnen, trotzdem das Unternehmen noch der Bestätigung der Regierung ermangelt. Tausende von kleinen Handwerkern wollen, um zu Hause dem sichern Hungertode zu entfliehen, nach dem Innern Rußlands wandern. Handwerker aber können auf ihren alljährlich zu erneuernden Paß hin hingehen und ihr Handwerk üben, wo sie wollen. Eine große Anzahl solcher Handwerker-Familien sind nackt und bloß auf das Gerücht von bevorstehender Hilfe nach Kowno gekommen und müssen in den dortigen Volksküchen ernährt werden, bis für sie die Mittel zur Uebersiedelung nach dem Innern Rußlands erlangt sind. Ihr edlen Menschen, Glaubens- und Nichtglaubensgenossen! Durch Eure wirksame Beihilfe, dessen versichere ich Euch heilig und theuer, sind Tausende und aber Tausende vom Hungertode errettet worden; versaget nicht Eure Mitwirkung zu diesem dauernde Abhilfe verheißenden Unternehmen. Mehr als ein Drittel aller Israeliten, auf dem gesammten Erdboden leben auf diesem Flecke zusammengedrängt; ein großer Theil, vielleicht die Hälfte muß auswandern entweder über oder — und das wünscht ihr sicher nicht — unter die Erde! Brüder! „Sehet die Stimme Eurer Bolkestochter rufet aus dem Lande der Fernen:" „Errettet vom Tode unsere Seele, erhaltet unser Leben in dieser Hungersnoth." — „Die Ernte geht sonst vorüber, der Sommer schwindet und uns ist nicht geholfen." (Ps. 33, 19.— Jerem. 8, 20.) Dr. Rülf. N. S. Laut Brief von Rabbiner vr. Bamberger aus Königsberg betreibt er eifrig die Bildung eines Comites zu gleichem Zwecke, das vermöge seiner Zusammensetzung und vermöge der Lage [t>er Stadt wohl am besten zum finanziellen Mittelpunkte des großen Unternehmens sich eignet. Herr S. Feinberg, Chef des bereits oben genannten Hauses, steht ihm hierin eifrig zur Seite und hat sich in den Comitssitzungen in Kowno bereit erklärt, die zu diesem Zwecke bestimmten Gaben entgegen zu nehmen, welche man darum gefälligst an Herrn I. S. Feinberg's Nachfolger in Königsberg in Pr. richten wolle."-