Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1869)
- Date
- 1869-06-08
- Page
- Seite 463 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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463 hatte feit Morgens nichts genossen, aber daß störte ihn nicht, denn er war es gewohnt; er war sehr ermüdet, aber er konnte nicht hoffen hier irgendwo eine Schlafstelle zu finden. Doch mochte ihm gerade dieses Haus in seiner ganzen Eigenschaft anmuthen. Er trat näher an die Gitterthüre, nahm das Tuch von seiner Geige, und begann eine Bolksmelodie, die er in verschiedener Weise variirte. Ach, lustig war sie nicht, und die Lebhaftigkeit, ja der Sturm der Variationen gab immer nur gleich dem senfzerreichen Andante, Schmerz und Wehklage als den ganzen Inhalt an. Auf der Straße ließ sich Niemand blicken; die Bewohner waren wohl noch draußen bei der Feldarbeit oder in ihren Werkstätten beschäftigt, und das Haus stand in einer Nebenstraße, welche auf das offene Feld mündete, von dem Jacob hergekommen. Da nahte sich aus dem Innern des Hauses eine Gestalt, und rückte langsam gegen die Gitterthüre vor. Da blieb sie stehen und schaute auf den armseligen Spieler, der aber gar nichts von ihr merkte, sondern in seinem Spiel fortfuhr und die niedergeschlagenen Augen auf die Saiten seines Instruments gerichtet hatte. Die Gestalt schüttelte wiederholt mit dem Kopfe, ihre Hand griff nach der Thürklinke, zog sich aber immer wieder zurück. Der Mensch schien mit einem Entschlüsse zu kämpfen. Das war ein wunderliches Gebühren. Wer diese Gestalt zum ersten Mal erblickte, wußte gewiß nicht, ob er lachen oder sich fürchten solle. Eine weiße Zipfelmütze stand aufrecht auf dem Kopfe, denn dieser Kopf war nicht nach damaliger Sitte mit einer Perrücke bedeckt, sondern trug einen Wald von wirrem blondem, zum Theil grauem Haare, und diesen steckte der Besitzer in die Höhlung der Mütze, die von diesem Inhalte hoch in die Luft ragte. Etwa wie eine Grenadiermütze aus des großen Friedrichs Garde. Dann hatte der Mann eine Jacke von Schafspelz an mit der Wollseite nach außen, und der eine Aermel hing schlaff herunter, denn es fehlte der Arm der ihn ausfülle, während der andere einen scharfen Winkel bildete, da dieser Arm, der linke, steif war. Nun unter der viereckigen Stirn strenge stechende Augen unter buschigen, zusammengezogenen Brauen, eine große kantige Nase, einen breiten zusammengekniffenen Mund, lange Furchen auf dem knochigen Gesichte und ein wilder grauer Bart. Eben entlud sich ein Gewitter aus der leidenschaftlichen Seele des jungen Mannes in einem gewaltigen Presto, da öffnete der linke Arm jener Gestalt ungestüm die Thüre, griff nach dem den Bogen führenden Arm Jacobs und zog den Erschrockenen, ohne ein Wort zu sagen, in das Innere des Hauses herein. Jacob sah sich unerwartet von der hellen Straße in die dunkle Flur und von dieser wieder in ein kleines, niedriges, aber reinliches, sogar schmuckes Zimmer versetzt. Er wußte wahrlich nicht, wie ihm geschehen. Da stand der Mann mit der schaukelnden Zipfelmütze und dem stechenden Blicke vor ihm, und schrie ihn mit einer heisern Stimme zu: „Kerl, wer bist du? woher kommst du^wohin willst du?" Jacob konnte nicht antworten. „Du bist der erste, schrie der Mann weiter, der wieder spielen kann, seitdem ich es nicht mehr kann, der den rechten Weg betteten, wenn auch erst angefangen, nachdem ich ihn verlassen mußte — du kommst nicht wieder von der Stelle — erst sage mir, wer du bist!" Der erschöpfte Jacob, auf den dieses sonderbare Erlebniß einen zermalmenden Eindruck gemacht, der von Hunger und Müdigkeit wie gebrochen, konnte noch immer keine Worte finden. Sein Antlitz, schon so bleich und verfallen, wurde noch blasser und jämmerlicher, seine Augen umnebelten sich, er sank auf einen Stuhl nieder. Da schüttelte der Mann den Kopf immer heftiger und rief endlich: „Ha, fehlt es dir da — dem soll abgeholfen werden ..." Er griff nach einem großen Knotenstock in der Ecke und führte drei dröhnende Schläge gegen eine an der Wand befindliche Tafel. Alsbald trollte eine kleine, dicke, alte Magd herein, blieb aber, ohne ein Wort zu sprechen, an der Zimmerthüre stehen. „Alte Hanne, schrie ihr Herr ihr zu, tummle dich einmal, schaff Essen und Trinken, das Beste was du hast, herbei, und hole eine Flasche Wein aus dem Keller und dann schaffe eine Wanne mit schönem frischen Wasser in die Dachkammer. Und dann rüste ein gutes frisches Bett dort zu. Und dann bist du fertig." Ebenso rasch rollte die kuglige Gestalt wieder hinaus und schaffte das Befohlene herbei. Jacob aß und trank und erholte sich. Der Mann mit dem einen steifen Arme sah ihm neugierig zu; aber als Jacob zu sprechen beginnen wollte, sagte er unwillig: „Nichts da heute, jetzt scheer' dich in die Dachkammer, gebrauche da die Wanne und das Bett, und morgen sprechen wir uns." Dabei drehte er ihm den Rücken zu und es blieb Jacob nichts weiter übrig, als dem Befehl zu gehorchen, was er sehr gern that. Als Jacob erwachte, verstand er es nicht zu begreifen, wo er wäre, und was mit ihm vorgegangen. In einem weichen, reinlichen Bette, in einer hübschen wohlgetünchten Kammer, nach einem langen, stärkenden schlafe, — das war ihm nicht zugute gekommen, seitdem er das Haus seiner Mutter verlassen. Als er sich noch anstrengte sich zu besinnnen, hörte er plötzlich aus dem unteren Geschoß drei starke Schläge auf ein Brett gethan und eine heftige heisere Stimme, und diese Töne versetzten ihn sofort in die Erinnerung dessen, was er am Abend vorher erlebt hatt. So wenig er es sich erklären konnte, stand es doch als sichere Thatsache vor ihm. Schnell sprang er aus dem Bette. Aber er fand da neue Veranlassung zu vielfachem Erstaunen. Da lag auf einem Stuhle ein einfacher, aber reinlicher Anzug und frische Leibwäsche, während alle seine Lumpen verschwunden waren. Er konnte sich von Fuß bis Kopf ankleiden, und erblickte sich wie eine völlig andere Ge-