Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1869)
- Date
- 1869-06-08
- Page
- Seite 462 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226690-3226714--27281-3262853- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hanau 1× ep/1047937
OCR text
462 einen zärtlichen Abschiedsbrief mit seinem Bleistifte, in welchem er ihnen kurz schilderte, was vorgegangen — natürlich nicht was bei Fürths, sondern nur was beim Stadtpfeifer geschehen — und in fast fröhlichem Tone die Hoffnung aussprach, ihnen bald von Leipzig aus Nackricht geben zu können. Er sprach über diese Reise so leicht und fröhlich, wie wenn er im Begriff wäre, eine mit vier Pferden bespannte Extrapost zu besteigen, oder als ob es bis dahin nur den Marsch einiger Stunden gelte. Nun, seine Mutter konnte dies allenfalls voraussetzen, Vetter Salme hatte schon mehr Ahnung, wie entfernt dieses Ziel noch sei. Dieses Blatt faltete er zusammen, bemerkte darauf, dem Ueberbringer einen Dreier Botenlohn zu geben, schlich sich dann bis zum Saume des Waldes, wo er, seinem väterlichen Dorfe gegenüber, glücklich auf einen Knaben stieß, der gegen die Verheißung eines so großen Lohnes fröhlich mit dem Briefe nach dem Dorfe sprang. Beruhigt machte er sich nun auf den Weg. Fand wirklich eine Verfolgung Seitens der Bewohner von St. statt, fo traf sie doch unfern Jacob nicht, er wurde nichts von ihr gewahr. Seine größte Sorge war jetzt, wie den rechten Weg nach Leipzig erfahren? Vor einem Jahrhundert war das keine Kleinigkeit. Nur Wenige vermochten zu sagen: das ist die Heerstraße von Frankfurt nach Leipzig. Man sagte: das ist die Straße von Frankfurt nach Bockenheim, und von Bockenheim nach Oppenheim und so weiter, das Höchste etwa bis Hanau oder Fulda. Jemanden also aufzufinden, der über die Richtung Aufschluß geben konnte, welche er einzuschlagen hatte, um nach Leipzig zu gelangen, das war eine große Schwierigkeit. Wirklich hatte denn auch Jakob die gerade entgegengesetzte Richtung eingeschlagen, und war wochenlang umhergeirrt, bis er in einer Stadt auf einen Mann traf, der bereits mehrere Male in Leipzig gewesen und ihm die Hauptorte angeben konnte, welche er zu passiren und nach denen er sich hinzufragen. Jakob erhob sich aus einer tiefen Niedergeschlagenheit, als er diese Nachrichten erhielt. War es idm doch schon vorgekommen, als ob das deutsche „Kleinparis" nur eine Fabel sei, ein Mährchengebilde, wie das verzauberte Königsschloß im Walde. Jetzt wußte er doch wenigstens, daß es existirte, und daß es auf einem bestimmten Punkte dieses Erdballs zu finden sei. Muthiger setzte er wieder seinen Pilgerstab in Bewegung. Ach, es ging ihm sehr schlecht. Seine paar Sparpfennige waren längst aufgezehrt, seine Habseligkeiten längst vertrödelt; er hatte nichts mehr als die kleine Geige, die er sich wieder zurecht gemacht hatte, und von der er sich nicht trennen wollte, und wenn er verhungern müßte. Sie war es auch, die hier und da eine Mahlzeit einbrachte, oder auch ein paar Pfennige. Er war schon geworden, was ihm Vetter Salme vorausgesagt, ein bettelnder landstreicherischer Musikant, aber er sagte sich: das thust Du ja nicht um Deinen Lebensunterhalt, sondern um Dir endlich die große Bahn zu öffnen, auf welcher Du zum Ziele kommen wirst! Sein Anzug war verfallen, seine Stiefeln zerrissen, sein Aussehen wüst. Was Wunder, daß er da mit der strengen Straßenpolizei in viele Conflikte gerieth, daß er als ein paßloser Vagabond wochenlang eingesperrt und dann über die Grenze gebracht ward. Letzteres war freilich immer nicht weit, denn bis an die königlich preußische und churfürstlicke Landesgrenze wimmelte Deutschland von zahllosen kleinen Souveränen, deren Territorium bequem in einem Vormittag zu umreiten war, die aber desto eifersüchtiger auf ihre landeshoheitlichen Rechte hielten. Das größte Wunder hierbei war, daß er sich seine Geige erhielt, während sie doch von den habgierigen Dienern des Gesetzes unter dem leichtesten Vorwände mit Beschlag belegt werden konnte. Jakob wandte alle mögliche List an, sparte, so es nöthig, auch der Thränen und Kniebeugungen nicht und bestand mit seiner Geige Abenteuer, deren Beschreibungen einer homerischen Feder würdig wäre. Kurzum, er sank immer tiefer, seine leibliche Beschaffenheit kam auf's Aeußerste herunter und sein Geist gerieht fast in eine Bewußtlosigkeit, die ihn eben noch vor der Verzweiflung schützte. Er wußte eigentlich gar nicht mehr, wer er wäre, wo er wäre und welche Zeit es wäre; er wußte nur noch, daß er nach Leipzig müsse, und darum ging er instinktmäßig weiter. Nur dann und wann blitzte aus dem dichten Nebel seiner Seele das alte Feuer wieder auf, daß er die Geige an das Haupt legte und sich frei in musikalischen Phantasien erging, in denen sich unbewußt seine Gefühle ausdrückten, ohne daß er eigentlich selbst etwas davon vernahm. So stand er eines Abends vor einem Hause in der Vorstadt einer größeren Stadt, welche vielleicht in der Mitte seiner heimischen Gegend und Leipzig lag. Aber Monate waren schon vergangen und der Herbst in das Land gezogen. Es war eigentlich noch nicht Abend. Nach einem nebligen Morgen war gegen Mittag die Sonne durchgedrungen, der Himmel hatte sich geklärt und es war einer jener herrlichen Herbstnachmittage gekommen, welche die vergangene Pracht des Frühlings vergessen machen und für die Mühsale eines drückend heißen Sommers reichlich Entschädigung bieten. Die Fülle des Erntesegens bringt Zuversicht in das Menschenherz und der milde Sonnenschein bei mäßig warmer Luft gießt selbst über das falbe Laub und das welke Gras einen prächtigen Schimmer. Jetzt senkte sich die Sonne im Westen nieder und die Schatten der Bäume und Häuser sielen weithin über den Boden. Jakob hatte sich jener Vorstadt genähert und war vor einem der Häuser stehen geblieben. Warum er dies gerade hier that? Wer kann dies sagen. Es war ein kleines aber schmuckes Haus, mit blanken Fensterchen und rothschimmerndem Dache; die Hausthüren standen offen, aber von innen schied eine geschlossene Gitterthür die Flur von der Straße; hinter jener konnte man nichts gewahren, da die Flur völlig dunkel war. Jakob