Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1869)
- Date
- 1869-06-08
- Page
- Seite 464 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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464 statt in dem kleinen Spiegel an der Wand. Welche wohlthuende Empfindungen gingen durch sein Herz, welches Behagen, wie viel Dankbarkeit füllte seine Seele aus! Und dabei klang es leise durch sein Gemüth, daß er dies nicht blos einer Anwandlung von Wohlthätigkeitssinn in dem Herzen des bezipfelten Mannes, sondern wahrscheinlich seiner Kunst schulde. Es war ihm wirklich wie einem Schiffbrüchigen zu Muthe, der Tagelang in der Wasserwüste umhergetrieben worden, jeden Augenblick in Gefahr, unterzugehen oder zerschellt zu werden, und den plötzlich eine Welle auf ein moosiges Ufer geworfen, wo er Sicherheit und Ruhe gefunden. Zwar konnte er sich einiges Bangens nicht entschlagen, wenn er dachte, daß es jetzt darauf ankommen werde, ob er die Voraussetzungen seines Wohlthäters zu erfüllen vermögen werde. Aber es genügte ihm schon das vorläufig, was er bereits hatte, und er stieg so mit einer gewissen Spannung die Treppe hinunter zu dem kleinen Wohnzimmer. lFortsetzung folgt.) Kleine Mittheilungen. In der „Liter. Gesellschaft" in Potsdam, (einer bereits lange bestehenden, alle wissenschaftlichen Intelligenzen der Stadt vereinigenden Gesellschaft! hielt vor Kurzem Rabb. Dr. Tob. Cohn einem Bortrag, von dem es in der Voss. Ztg. heißt, daß er „in schöner Form und obwohl gedrängt, doch inhaltsreich das Leben Baruch Spinoza's (geb. 1632, den 24. November zu Amsterdam, gest. 1677 den 21. Februar, Sonntags) behandelte und ihn als den schilderte, der zuerst die einheitliche Weltanschauung, die Einheit von Denken und Sein, oder des Unendlichen und des Endlichen gelehrt habe und dadurch der Atlas geworden sei, auf welchen die ganze neuere deutsche Philosophie und auch die Weltweisheit unserer Klassiker Lessing und Goethe, selbst Schiller's durch Kant sich stütze. Den nächsten Anlaß fand dieser Bortrag in der Nähe des Todestages des großen Philosophen, vor allem aber in einem Oelbilde desselben, welches 1660 gemalt und zu Anfänge der französischen Revolution vom Haag nach Paris und von dort nach Deutschland gekommen ist, wo es sich jetzt im Besitz des Dr. Ludw. Philippson zu Bonn befindet, der dem Vortragenden eine vortrefflich charakterisirende Photographie davon zugesendet hat, die nun gleichzeitig vorgezeigt wurde." — In Neu-Sandec, einem Hauptorte der chasfidischen Sekte, haben jüngst empörende Auftritte stattgefunden. Die „N. Fr. Pr." berichtet darüber vom 2l>. Mai: Seit Samstag den 22. d. befindet sich unsere Stadt aus Anlaß von Excessen, welche an diesem und dem nächstfolgenden Tage sich hier ereigneten, in ungewöhnlicher Aufregung. Der hiesige Rabbiner, welcher im Rufe eines Propheten steht, wurde von der Gegenpartei bei dem gleichfalls im Rufe der Heiligkeit stehenden Ober-Rabbi in Sadagora in der Bukowina verklagt, und auf Verwendung dieses Letzteren soll nun der hierortige Rabbiner von dem in Jerusalem befindlichen Patriarchen in den Bann gethan worden sein. Genug an dem, die Bannformel wurde von unbekannter Hand an mehreren Orten, am Fenster und sogar am Bette des Rabbiners angeschlagen. Zwei Israeliten, Namens Hersck Ungar und Mendel Ehrlich, aus alter Zeit Feinde des Rabbiners, wurden nun als die Thäter bezeichnet, und als sie am letzten Sabbath Vormittags in der Synagoge erschienen, wurden sie von der Chassiden-Partei angefallen, ihnen die Kleider vom Leibe gerissen, mißhandelt und zum Tempel hinausgeworfen, und nur der Intervention von vier Polizeisoldaten mit gepflanzten Bajonetten gelang es, sie vorderhand vor weiteren Unbilden zu schützen. Damit begnügte sich aber die einmal fanatisirte Menge nicht; Tags darauf (Sonntag) gegen 10 Uhr- Abends fand eine abermalige Zusammenrottung statt. Die aufgeregten Juden sollen nichts Geringeres im Schilde geführt haben, als die beiden Israeliten, die vermeinten Boten des bannschleudernden Patriarchen, zu erschlagen. Zu diesem Behufe hatten sie sich mit allen bei jüdischen Leichenbegängnissen nothwendigen Requisiten, namentlich aber mit einer Bahre versehen, denn Hersch Ungar sollte sofort nach geschehener That begraben werden. Der Auflauf und das wüste Geschrei nahmen überhand. Die Polizei intervenirte vergebens und wurde mit Steinwürfen empfangen, so daß man endlich gezwungen war, die Bürgerglocke auf dem Rathhause (eine Art Sturmglocke) läuten zu laffen. Die angekommenen schwächeren Patrouillen genügten jedoch nicht zur Beschwichtigung der aufgeregten Juden. Erst beim Anmarsch von Militär ergriff die Menge die Flucht. Heute ist zwar die Ruhe äußerlich hergestellt, jedoch befürchtet man bei der Gereiztheit der Stimmung abermalige Excesfe. Das Frohnleichnamsfest pflegt hierorts nicht ohne Schlägereien zwischen Juden und Christen abzulaufen. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.